31

Tod des Flüchtlings Ahmed Gimba Wenn ärztliche Schweigepflicht riskant wird

Seit Monaten wussten die Ärzte, dass ein inzwischen verstorbener Flüchtling hochansteckende Viren in sich trägt. Seine Umgebung ahnte nichts. Der Fall offenbart eine Gesetzeslücke und Kommunikationsprobleme bei den Behörden. Politik und Justiz stellen Fragen.

Von: Susanne Pfaller (BR-Korrespondentin in Ingolstadt) und Michael Kubitza (BR24)

Stand: 22.03.2016

Ahmed Gimba, der verstorbene Patient | Bild: BR

Die Landtags-SPD fordert Aufklärung von der Staatsregierung. Auch die Staatsanwaltschaft Ingolstadt hat sich eingeschaltet. Denn noch gibt es im Fall des an Hepatitis B verstorbenen Flüchtlings Ahmed Gimba mehr Fragen als Antworten.

Die wichtigsten: Wie konnte es passieren, dass ein als äußerst ansteckend diagnostizierter Patient anscheinend ahnungslos und ohne Sicherheitsvorkehrungen über Monate mit anderen Menschen verkehrte? Und: Kann sich so ein Fall wiederholen?

Der Fall Ahmed Gimba

Der 42-jährige Flüchtling aus Nigeria starb Anfang Februar im Klinikum Ingolstadt an Leberzirrhose infolge Hepatitis B, einer Krankheit, die ab einer gewissen Keimzahl sowohl durch Blut wie durch Speichel übertragen werden kann. Die Ärzte wussten von der Infektion - Gimba und seine Umgebung offenbar nicht.

Die Monate vor seinem Tod verbrachte er ohne Schutzvorkehrungen in der Gemeinschaftsunterkunft Geisenfeld im Kreis Pfaffenhofen, wo mehre Helfer mit seinem Blut in Kontakt kamen. Bis Mitte Dezember arbeitete Gimba in der Pflegeeinrichtung für Senioren in Geisenfeld. Er machte dort sauber, bastelte und spielte mit den Senioren.

Im Dickicht von Schweige- und Meldepflicht

Bei Patienten, die von Anfang an richtig behandelt werden, ist Hepatitis B gut beherrschbar. Anders liegt der Fall, wenn die Infektion über Jahre vernachlässigt wurde. Unter Flüchtlingen ist die Krankheit zehnmal häufiger. Wenn sie im Heimatland schlecht versorgt wurden, sind sie tendenziell ansteckender. Bei früheren Krankenhausaufenthalten von Ahmed Gimba hatten die Klinikärzte bei ihm 41 Millionen Viren-Einheiten gefunden - schon bei einem Viertel dieses Wertes spricht das Robert-Koch-Institut von hoher Ansteckungsgefahr, die Maßnahmen wie Einzelzimmer und separate Toilette erfordert.

Dennoch entließ die Klinik Gimba zweimal in seine Gemeinschaftsunterkunft, ohne das Gesundheitsamt zu informieren. Die Klinikleitung verweist dem Bayerischen Rundfunk gegenüber auf die ärztliche Schweigepflicht. Wohl zu Recht, wie das Gesundheitsministerium bestätigt. Anders als TBC oder akute Hepatitis B ist die chronische Form bisher nicht meldepflichtig.

Die Behörde: ahnungslos

Die zweifelhafte Gesetzeslage ist ein Problem. Ein anderes, dass das Klinikum davon ausging, das Gesundheitsamt sei bereits informiert. Zuständig für die zentrale Kommunikation über Infektionsgefahren bei Flüchtlingen ist das Landesamt für Gesundheit.

"Nach unseren Vorgaben teilt das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit jeden positiven Untersuchungsbefund unverzüglich dem zuständigen Gesundheitsamt mit. Das gilt auch für einen positiven Befund der chronischen Hepatitis B."

