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Betreuung in Kinderheimen "Der Bericht war überfällig"

Erstmals überhaupt dokumentiert das bayerische Sozialministerium, wie behinderte Kinder und Jugendliche in bayerischen Heimen betreut werden. Der Bericht ist eine Premiere und längst überfällig, meint Ingo Lierheimer

Von: Ingo Lierheimer

Stand: 05.08.2016

 Ein junges Mädchen steht am 12.02.2014 in der Kinder- und Jugendpsychatrie der Asklepios-Klinik in Hamburg in einem Therapieraum.  | Bild: dpa-Bildfunk/Axel heimken

Der Bericht ist eine Premiere und überfällig. Erstmals überhaupt dokumentiert das bayerische Sozialministerium, wie behinderte Kinder und Jugendliche in bayerischen Heimen betreut werden. Das Ergebnis ist nicht beruhigend, im Gegenteil: Die Hälfte der 104 untersuchten Heime gibt an, freiheitsbeschränkende Maßnahmen anzuwenden, etwa jede fünfte Einrichtung nutzt so genannte Time-Out-Räume, in die Kinder und Jugendliche vorübergehend eingesperrt werden können. Das heißt, es gibt sogar noch mehr Heime, die diese fragwürdigen Methoden anwenden als in einer Umfrage von BR Recherche im April gezeigt.

Freiheitsbeschränkende Maßnahmen

Von 30 befragten Heimen für Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung hatte damals mehr als die Hälfte angegeben, auf freiheitsbeschränkende Maßnahmen zurückzugreifen. Dem BR liegen Unterlagen vor, wonach die Minderjährigen immer wieder, zum Teil mehrmals täglich und mitunter sogar über Nacht eingeschlossen wurden.

Das Ministerium gab zu diesem Zeitpunkt in einer Antwort gegenüber dem Bayerischen Landtag explizit an, dass Kinder oder Jugendliche mit Behinderung nicht eingesperrt würden. Diesen Satz nahm die Ministerin nach der Berichterstattung des BR zurück und zog die politische Notbremse.

Einsperren ohne richterlichen Beschluss

Das Ergebnis ist der nun vorliegende Bericht. Der allerhand Chancen bietet. Nicht nur, dass es nun jedes Jahr eine Heimdokumentation geben soll. Nein, Emilia Müller schlägt nun von sich aus erstmals vor, sich dafür einzusetzen, dass künftig ein richterlicher Beschluss vorliegen muss, um freiheitsbeschränkende Maßnahmen bei geistig behinderten Kindern anzuwenden. Zum Verständnis: Bei Erwachsenen ist das bereits so. Bei Kindern dagegen reicht die Einverständniserklärung der Eltern. Die oft unter Druck erfolgt: Keine Unterschrift, kein Heimplatz - diese Formel haben wir während der Recherchen immer wieder gehört. Wenn Bayern nun in Berlin darauf drängt, dass letztlich ein Richter zustimmen muss, hilft das Land den sowieso über die Maßen geforderten Eltern geistig behinderter Kinder. Der Bericht kann außerdem Anstoß sein für eine breite Debatte, wie diese Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung auftritt. Welchen Aufwand sie betreibt, um ihre schwächsten Mitglieder – und das sind Kinder mit geistiger Behinderung - zu schützen.

Beispiele, die zeigen, dass diese auch ohne freiheitsbeschränkende Maßnahmen und ohne finanziellen Mehraufwand betreut werden können, gibt es. In Deutschland. Über neue Konzepte und mehr Betreuer muss jetzt auch in Bayern diskutiert werden. Die, die im Moment in den Einrichtungen arbeiten, sind oft schon hart an der Grenze zur Überforderung. Sie trifft keine Schuld. Der Kinderheimbericht ist eine Chance, die es zu nutzen gilt. 


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