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Flüchtlings-Exodus aus Idomeni Mit "Kommando Norbert Blüm" über die Grenze

Hinter dem illegalen Grenzübertritt nahe Idomeni steckt eine mit Flugblättern organisierte Aktion. Bis dato ist allerdings unklar, wer deren Initiatoren sind. Das Flugblatt war mit "Kommando Norbert Blüm" unterzeichnet.

Von: Wolfgang Landmesser und Julian von Löwis

Stand: 15.03.2016

Flüchtlinge beim Grenzübertritt bei Idomeni | Bild: dpa-Bildfunk

Der Grenzübertritt hunderter Flüchtlinge über die griechisch-mazedonische Grenze war offenbar eine organisierte Aktion. Im Camp von Idomeni waren zuvor Flugblätter in drei verschiedenen arabischen Dialekten verteilt worden. Darauf war eine Skizze des Wegs entlang der Grenze, bis zu der Stelle, wo eine Lücke im Grenzzaun ist.

Möglicherweise werde das Lager in den kommenden Tagen evakuiert, stand auf dem Flugblatt, dessen Text der Krisenstab der griechischen Regierung veröffentlichte. Die Flüchtlinge könnten dann in die Türkei abgeschoben werden. Kleine Gruppen würden von der mazedonischen Polizei festgenommen und zurückgebracht, so das Flugblatt weiter. Nicht so eine große Gruppe. Der Marsch sei somit die letzte Chance, um über die Grenze zu kommen.

"Wenn Sie aber zu Tausenden versuchen, gleichzeitig über die Grenze zu kommen, wird die Polizei Sie nicht stoppen können."

Wörtliches Zitat aus dem Flugblatt

"Kommando Norbert Blüm"

Wer hinter der Aktion steckt, ist bis dato unklar. Es gilt als nicht unwahrscheinlich, dass deutsche Aktivisten hinter dem "Kommando Norbert Blüm" stecken.

Ein Sprecher des Krisenstabs forderte die Flüchtlinge auf, den Behörden zu vertrauen und sich in Camps bringen zu lassen, wo die Versorgungslage besser ist. Die Lage der Menschen im Lager von Idomeni sei absolut aussichtslos.

Alexis Tsipras spricht von "kriminellem Vorgehen"

Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras warf den mutmaßlichen Initiatoren "kriminelles Vorgehen" vor. Er rief die unter erbärmlichen Bedingungen in Idomeni festsitzenden Menschen auf, die Hoffnung auf eine Weiterreise Richtung Deutschland fahren zu lassen und ihre Umsiedlung in bereitstehende Lager zu akzeptieren:

"Wir halten es für ausgeschlossen, dass die Balkanroute wieder öffnet"

. Alexis Tsipras

Er arbeite aber mit den EU-Partnern mit Hochdruck daran, dass die Menschen auf legalem Wege in andere EU-Länder gebracht würden; die bisherige Umsetzung der europäischen Umverteilung müsse beschleunigt werden.

Blüm entsetzt bei Besuch in Idomeni

Am Wochenende hatte der ehemalige deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm (80), dessen Name nun auf den Flugblättern stehen soll, eine Nacht bei den Flüchtlingen im Camp in Idomeni verbracht und die miserablen Zustände dort als "Anschlag auf die Menschlichkeit" bezeichnet.

"Diese Art von Brutalität ist unwürdig der europäischen Kultur... Es ist eine Kulturschande."

Norbert Blüm 

Von dem angeblich mit "Kommando Norbert Blüm" gezeichneten Flugblatt distanzierte sich der CDU-Politiker jedoch umgehend.

"Ich habe Verständnis für die Verzweiflungstat, die ich jedoch nicht initiiert habe."

Norbert Blüm

Der Text des Flugblatts

  • Die griechisch-mazedonische Grenze ist zu und wird zu bleiben.
  • Es gibt keine Busse oder Züge, die Sie nach Deutschland bringen werden.
  • Es ist sehr gut möglich, dass derjenige, der in Griechenland bleibt, am Ende in die Türkei abgeschoben wird.
  • Wer es schafft, illegal in einen anderen Staat Mittel- oder Osteuropas zu reisen, wird bleiben können. Deutschland akzeptiert noch Flüchtlinge.
  • Es ist möglich, dass das Lager von Idomeni in den kommenden Tagen evakuiert wird. Möglicherweise werden Sie dann in andere Lager gebracht und danach in die Türkei ausgewiesen.

Die Lösung:

  • Der Zaun, der vor Ihnen steht, soll Sie in die Irre führen, damit Sie glauben, die Grenze sei geschlossen. Der Zaun endet fünf Kilometer von hier. Danach gibt es keinen Zaun, der Sie daran hindern könnte, nach Mazedonien zu reisen. Sie können hier rübergehen (schauen Sie auf die Karte).
  • Wenn Sie sich in kleinen Gruppen bewegen, werden Sie von der mazedonischen Polizei oder der Armee festgenommen und nach Griechenland zurückgebracht. 
  • Wenn Sie aber zu Tausenden versuchen, gleichzeitig über die Grenze zu kommen, wird die Polizei Sie nicht stoppen können. Lasst uns alle um 14.00 Uhr im Camp (von Idomeni) treffen. Bitte schauen Sie für den Weg zum Treffpunkt auf die Karte. 