Auskunft des Gesundheitsministeriums

"Und so hat sich das rausgezögert": Birgit Lachermeier, ehrenamtliche Helferin in der Unterkunft Geisenfeld

In Pfaffenhofen wie bei einem ähnlichen Fall in Eichstätt hat das nicht geklappt. Die Flüchtlingshelferin Birgit Lachermeier berichtet dem Bayerischen Rundfunk, dass sie erst am Tag vor Gimbas Tod von einem Arzt über das Ansteckungsrisiko informiert wurde. Sie berichtet auch, dass ein Hausmeister der Unterkunft Gimba keinen Notarzt rufen wollte, weil auch er keine Ahnung von der Krankheit hatte.

Und sie erzählt, dass der Flüchtling tagelang auf ein dringend benötigtes Medikament warten musste - die Apotheke hielt mit den Behörden zuvor langwierig Rücksprache wegen der Kostenübernahme. In diesem Fall ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Ingolstadt.

Mangelhafte Tests und Sprachprobleme

Die dritte Fehlleistung: Statt die medizinische Versorgung Gimbas zu gewährleisten und sein Umfeld über die Infektionsgefahr zu unterrichten, stellte das Gesundheitsamt Ahmed Gimba für seinen neuen Arbeitgeber sogar eine Art Unbedenklichkeitserklärung aus.

"Vor Arbeitsaufnahme hatten wir uns eine Bescheinigung eines Arztes vorlegen lassen, wonach Herr Gimba frei von ansteckenden Krankheiten ist und wonach er nach den Infektionsbestimmungen belehrt worden ist. (...). Dass Herr Gimba jetzt verstorben ist und an einer ansteckenden Krankheit litt, haben wir leider erst vom Bayerischen Rundfunk erfahren und wir sind gelinde gesagt erbost darüber, dass es keine Meldekette gibt, dass man hier nicht informiert wird."

Herbert Werner, Geschäftsführer Bayerisches Rotes Kreuz

Eigentlich die Regel: Medizinische Untersuchungen bei Flüchtlingen.

Werner spricht über die Bescheinigung des Gesundheitsamtes gemäß § 43 Infektionsschutzgesetz. Früher wurde diese erst ausgestellt, wenn ein Arzt den Probanden gründlich untersucht hatte, inklusive Stuhl- und Blutprobe sowie TBC-Test. Heute erhält jeder diese Bescheinigung, dem ein Arzt – auf Deutsch - eine allgemeine Belehrung über Infektionsrisiken vorgelesen hat.

Wohin das in der Praxis führen kann, weiß die Flüchtlingshelferin Lachermeier:

"Wir haben bei uns viele Leute, die sind Analphabeten. Wir haben zum Beispiel pakistanische Flüchtlinge, die nur Urdu sprechen. Die bekommen irgendeinen Bericht in die Hand und sollen damit zu einem Arzt gehen, der dann aber kein Urdu spricht. Wie soll das dann funktionieren?"

Birgit Lachermeier, Betreuerin von Ahmed Gimba

Die Staatsregierung ist gefragt

Verschwinden wichtige Informationen im Bermudadreieck aus ärztlicher Schweigepflicht, laxen Regeln und abgewälzter Verantwortung? Was ist zu tun? Das will die Ärztin und SPD-Abgeordnete Kathrin Sonnenholzner von der Staatsregierung prüfen lassen.

"Gibt der Fall Anlass, die medizinische Versorgung von Flüchtlingen insgesamt zu verbessern?  Könnte eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge die möglichen Defizite in der Information über Erkrankungen beheben? Braucht es andere Regelungen?"

Aus der Anfrage der Landtags-SPD

Geprüft werden soll auch, ob es Sinn macht, für chronische Hepatitis B bei Flüchtlingen eine Meldepflicht einzuführen. So ließe sich vielleicht die medizinische Versorgung der Flüchtlinge verbessern - und der Schutz ihrer Mitbewohner und Helfer vor Ansteckung.


31

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

CvD, Montag, 28.März, 17:35 Uhr

16. Grammatik

Vielen Dank für Ihre professionelle Antwort. Es geht mir nicht darum, zu unken, doch in den letzten Monaten rutschen den Öffentlich Rechtlichen Fehler durch, dass es mir angst und bange wird. Wenn "das" und "dass" vertauscht werden, stößt das sauer auf (nicht BR). Zumal man davon ausgeht, dass die journalistische Ausbildung immerhin dort hoch gehalten wird.

