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Notstand im Wohlstand Gute Pflege - eine Frage von Arm und Reich

Seit Jahren schleppt sich Deutschland von einem Pflegenotstand zum anderen, trotz vieler Reformen und obwohl viel Geld in den Pflegebereich gesteckt wurde. Unter dem Notstand leiden Millionen alte und kranke Menschen und ihre Angehörigen. Gefragt ist hier nicht nur die Politik, sondern die ganze Gesellschaft, sagt der BR-Pflegeexperte Nikolaus Nützel.

Von: Andrea Herrmann

Stand: 15.02.2018

Der jüngste Qualitätsbericht der Krankenkassen-Kontrolleure hat erneut gravierende Mängel in Pflegeheimen aufgedeckt und eine alarmierende Schieflage: Für immer mehr und immer kränkere Pflegebedürftige gibt es viel zu wenig Personal.

Kaum Verbesserungen durch das Pflegestärkungsgesetz

An dieser Misere hat auch das Pflegestärkungsgesetz nichts geändert, das vor gut einem Jahr in Kraft getreten ist. Auch die Situation der pflegenden Angehörigen, die oft überlastet sind und sich keine echte Hilfe leisten können, hat sich seitdem nicht oder kaum verbessert. Warum ist gute Pflege so schwierig in unserem reichen Land? Wohl deshalb, weil die meisten Menschen noch immer denken, der Pflegenotstand gehe sie nichts an. Und weil wichtige Weichenstellungen deshalb nicht vorgenommen werden. Dabei wären sie überfällig, sagt Nikolaus Nützel, Gesundheits- und Pflegeexperte des Bayerischen Rundfunks.

"Es dreht sich alles ums Geld. Das bedeutet, dass wir Ressourcen in der Volkswirtschaft dahin bringen müssen von anderen Stellen. Eine Art Umverteilung. Wir haben sehr reiche Menschen in Deutschland. Wir könnten darüber nachdenken, dass man über Steuern Geld in Hand nimmt und sagt: Wo wollen wir Wohlstand in welcher Form schaffen? Ist Wohlstand immer mehr Autos, immer größere Wohnungen? Oder ist Wohlstand nicht vielmehr: Gute Pflege für viele Menschen."

Nikolaus Nützel, BR-Pflegeexperte

Umverteilung von Ressourcen notwendig

Auch Angelika Pfab hält es für sinnvoll, über die Umverteilung von Ressourcen zugunsten der Pflege nachzudenken. Sie ist Geschäftsführerin von AGAPLESION, einem Evangelischen Pflegedienst in München und erlebt jeden Tag, wie wichtig gute Pflege ist. Gefragt nach den großen Herausforderungen der Zukunft, nennt sie ein Fünf-Punkte-Programm. Ganz entscheidend sei natürlich die Finanzierung, aber auch die Wertschätzung für die Pflegearbeit sowie die Stärkung der Pflege in der gewohnten Umgebung.

"Also, für mich wäre eine Vorstellung, dass man wirklich überlegt Wohnen und Pflegen zusammenzubringen. Dass wir an der Finanzierung etwas arbeiten müssen. Also, Pflegevollversicherung, dass der pflegebedingte Teil von der Pflegekasse bzw. steuerfinanziert übernommen wird. Ein Bereich wird sein, die Quartiersarbeit zu stärken, kleinteilig dafür zu sorgen, dass die Menschen Unterstützung bekommen. Vor allem die Angehörigen, die immerhin noch 70 Prozent der Pflege ausmachen in Deutschland und viel Geld der Volkswirtschaft sparen. Die Pflegeinfrastruktur ausbauen, d.h. Tagespflegen zu schaffen, weil das einfach eine gute Unterstützung ist. Und – als letzten Punkt – die Pflegebedingungen so verbessern, dass der Beruf attraktiv ist und einen Zulauf bekommt, weil er auch für die Zukunft gesichert ist."

Angelika Pfab , Geschäftsführerin AGAPLESION

Die Gesellschaft, so Geschäftsführerin Angelika Pfab,  müsse sich darüber klar werden, was ihr gute Pflege wert ist. Jeder einzelne müsse sich das fragen, weil jeder habe in irgendeiner Form eine Familie und damit sei jeder betroffen.


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Kirgie, Donnerstag, 15.Februar, 14:47 Uhr

4.

