54

Glyphosat-Streit Ja? Nein? Jein?

Vier von zehn erwachsenen Deutschen, so das Umweltbundesamt, haben es bereits im Körper. Das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat steht im Verdacht, Krebs zu erzeugen. Die EU hat den Streit um die Neuzulassung heute vertagt. Deutschland könnte eine entscheidende Rolle spielen, doch die Bundesregierung tendiert zu "Jein". Das weckt Erinnerungen.

Von: Michael Kubitza

Stand: 08.03.2016

Glyphosat im Ackerbau | Bild: picture-alliance/dpa

Eigentlich wollte die EU schon im Lauf des letzten Sommers über die Neuzulassung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat entscheiden. Jetzt kam das Thema wieder auf den Tisch. Seit Montag verhandelten Experten aus mehreren Nationen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die EU-Kommission will die Zulassung des weltweit meistgenutzten Herbizids um 15 Jahre verlängern. Doch vor allem Frankreich hat sich quergelegt. Die Entscheidung ist vertagt - ein Etappensieg für die Glyphosat-Gegner.

Das Termingezerre passt zum Thema. Mehrere Studien deuten darauf hin, dass das Unkrautvernichtungsmittel krebserregend sein könnte, andere geben Entwarnung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO mahnt nach neuen Forschungsarbeiten aus den USA, Kanada und Schweden zur Vorsicht, die europäische Risikobewertungsbehörde EFSA und ihr deutsches Pendant zeigen sich unbeeindruckt.

"Klassifikation 2A: wahrscheinlich krebserregend für den Menschen."

Neueinschätzung der WHO-Krebsforschungsagentur IARC

"... dass sich nach dem derzeitigen Stand des Wissens bei bestimmungsgemäßer Anwendung von Glyphosat kein krebserzeugendes Risiko für den Menschen ableiten lässt."

Bundesanstalt für Risikobewertung (BfR)

Die konträren Urteile sind nicht ungewöhnlich. Auch seriöse, nicht vom Interesse des Auftraggebers geleitete Studien können zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen - etwa bei der Übertragbarkeit von Tierversuchsergebnisse auf den Menschen, der statistischen Relevanz der Messungen, dem Ausschluss konkurrierender Faktoren. Ungewöhnlich aber ist die Hektik, mit der eine Entscheidung herbeigeführt werden soll, die erhebliche Konsequenzen haben könnte.

Wir haben's im Urin

100.000 Tonnen Pflanzenschutzmittel werden pro Jahr auf deutschen Feldern und in den Vorgärten eingesetzt. Meist kommen Mischprodukte mit Breitbandspektrum zum Einsatz; viele - etwa Roundup des Konzerns Monsanto - enthalten Glyphosat, was die chemische Verbindung mit der Formel C3H8NO5P zum hierzulande wie weltweit meistverwendeten Wirkstoff ihrer Art macht.

Das wirkt sich aus - wenn man einer Feldstudie im Auftrag der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung glaubt. Die Untersuchung mit dem schönen Namen Urinale 2015 hat den Harn von über 2.000 Deutschen analysiert. Fast alle hatten Glyphosat in der Blase, bei jedem Achten war die Belastung fünf- bis zweiundvierzigfach höher als der Rückstandshöchstwert für Pestizide in Trinkwasser. Das wäre nicht schlimm, wenn man das Pestizid vollständig wieder ausscheiden würde. Einer Langzeitstudie des Bundesumweltamts zufolge aber hat sich Glyphosat bei 40 Prozent aller erwachsenen Deutschen im Körper angereichert.

Die CSU sagt "Ja, wenn", die SPD "Nein, aber"

Was jetzt ansteht, ist die Neuzulassung des Herbizids, die dann bis zum Jahr 2031 gelten soll. Mindestens vier Staaten wollen dem Vorschlag der EU-Kommission in seiner jetzigen Form nicht zustimmen: Schweden, Italien, Frankreich und die Niederlande. Die Parlamente in Amsterdam und Stockholm haben sich bereits für ein Verbot ausgesprochen. Zwölf der 28 EU-Staaten sind nach Angaben von Diplomaten für die Neuzulassung, der Rest sei unentschieden oder ohne klare Haltung. Unter ihnen: Deutschland.

Die Bundesregierung ist in der Frage Glyphosat-Frage gespalten. Entscheidende Rolle kommt dem Landwirtschafts- und dem Umweltministerium zu.

Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU)

Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) hat sich dafür ausgesprochen, Glyphosat in der Landwirtschaft weiter zu verwenden. Schmidt ignoriert die WHO-Einschätzung und sieht wie das BfR "keine unvertretbaren Risiken". Allenfalls könne man darüber nachdenken, ob es bei diesem "für Profis" gedachten Pestizid Einschränkungen für den privaten Gebrauch geben solle.

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Schmidts Gegenspielerin ist Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Ende Februar erklärte sie in einem offenen Brief, Glyphosat gefährde die biologische Vielfalt. Das Mittel dürfe nur dann weiter eingesetzt werden, wenn die Risiken etwa durch einen begrenzten Einsatz des Mittels auf "ein vertretbares Maß" begrenzt würden.

Pontius Pilatus in Berlin

Nach bisherigen Gepflogenheiten könnte es auf eine Stimmenthaltung herauslaufen. Die Bundesregierung würde (es) sich damit leicht machen - obwohl ihre Stimme eigentlich Gewicht hätte. Denn im sogenannten Komitologieverfahren, in dem über Glyphosat entschieden wird, könnte eine qualifizierte Mehrheit der EU-Mitglieder die Entscheidung an die EU-Kommission zurückverweisen. Dabei trägt ein Verteilerschlüssel der Bevölkerungsverteilung Rechnung - Deutschlands Stimme wiegt also deutlich mehr als die Maltas. Zusammen mit den "Großen" Frankreich und Italien und einigen kleineren Staaten könnte die Bundesregierung für mehr wissenschaftliche Klarheit sorgen - wenn sie wollte. Das Beispiel der Genmaisabstimmung 2014 stimmt skeptisch.

Die Große Koalition und das "Jein" zum Genmais

Rückblick: Vor zwei Jahren geht es in der EU um die Zulassung der Genmais-Sorte 1507. Zwölf Länder sind für ein Verbot, 16 für die Zulassung. Das nicht so kleine Zünglein an der Waage: Deutschland. Zwei der drei Regierungsparteien lehnen Gentechnik in ihren Programmen ab. Doch obwohl SPD wie CSU sich klar gegen Genmais positioniert haben, enthält sich die Große Koalition bei der Abstimmung am 11. Februar 2014 der Stimme - und produziert so eine europäische Mehrheit für die Zulassung.

Es geht (auch) ums Prinzip

Natur- und Verbraucherschützer sehen im Eiertanz ums Glyphosat die Abkehr von einem Grundprinzip europäischer Politik - dem Vorsorgeprinzip, demzufolge Produkte, deren Unschädlichleit nicht einwandfrei nachgewiesen ist, nicht auf den Markt kommen dürfen. In den TTIP-Verhandlungen mit Washington ist dieser verbraucherfreundliche Ansatz umstritten, die EU-Kommission könnte bereit sein, ihn zu opfern. Die Intransparenz der Kommissionspolitik nährt diesen Verdacht.

So verweigert die Kommission die Herausgabe des kompletten BfR-Berichts zu Glyphosat an die Wissenschaft, stellt ihn jedoch den Glyphosat-Herstellern zur Verfügung. Einen weiteren Verdacht gegen Glyphosat blendet die Kommission aus: Das Pestizid könnte Auswirkungen auf das Hormonsystem haben. Die EU-Kommission hat den Herstellern bis August Zeit gegeben, Informationen darüber nachzuliefern - nach bisheriger Planung wäre die Genehmigung dann schon erteilt.


54

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

joe, Mittwoch, 09.März, 08:37 Uhr

5.

Man sollte die zuständigen Behörden anzeigen die Glyphosat nicht verbieten und dadurch Monsanto unterstützen.

  • Antwort von as, Mittwoch, 09.März, 13:37 Uhr

    Meine Zustimmung!
    Ich will das Gift nicht in meinen Lebensmitteln.
    Das kann mir kein Hr. Schmidt oder sonst vorschreiben! Und ich brauch auch keine getürkten Bericht der Chemielobby.

Andrea, Mittwoch, 09.März, 00:14 Uhr

4. Zusatz: Stuttgart erlässt erstes Glyphosat-Verbot!!

Außerdem lese ich gerade, dass es schon das erste Verbot von Glyphosat gesetzt hat und zwar in Deutschland! Ja, der OB von Stuttgar hat fuer seine Stadt bereits ein Verbot von Glyphosat erlassen:

Stuttgart (Homepage): OB Kuhn veranlasst Verzicht auf Glyphosat auf städtischen Flächen (08.03.2016 Umwelt)

"Die Landeshauptstadt Stuttgart setzt ab sofort das Pflanzenschutzmittel mit dem Wirkstoff Glyphosat nicht mehr ein."