Als CvD darf ich mich mit Fug und Recht bezeichnen ;-)

Die bewusste Stelle: "...Robert-Koch-Institut von hoher Ansteckungsgefahr, die Maßnahmen wie Einzelzimmer und separate Toilette erfordert." Es muss heißen: "erfordern".

Viele Grüße und einen schönen Rest-Osterabend

  • Antwort von Redaktion, Montag, 28.März, 18:31 Uhr

    Danke für Ihren Hinweis. "erfordert" ist korrekt, da sich das Verb auf die Ansteckungsgefahr bezieht.

Karl Hanisch, Montag, 28.März, 02:49 Uhr

15. Eingeschleppte Krankheiten

Der Bevölkerung wird bewusst verschwiegen, dass mit der Völkerwanderung auch Krankheiten - die in Europa als fast ausgestorben galten- wieder eingeschleppt werden. Beispielsweise: TBC, Hepatitis B, die Ruhr , diverse Geschlechtskrankheiten und bisher unbekannte Viren. Viele Menschen kommen auch nur aus diesem Grund nach Deutschland, weil es im eigenen Land keine Behandlung gibt oder nur gegen unerschwingliche Preise korrupter Mediziner.
Und da wundern wir uns, dass unsere Krankenkassen im Jahr 2015 - 40 Milliarden EURO Miese gemacht hat und die Krankenkassenbeiträge dieses Jahr und in den nächsten Jahren in`s Unermessliche steigen werden. Denn der erste Gang von den illegal Einreisenden ist der Gang zu Ärzten und Krankenhäuser um sich kostenlos behandeln zu lassen. "Welcome Refugees" kann man da nur sagen. Bezahlt mal schön, Ihr arbeitende Bevölkerung.

uschi b., Sonntag, 27.März, 20:55 Uhr

14. hepatitisschutz

es gibt seit mehreren jahrzehnten einen wirksamen hepatitis b impfschutz beim hausarzt, zuempfehlen insbesondere für medizinisches und anderes betreuungspersonal,aber auch für alle anderen;die impfmöglichkeit besteht schon für kinder; man muß sich informieren, dann braucht man nicht irgendwelche ressentiments zu bedienen; leider bestehen in deutschland immer wieder vorbehalte gegen impfungen.

  • Antwort von Karl Hanisch, Montag, 28.März, 08:18 Uhr

    Aber Deutschland kann nicht die halbe Welt medizinisch versorgen oder impfen lassen. Das sprengt aber absolut den Rahmen des " Barmherzigen Samariters" ; und vor allem: Wer soll das bezahlen oder zahlt es bereits ? Die Arbeitnehmer mit ihren Krankenkassenbeiträgen. Freut Euch darauf, was da noch alles auf uns zukommt.

delano, Sonntag, 27.März, 20:20 Uhr

13.

Als Nicht-Deutscher kann ich nur den Kopf schütteln über die Flüchtlingspolitik der deutschen Regierung. Auf Jahrzehnte hinaus hat sich dieses Land eine nicht zu lösende Bürde aufgeladen.
Der Behördenapparat wird immens aufgeblasen, die unterschiedlich befassten Stellen drehen sich dabei im Kreis. Am Ende haben sie doch meist den "Schwarzen Peter"
Wieso sucht sich Deutschland nicht die Migranten, die es gut integrieren kann, gezielt aus?

Stan, Sonntag, 27.März, 19:35 Uhr

12. Hepatitis, Tuberkulose

Sie wurden uns als Fachkräfte angekündigt. Blauäugig.
Dass Fachkräfte in der Küche eine Tuberkulose oder Hepatitis B oder C an Personal und Gäste weiter verteilen können war immer tabu.
Mahnern wurde ein Maulkorb verpasst. Ich kenne einen Flüchtling, der mit Hepatitis in einer Schnellimbiss-Kette arbeitet.
Aber darum geht es nicht. Es geht um die Dunkelziffer.