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#HomoDigitalis Wie die Digitalisierung Freundschaft verändert

Was ist Freundschaft? Diese Frage wird zur Zeit neu verhandelt, getrieben durch neue Formen von Beziehungen - übers Internet oder gleich mit rein virtuellen Personen. Mancher hält menschliche Freunde in Zukunft für überflüssig.

Stand: 18.10.2017

"Zu Hause erwartet mich schon mein virtueller Freund. Und wenn ich müde nach Hause komme, sagt er: 'Hey, du hattest einen anstrengenden Tag!'. Dann muss ich lächeln und meine Müdigkeit verfliegt", sagt Lisa.

Künstliche Intelligenz als Lebenspartner

Web-Serie Homo Digitalis

Werden wir irgendwann virtuelle Freunde und Freundinnen haben, Sex mit Robotern besser finden als echten, unseren eigenen Körper hacken? Was macht die digitale Revolution mit unserem Leben? Und: Wie lange sind wir eigentlich noch Mensch? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Webserie "Homo Digitalis", die ab heute unter homodigitalis.tv zu sehen ist. Auf der Website und über einen Chatbot im Facebook-Messenger kann der Zuschauer selbst testen, welchen Einfluss seine digitalen Gewohnheiten mittlerweile auf sein Leben nehmen.

Die junge Japanerin pflegt eine enge Beziehung zu ihrem Smartphone; beziehungsweise zu einer App, die eine menschliche Persönlichkeit simuliert, eine künstliche Intelligenz, mit synthetischen Emotionen. Einen echten, menschlichen Freund hat Lisa nicht. Und das findet sie auch nicht weiter schlimm. Martina Mara, Roboter-Psychologin beim Ars-Electronica-Futurelab in Linz, beobachtet die Entwicklung in Fernost und stellt fest: Digitale Begleiter werden dort teilweise schon wie Menschen akzeptiert, sind beinahe etwas Gleichwertiges, etwas fast Alltägliches.

Skepsis gegenüber menschlichen Freunden

Je nach Programmierung können sie auch nicht besonders empfindlich sein, was unsere Stimmungsschwankungen angeht - und sie können selbst mit beliebigen Charaktereigenschaften designt werden.

Die junge Japanerin Lisa (links) ist Manga-Fan. Und sie hat einen virtuellen Freund.

Die digitalen Begleiter können aber auch Stimme und Persönlichkeit eines echten Menschen annehmen. Auf diese Weise könnten sie etwa verstorbene Familienmitglieder oder inzwischen erwachsene Kinder imitieren. An einer solchen Simulation arbeitet das Future-Lab-Team in Linz, genau so wie immer mehr Start-Ups und Wissenschaftler weltweit.

"In Japan sehen wir in Studien, da gibt es eine bestimmte Gruppe, die einen sehr starken Bezug hat zu Anime, zu Manga, auch zu Computerspielen. Und bei denen sehen wir schon eine signifikant höhere Akzeptanz für virtuelle Ehefrauen oder Sexroboter und gleichzeitig auch mehr Ängste gegenüber realen Beziehungen."

Martina Mara, Roboter-Psychologin beim Ars-Electronica-Futurelab

Sind virtuelle Beziehungen schlechter als "echte"?

Alexander Schiechel (links) und Thomas Bily von Wizelife beobachten neue Formen der Freundschaft in ihrem sozialen Netzwerk.

Doch auch die Beziehungen zu realen Menschen verlagern sich immer mehr ins Virtuelle, werden zunehmend über das Internet gepflegt. Im sozialen Netz ist es völlig normal, mit Menschen befreundet zu sein, die man noch nie in der physischen Welt gesehen hat. Und das gilt längst nicht nur für junge Leute. Alexander Schiechel, Mitglied der Geschäftsführung beim Münchner sozialen Netzwerk Wizelife für über 50-Jährige, erklärt das Phänomen:

"Eine digitale Freundschaft kann genau so wertvoll sein wie eine Freundschaft im realen, im echten Leben auch. Sie ist nicht tiefgründiger, nur weil ich die Person im echten Leben sehe. Man kann sich genauso per Nachricht, per Chat austauschen, man kann den ganzen Tag miteinander teilen über Bilder, in Echtzeit. Eine digitale Freundschaft muss nicht gleich oberflächlicher sein."

Alexander Schiechel, COO Wizelife

Die neuen, digitalen Möglichkeiten, Freundschaft zu leben, werfen auch die Frage auf, was Freundschaft denn nun eigentlich ist. Gerade im Moment, so scheint es, wird der Begriff der Freundschaft auf unterschiedlichen - virtuellen und physischen - Schauplätzen neu verhandelt. Wizelife-Vorstand Thomas Bily findet mithin, dass "der Begriff Freundschaft durch die sozialen Medien etwas bagatellisiert wurde" - wer habe schon wirlklich so viele "Freunde" wie zum Beispiel Facebook-Kontakte? Gleichzeitig sei Freundschaft in der "alten Welt" ein bisschen überhöht worden, "weil es gibt ja gar nicht so viele Freunde, die man tatsächlich hat".

Kein Bedarf mehr an menschlichen Freunden?

Ian Pearson glaubt, dass man sich in Zukunft die Persönlichkeit seiner Roboter-Freunde aussuchen kann.

Wie wird sich Freundschaft in der digitalen Zukunft weiter entwickeln? Wollen wir vielleicht irgendwann gar keine Freunde aus Fleisch und Blut mehr? Der britische Futurologe Ian Pearson hält das für keine abwegige Vorstellung. Ob es so weit kommt, kann noch jeder selbst entscheiden. Die technologischen Möglichkeiten dazu wird der Mensch schon bald an der Hand haben.

"Wir beginnen gerade Roboter mit künstlichen Emotionen und künstlicher Intelligenz zu entwickeln. Wenn das geht, wird eine echte Beziehung mit einem Roboter möglich sein, man kann sich die Persönlichkeit des Roboters aussuchen. Man muss nicht mehr auf die Fehler seiner besten Freunde Rücksicht nehmen. Die Roboter werden unsere besten Freunde, Begleiter, Diener. Sie werden all das sein und manchmal sogar unsere Sexpartner."

Ian Pearson, Futurologe


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