"Das hat Oberbürgermeister Fritz Kuhn am Dienstag, 8. März, veranlasst. Kuhn betonte: "Mein Ziel ist es, Stuttgart zu einer glyphosatfreien Stadt zu machen. Daher appelliere ich auch an die Bürgerinnen und Bürger bei ihren Arbeiten im Garten zum Wohle der Gesundheit auf Glyphosat ganz zu verzichten."

"Die Weltgesundheitsorganisation hat das Herbizid 2015 als potentiell krebserregend eingestuft. Statt Glyphosat einzusetzen, werden Mitarbeiter des Garten-, Friedhof- und Forstamts die städtischen Grünflächen künftig von Hand pflegen."

Andrea, Mittwoch, 09.März, 00:08 Uhr

3. Hier entlarvt der Bremer Professor das BfR erstklassig!

Und diese weiteren Ausfuehrungen dieses Bremer Professors sind der echte Oberhammer weil er damit völlig korrekt das BfR entlarvt:

"Die Behörde hatte moniert, bei Experimenten mit Mäusen und Ratten zur Krebsentstehung hätte man historische Kontrolldaten verwendet, die nicht zu den Versuchstieren passten. Dass bei Tests mit gegenteiligem Ergebnis Forscher zur selben Methode griffen, störte das BfR nicht. Sie stufte diese als relevant ein. Die Experten teilen dem EU-Kommissar dazu mit: Das BfR habe hier differenziert, um sein Ergebnis zu erreichen."

"Fazit ihres offenen Briefes an den EU-Kommissar: Das Behördenurteil „entspricht nicht den vorhandenen wissenschaftlichen Erkenntnissen“. Greiser wird in seinem Urteil der Behördenarbeit erheblich deutlicher: „Ich kann nicht umhin, dieses Vorgehen als systematische Fälschung von Studieninhalten zu bezeichnen.“

Andrea, Mittwoch, 09.März, 00:05 Uhr

2. Offenbar hat das BfR uralte Daten verwendet die längst ueberholt sind

Aber die Aussage der Professoren aus Bremen geht noch weiter:

Suedwest Presse: Risiko-Bewertung von Glyphosat: "Dreistes Fälschungsverfahren" (08.03.2016)

"Greiser und seine Kollegen empört, dass das BfR 18 epidemiologischen Studien ankreidet, sie hätten versäumt, notwendige Angaben zu Erkrankungsrisiken zu erheben. Träfe dies zu, wären sie wertlos, betont Greiser. Doch die Informationen seien im Detail vorhanden, die Studien in renommierten medizinischen Fachzeitschriften veröffentlicht worden. „Unter den Instituten, die laut BfR wertlose Studien publiziert hätten, finden sich viele, bei den es mir eine große Ehren gewesen wäre, dort mitarbeiten zu können“, betont er. Drei der als wenig aussagefähig deklarierten Publikationen stammen etwa vom nationalen Krebsforschungszentrum der USA."

"Die 96 Wissenschaftler halten auch die BfR-Schlussfolgerungen zum Krebsrisiko von Glyphosat in Tierversuchen für unzutreffend."

Andrea, Dienstag, 08.März, 23:58 Uhr

1. HIer noch was aus diesem Artikel der Suedwest Presse ueber die Unterlagenfälschu

Hier mal noch was aus diesem Artikel der Suedwest Presse ueber diese Fälschung von Unterlagen durch das BfR:

"Führende Epidemiologen, Krebsexperten und Toxikologen aus aller Welt halten diese Schlussfolgerung hingegen für falsch. In einem achtseitigen offenen Brief haben 96 Wissenschaftler dem EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittsicherheit, Vytenis Andriukaitis, die Gründe dafür dargelegt."

"Greiser hält diese Argumentation für abwegig. Epidemiologen untersuchen unter anderem Faktoren, die zu Erkrankungen führen. Deshalb müssten sie sich mit dem Herbizid – etwa Roundup – befassen, das gespritzt wird. „Sonst kann man sich solche Untersuchungen sparen.“ Fall-Kontroll-Studien abzuqualifizieren, sei absurd. Untersucht werden dabei in Frage kommende Risikofaktoren, denen sich bereits Erkrankte ausgesetzt haben. Diese Angaben werden mit Personen verglichen, die nicht erkrankt sind."