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Muslime in Deutschland Wirtschaftsfaktor Halal

"Halal" bezeichnet für Muslime alle Dinge und Handlungen, die ihnen der Islam gestattet. Auch für deutsche Unternehmen wird Halal immer interessanter - und das nicht erst seit dem Flüchtlingsansturm.

Von: Henning Biedermann

Stand: 04.12.2015

Ein türkischer Supermarkt im Münchner Bahnhofsviertel. Hier finden Muslime die Lebensmittel, die bei den großen Supermarktketten in der Regel kaum angeboten werden: Produkte, die garantiert Halal, also vom Islam erlaubt sind. Waren mit diesem Siegel sollen zum Beispiel Sicherheit geben, dass sich in die Geflügelwurst kein Schweinefleisch verirrt hat. Viele dieser Artikel stammen inzwischen von deutschen Herstellern, die erkannt haben, dass man mit Halal gut verdienen kann.

Riesiger Absatzmarkt

Denn der Markt ist riesig. In Deutschland leben über vier Millionen Muslime, die bis zu fünf Milliarden Euro jährlich für Nahrungsmittel ausgeben. Weltweit liegt der Umsatz mit Halal-Lebensmitteln bei 650 Milliarden US-Dollar im Jahr! Tendenz steigend. Fast ein Viertel der Weltbevölkerung glaubt an den Islam. Was für ein Kundenkreis!

Um den bemühen sich auch bayerische Unternehmen, wie zum Beispiel die Firma Höhenrainer. Der Putenwursthersteller produziert schon seit mehreren Jahren halal und macht daraus auch kein Geheimnis. Auf der Homepage wird sehr ausführlich über die Kriterien der Halal-Produktion informiert. Das ist eher selten.

Deutsche Hersteller von Halal-Lebensmitteln bewerben ihre Ware meist recht zurückhaltend oder gar nicht. In Zeiten von Pegida-Aufmärschen möchte man nicht zur Zielscheibe jener Bevölkerungskreise  werden, die zwar keine Ahnung haben, was halal wirklich bedeutet, die aber lauthals dagegen polemisieren.

"Viele Firmen machen daraus ein Geheimnis, dass sie Halal produzieren, weil sie vielleicht Angst haben vor der aggressiven Reaktion von vielen, von manchen Verbrauchern, die mittlerweile die Wände von ein paar Firmen mit Blut beschmieren. Oder es gibt mittlerweile Hetzkampagnen, die spezialisiert sind, solche Firmen zu attackieren."

Adel El Rezgui, Islamisches Zentrum München

Im Internet wird auf diversen Webseiten gegen Halal-Hersteller und –händler gehetzt. Manche Unternehmen lassen sich davon einschüchtern und befürchten Umsatzeinbußen. Anstatt dem rechten Rand der Gesellschaft offensiv entgegenzutreten, versucht man, an der muslimischen Kundschaft unauffällig zu verdienen. 

Bayerisches Unternehmen produziert Halal

Ein fränkisches Familienunternehmen zeigt da wesentlich mehr Zivilcourage. Beim Schlachtbetrieb Bärlein-Denterlein setzt man auf Information und hat auch das Bayerische Fernsehen schon zweimal die Halal-Produktion filmen lassen. Der Betrieb mit 200 Abnehmern in Süddeutschland schlachtet nur Schafe und Rinder, Schwein ist tabu. Zertifiziert und regelmäßig kontrolliert wird die Firma durch Adel El Rezgui, den Halal-Beauftragten des Islamischen Zentrums in München.

Für jedes Tier ein kurzes Gebet

Der berät den muslimischen Schlächter, der für jedes Tier ein kurzes Gebet sprechen muss. Das Tier sollte zum Schlachten Richtung Mekka gedreht sein, dann wird es - gemäß deutschem Tierschutzgesetz - betäubt und mit einem Schnitt werden Halsschlagadern, Luft- und Speiseröhre durchtrennt. So wie hier läuft eine Halal-Schlachtung in allen deutschen Schlachthöfen ab, also grundsätzlich mit Betäubung! Nicht für alle Muslime ist das islamisch.   

"Es wird sehr heftig diskutiert in der muslimischen Gemeinde in Deutschland, ob die Tiere vor der Schlachtung betäubt werden dürfen oder nicht. Wir sind im Islamischen Zentrum München der Ansicht, dass, so lange eine Betäubung nicht zur Tötung der Tiere führt, sie erlaubt ist und wir haben damit kein Problem, dass die Tiere vor der Schlachtung ruhig gestellt werden, um sie schonend zu schlachten."

Adel El Rezgui, Islamisches Zentrum München

Denn schließlich gibt es im Koran kein Betäubungsverbot. Der Prophet untersagte lediglich den Verzehr von bereits verendeten Tieren, eine absolut sinnvolle Hygienevorschrift.

Schächten nur in Ausnahmefällen gestattet

Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts ist das in Ausnahmefällen und unter strengen Auflagen möglich. In Bayern gab es in den letzten sechs Jahren aber keine Genehmigungen. Bundesweit wurden 2013 lediglich drei Anträge zum Schächten von Rindern und Schafen gestellt und auch behördlich genehmigt. Trotzdem wurden nur Schafe betäubungslos geschlachtet: über 2.600 Tiere in Hessen und Niedersachsen. 

Aber viele Muslime fürchten, das Tier könnte vor dem Schlachten durch die Betäubung sterben und wäre dann nicht mehr halal. Ein Risiko, das Tierärzte als außerordentlich gering bezeichnen. Ein Tier blutet beim betäubungslosen Schlachten auch nicht besser aus, wie oft behauptet wird. Dafür gibt es aber viele Studien, die belegen, wie qualvoll diese Schlachtpraxis für das Tier ist. In zwei der vier größten muslimischen Verbände in Deutschland ist man trotzdem überzeugt, eine islamische Schlachtung müsse betäubungslos erfolgen.

Im Gegensatz zu Deutschland wird in anderen EU-Ländern wie zum Beispiel Belgien oder Frankreich über den Bedarf der religiösen Gruppen hinaus betäubungslos geschlachtet. Fleisch aus dieser Produktion gelangt als Halal-Ware auch nach Deutschland - ohne ausdrücklichen Hinweis auf die fehlende Betäubung.

Kein verbindlicher Halal-Standard

Vieles auf dem Halal-Markt ist widersprüchlich: Noch immer fehlt ein verbindlicher Halal-Standard, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Dementsprechend unterscheiden sich auch die von diversen Anbietern ausgestellten Halal-Zertifikate. Nicht alle Zertifizierer akzeptieren bei Schlachtungen alle Betäubungsmethoden, und was in Deutschland erlaubt ist, kann beim Export in muslimische Staaten Probleme bereiten. Aber haben Halal-Label nun irgendeine Relevanz für den nichtmuslimischen Verbraucher? Wem das Tierwohl wichtig ist, für den könnte Halal-Fleisch durchaus interessant sein:  

"Ein ungesundes Tier kann niemals Halal definiert werden, ein Tier was vor der Schlachtung gequält wurde, kann niemals als Halal bezeichnet werden. Ein Tier was gescheit und schonend transportiert, aber davor mit einem ungesunden Futter aufgezogen wurde, damit es schnellstmöglich dick wird und daraus viel Fleisch gewonnen werden kann, kann auch nicht halal sein."

Adel EL Rezgui , Islamisches Zentrum München

Kriterien, an denen sich die gesamte Fleischbranche ein Beispiel nehmen könnte. Dass aber alle Halal-Hersteller tatsächlich nach diesen Prinzipien produzieren, darf bezweifelt werden.


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