Übersetzung aus dem Arabischen laut einer Veröffentlichung in der griechischen Presse


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Gregor Krzesnwestki, Sonntag, 20.März, 05:40 Uhr

42. Bewusstsein der Pressefreiheit fehlt

Da schreiben Leute allen Ernstes: "Berichterstattung ist zu einem Großteil große Meinungsmache und einfach nur scheinheilig" ohne einen Gedanken daran zu verschwenden in welcher komfortablen Situation wir hier die Pressefreiheit haben.
Unbeeinflusst, frei, unabhängig. Gut, es mag mal auch Zwänge in der einen oder anderen Richtung geben. Im großen und ganzen aber kein Vergleich zu staatlich gelenkten Presseorganen wie sie sich in unfreien Staaten finden. Kommentare zu schreiben, frei seine Meinung zu äussern ist oftmals nicht möglich.
Wir sehen die Entwicklungen selbst in Nicht-Diktaturen. Polen und die Türkei sollten mal als Warnung verstanden werden.
Einige Leute versuchen hier leichtfertig ein falsches Pressebild (Lügenpresse) zu zeichnen, um ihre antiquierten-politischen Ziele zu erreichen.
Dumm!

Civis, Mittwoch, 16.März, 13:22 Uhr

41. Kommando Blüm

Selbstverständlich hat EX-Minister Blüm hier eine Mitverantwortung. Was hat er dort überhaupt zu suchen? Warum sorgt er nicht dafür, dass die "Flüchtlinge" aufgeklärt werden und sich in die sicheren Unterkünfte begeben?! Das Sprichtwort passt: Alter schützt vor Torheit nicht!

Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras hat das richtig benannt. Die Initiatoren sind kriminell und wer sie direkt oder indirekt unterstützt ist mitverantwortlich. Auch die Medien machen sich hier mitschuldig. Wo bleiben denn die Bilder von den vorgehaltenen Flüchtlingsunterkünften? Dort ist es trocken, es gibt Essen und Sicherheit! Diese Bilder sind wohl weniger spektakulär und dort halten sich deshalb keine "Journalisten" auf.

Die Berichterstattung ist zu einem Großteil große Meinungsmache und einfach nur scheinheilig. Diese Journaille sollte sich schämen.

  • Antwort von Gestatter, Sonntag, 20.März, 05:28 Uhr

    @Civis

    Würden sie freundlicherweise jedem Menschen seine eigene Meinung gestatten?
    Norbert Blüm ist nicht dafür verantwortlich, wenn verantwortungslose, kriminelle Aktivisten seinen Namen mißbrauchen. Oder darf ich sie verantwortlich machen, wenn ich jetzt bei Amazon Großbestellungen durchgebe?
    Hören sie auf Medien falsch zu kritisieren. Wollen sie gefilterte, zensierte, beschwichtigende, übertriebene, verharmlosende, gefälschte und manipulierende Nachrichten lesen?
    Lesen sie dann die Publikationen von Diktaturen ihrer Wahl. Sie scheinen sich nicht darüber bewusst zu sein, was es heisst eine freie, unabhängige Presse zu haben?

AfD-Anti, Mittwoch, 16.März, 04:19 Uhr

40. Wahlprogramm nicht gelesen

AfD will das Arbeitslosengeld abschaffen. So steht's im Wahlprogramm. Und die "Bedarfsträger" wählen die auch noch? - Sehr kurios. Respekt, man entzieht sich selbst Ansprüche des Staates. Solcher Wähler trifft man selten.

Lest dieses Wahlprogramm. Jede Menge Argumente gegen eine AfD werden frei Haus geliefert. Hätte man das nicht vor der Wahl mal publizieren können?

Regina Lampe, Dienstag, 15.März, 19:19 Uhr

39. Idomenie - sog march of hope

Ihre Berichterstattung zeichnet sich in der Regel durch hohe Sorgfalt aus.
In dieser Sache empfiehlt sich allerdings dringend das Studium zB. Der österreichischen Presseorgane bzw die sozialen Netzwerke wie facebook oder twitter.
Hier tauschen sich die sog Aktivisten , Flüchtlingshelfer aus in Gruppen wie no borders uä, deren Ziele unverhohlen benannt werden ( bei letzterem: nomen est omen ). Besagtes Flugblatt kursierte bereits seit Tagen. Fairerweise muss angemerkt werden, dass es durchaus auch Helfer in den Flüchtlingslagern gab und gibt, die eindringlich vor der Aktion warnten.

Besonders perfide ist jedoch die Rolle der Presse (-Fotografen) in dieser Sache.
In Ihrem Team finden sich doch sicher internetaffine Menschen, die hier bei der Recherche unterstützen, um das Bild der Lage zu komplettieren.

Regina Lampe

Michl, Dienstag, 15.März, 18:55 Uhr

38. Über die Grenze

aha, den jungen Flüchtlingen ist es also nicht gut genug in Griechenland, obwohl sie doch vor Terror und Bomben geschützt wären, welches doch der Grund ihrer Flucht ist, erzählt man uns zumindest täglich. Nein, sie wollen weiter zu Mama Merkel ins Wirtschaftswunderland, "aber Hallo" wenn schon, denn schon. Spätestens ab hier in Griechenland (herrliches Urlaubsland) sind es keine Kriegsflüchtlinge mehr, sondern reine Wirtschaftsflüchtlinge. Ich habe nicht mein lebenlang gearbeitet um jetzt Menschen, die sich einfach ein besseres Leben erzwingen wollen zu versorgen. Ich habe Familie, Kind und Enkel, für die habe ich, - wie schon mein Vater und und mein Großvater gearbeitet.

  • Antwort von Eska Peter, Samstag, 19.März, 18:52 Uhr

    Ich verstehe Ihren Frust. Nur, Frau Merkel hat keine eigenen Kinder...
    Und letztlich ist es vielen Kinderlosen egal, wer ihnen später die Rente zahlt. Und außerdem: Jetzt wird gelebt! Wer glaubt denn da noch an so etwas Altmodisches wie Familie mit Kind(er)?