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#HomoDigitalis Wie die Digitalisierung die Gesundheit verändert

Lange Gesundheit oder sogar ewige Jugend: Die Selbstvermessung durch Körper-Tracker, aber auch die Gentechnik bergen enorme Möglichkeiten - an deren Ende letztlich die Sinnfrage des menschlichen Lebens steht.

Stand: 08.11.2017

"Uns steht ein großer Durchbruch bevor: Die Unsterblichkeit ist in Reichweite, sogar die Umkehrung des Alterungsprozesses. Ein 80-Jähriger wird den Körper eines 25- bis 30-Jährigen haben können", sagt Ian Pearson. Dem Zukunftsforscher zufolge werden dem Menschen schon bald gewaltige Möglichkeiten zur Verfügung stehen, nicht mehr nur seine Umwelt, sondern auch sich selbst, seinen Körper zu verändern.

Selbstvermessung als Schlüssel zur Gesundheit

Web-Serie Homo Digitalis

Werden wir irgendwann virtuelle Freunde und Freundinnen haben, Sex mit Robotern besser finden als echten, unseren eigenen Körper hacken? Was macht die digitale Revolution mit unserem Leben? Und: Wie lange sind wir eigentlich noch Mensch? Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Webserie "Homo Digitalis", die unter homodigitalis.tv zu sehen ist. Auf der Website und über einen Chatbot im Facebook-Messenger kann der Zuschauer selbst testen, welchen Einfluss digitale Gewohnheiten mittlerweile auf sein Leben nehmen.

Gentechnische Verfahren um etwa Erbkrankheiten einfach auszuschalten, machen große Fortschritte. Bis diese Verfahren möglicherweise einmal Alltag werden, helfen Analyse- und Tracking-Technik, den Körper länger gesund zu halten. Das Stichwort lautet Selbstvermessung. Fitnessarmbänder oder Smartwtaches mit entsprechenden Funktionen sind das bekannteste Beispiel, wie immer mehr Menschen Daten ihres eigenen Körpers sammeln und dann auf dem Handy oder Computer auswerten. Doch da geht noch mehr.

Christopher Lindinger vom Ars Electronica Futurelab in Linz zeigt ein Analysegerät, das über einen Scan der Haut sekundenschnell Biovitaldaten erfasst: Puls, Blutdruck, Temperatur, Sauerstoffsättigung - ein bisschen wie der Tricorder aus "Star Trek": "Das Besondere an diesen Tricorder-Ansätzen ist es, dass ich sehr viele Daten sammeln kann und dadurch eine Krankheitsfrüherkennung machen kann", sagt der Forschungsleiter am Futurelab.

"Das eigentlich Bahnbrechende sind nicht die Tricoder selbst, sondern die Datenbasis dahinter. Im Idealfall wirst du schon gewarnt, bevor du krank wirst. Und sehr viele Krankheiten, die derzeit existieren, können, wenn sie früh genug entdeckt werden, einfach sehr gut geheilt werden."

Christopher Lindinger, Ars Electronica Futurelab, Linz

CRISPR als Weg zum Designer-Menschen?

Zukunftsforscher Ian Pearson erwartet sich von der Gentechnik eine Revolution des menschlichen Körpers.

Die Früherkennung von Krankheiten kann Leben verlängern. Doch wie wäre es, einen Menschen nach Idealvorstellungen zu gestalten? Die Gentechnologie könnte das möglich machen, indem man die DNA menschlicher Zellen verändert. Als Quantensprung gilt das CRISPR-Verfahren. Die renommierte Fachzeitschrift "Science" hat die häufig auch als "Gen-Schere" bezeichnete Methode zum wissenschaftlichen Durchbruch des Jahres 2015 gekürt, spätestens seitdem ist CRISPR heißer Kandidat für den Nobelpreis.

Das CRISPR-Verfahren erlaubt es vereinfacht gesagt, menschliche DNA an einem Computer umzuschreiben, in etwa so, wie man eine Software programmiert. Gentechniker Christopher Voigt vom Massachusetts Institute of Technology in Boston ist von der Methode begeistert:

"Die DNA ist die Sprache, die alles codiert, was eine lebende Zelle ausmacht, alles was sie tut, alles was sie macht. Die DNA ist der Quellcode des Lebens. Das Tolle an CRISPR ist, dass man fast überall in der DNA schneiden kann. Das gibt uns eine beispiellose Kontrolle darüber, wie wir die Zelle aufbauen."

Christopher Voigt, Massachusetts Institute of Technology, Boston

Was will der Mensch eigentlich sein?

Indem man Gene in menschlichen Zellen verändert, könnten Erbkrankheiten am Ausbruch gehindert oder im Fall von Embryonen gleich ganz eliminiert werden. Kranke Organe könnten eines Tages wie am Fließband durch gesunde aus dem Labor ersetzt werden. Der Alterungsprozess des menschlichen Körpers könnte verlangsamt, gestoppt oder vielleicht sogar umgekehrt werden. Mögliche Nebenwirkungen für den Körper sind derzeit noch weitgehend unbekannt. Die Nebenwirkungen für Lebensentwürfe - oder für die Gesellschaft - lassen sich erahnen.

Bertolt Meyer ist Wirtschaftspsychologe an der TU in Chemnitz.

"Wenn ich wüsste, dass ich unendlich lange leben würde, dann könnte ich mir immer sagen: 'Das mache ich morgen, ist ja egal. Ich bin ja immer noch da'. Wenn wir da rangehen, dann verändern wir den evolutionären Mechanismus unser Spezies", sagt Bertolt Meyer, Wirtschaftspsychologe an der TU in Chemnitz. Bis Gentechnik den völligen Designer-Menschen ermöglicht, werden sicher noch einige Jahre oder Jahrzehnte vergehen. Am Ende könnten die Menschen ihre Evolution selbst in die Hand nehmen. Spätestens dann sollten wir wissen, wer wir eigentlich sein wollen.


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