Dieses Thema hatten wir heute schon. Mittlerweile habe ich den Eindruck, der Bürger wird geboren, für die Wirtschaft fit gemacht, benutzt um maximalen Gewinn zu erzielen. Ist er ausgelutscht, krank, alt und damit unbrauchbar, ist es auch egal was dann mit ihm passiert. Hautnah haben wir es aus beruflicher Sicht erleben dürfen, wie das Pflege-Niveau immer schlechter wurde, selbst in Häusern, die sich paritätisch schimpften, nur, damit die Kasse stimmt. Pflegepersonal und all diejenigen, die mit Herz für die alten Herrschaften sorgen (auch gerade in der Verpflegung), werden zerrieben und sind am Ende körperlich und finanziell am Ende.

Alle wissen es und nur wenige begehren dagegen auf. Schlimm, dass viele Betroffene aus Scham schweigen und die Hoffnung auf Verbesserung aufgegeben haben. Mein Mann und ich sind erst kurz in Rente, unser Leben hat sich radikal verändert, nicht zum Vorteil. Ein Leben im Seniorenheim denken wir lieber nicht .

Realistin1, Donnerstag, 15.Februar, 14:24 Uhr

3. Alt werden ist nicht schön, wenn die menschliche (soziale) Umarmung fehlt...

Das Thema Pflege beschäftigt uns in Deutschland schon seit vielen Jahren. Seit Jahren weiß man dass die deutsche Gesellschaft altert und uns Pflegekräfte fehlen. Die letzten Jahrzehnte wurden an allen was in den menschlichen sozialen Bereich fällt drastisch gekürzt. Wir sind das Wirtschaftswunderland, und eins der reichsten Länder der Welt. Wir Deutschen haben uns zu einer emotionslosen, kalten Gesellschaft entwickelt, unseren Großeltern, aber auch den Kindern gegenüber. Unsere Freude über oder an etwas anderen, hält ist sehr kurz an und endet schnell in einer Langeweile. Oder man bekommt Aufmerksamkeit dann dauert das ganze etwas länger.
Viele alte Menschen haben wenig Einkommen und können sich keine teure Hilfe aus dem Ausland leisten, sie landen in den Altenheimen wo man nach der Uhr abgefertigt wird. In den reichen Industrieländern geht Menschlichkeit meistens verloren, unsere reiche Wertegesellschaft kann keine Armut und soziale Verlierer gebrauchen.

Wolfgang, Donnerstag, 15.Februar, 14:07 Uhr

2. Vielen Bürger, über 85% geht es zu gut!

Schitagessausflüge mit Kindern komplett zu je 400€, Ausrüstung für die 5 Nutzungstage Jahr umgerechnet.

Urlabsreisen nach Hughara

Große Mottorräder, zuviele PKW, und und.

Deshalb Plegeversicherungsbeiträge verdoppeln. 41% mehr Personal mit 41% höheren Löhnen erfordert doppeltes Geld.

Und mit 40% mehr Gehalt wird schon etlichen von Altersarmut bedrohten überwiegend Frauen eine Sorge auch genommen.

  • Antwort von G.K., Donnerstag, 15.Februar, 14:33 Uhr

    Wo issn "Hughara"?

  • Antwort von forist, Donnerstag, 15.Februar, 14:43 Uhr

    @Wolgang
    Auch Senioren zahlen in die Pflegekasse ein,und zwar den Beitragssatz in voller Höhe!
    Bei jeder Anhebung des Beitragssatzes werden Rentner zu 100 Pro in den Popo gekniffen.

Blechmann13, Donnerstag, 15.Februar, 12:44 Uhr

1. Böse gesagt,...

vielleicht hat der "Wahnsinn" auch ganz einfach nur Methode...

Alte und Plfegebedürftige kosten was (Rente und Pflegegeld)...
Wenn die Pflege also nicht so "optimal läuft", dann werden diese Menschen auch nicht so lange leben...
Ergo, man spart Kosten...an beiden Enden...

Ein reiches Land bedeutet halt nicht zwangsläufig, dass sich viele (alte) Menschen eine angemessene Pflege leisten können...

mfg

  • Antwort von Bambergerin, Donnerstag, 15.Februar, 13:44 Uhr

    Danke, dass Sie das so deutlich sagen. Auch bei den Groko- Verhandlungen ging es "nur" um Verbesserungen des Pflegeberufs. Diese sind unbestritten nötig. Aber pflegende Angehörige und vor allem die Pflegebedürftigen spielen keine Rolle, sollen nichts kosten. Sogar vom Hausarzt bekam ich schon - in Anwesenheit meines dementen Mannes - zu hören: Was wollen Sie, der Mann hat sowieso auf Grund seiner Demenz eine verkürzte Lebenserwartung . - Es kann offensichtlich nicht schnell genug gehen.