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Niedrige Gewerbesteuer für Firmen Willkommen im Steuer-Paradies Grünwald

Wer eine Firma hat und wenig Gewerbesteuer zahlen möchte, sollte nach Grünwald oder Unterhaching kommen. Keinesfalls nach Oberhausen! Dort fällt gut drei- bis viermal so viel an. Städte und Gemeinden legen den Satz selbst fest. Ein Pokerspiel, bei dem nicht selten reiche Orte in Bayern gewinnen.

Von: Veronika Beer und Felix Lincke

Stand: 22.02.2016

Ein Ortsschild von Grünwald / Geld  | Bild: picture-alliance/dpa/Peter Kneffel / Colourbox

Mit Einnahmen von rund 80 Milliarden Euro im Jahr ist die Gewerbesteuer für Kommunen die wichtigste Einnahmequelle. Unternehmen haben die Wahl zwischen 11.100 Städten und Gemeinden in Deutschland. Die liefern sich bei der Gewerbesteuer einen immer härteren Konkurrenzkampf, bei dem es Gewinner und Verlierer gibt. Denn die Unternehmen sind bei der Wahl des Standorts in Zeiten des Internets viel flexibler als früher.

Wie viel geht? Wer bleibt?

Jedes Jahr aufs Neue stehen Stadtkämmerer bei der Festlegung ihres Hebesatzes für die Gewerbesteuer vor einer schwierigen Abwägung. Verlangen sie zu wenig, fehlen wichtige Einnahmen. Verlangen sie zu viel, drohen Unternehmen abzuwandern. Vor allem im Windschatten attraktiver Standorte in den Ballungsräumen versuchen kleinere Kommunen mit niedrigen Steuersätzen die Neuansiedlung von Unternehmen zu fördern.

Beispiele aus Bayern

In München wären Unterhaching und Grünwald zu nennen. Der Hebesatz in der bayerischen Landeshauptstadt lag in vergangenen Jahr bei 490 Prozent. Im Vergleich: In der Gemeinde Unterhaching und im ebenso großstadtnahen Grünwald fiel der Hebesatz mit 295 und 240 Prozent deutlich geringer aus. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei Gemeinden mit mehr als 20.000 Einwohnern bei 431 Prozent, Tendenz steigend.

Verlockungen aus Grünwald

Reiche Gemeinden leisten sich bewusst einen niedrigen Satz und ziehen damit massenweise Firmen an. In dem noblen Vorort Grünwald sind nach Angaben des Kämmerers Raimund Bader zurzeit knapp 7000 Firmen gemeldet - bei gerade einmal 11.000 teils sehr prominenten Einwohnern. Damit gehört die Gemeinde bundesweit zu den günstigen Standorten und ist für Betriebe extrem attraktiv.

"Niedrige Gewerbesteuern gehören bei uns zur Tradition."

Grünwalds Kämmerer Raimund Bader

Trotz des niedrigen Hebesatzes ist Baders Kasse gut gefüllt. Im Jahr 2015 nahm Grünwald 172 Millionen Euro Gewerbesteuer ein - 30 Millionen mehr als im Jahr zuvor.

Der Sparwille nimmt vor Ort aber auch seltsame Züge an. Auf Seiten im Internet wird Firmen ein virtueller Sitz in Grünwald angeboten. Die Post wird dann einfach an den wirklichen Standort hinterhergeschickt.

Was ist der Hebesatz bei der Gewerbesteuer?

Für Städte und Gemeinden gehört die Gewerbesteuer zu den wichtigsten Einnahmequellen. Fällig wird sie auf den Gewinn der Betriebe, die im Ort angesiedelt sind.

Wie viel Steuern sie letztlich zahlen müssen, entscheidet der sogenannte Hebesatz, mit dem der Steuermessbetrag multipliziert wird. Diesen Hebesatz können die Kommunen jedes Jahr selbst festlegen und damit letztlich selbst über die Höhe der Steuern entscheiden.

Frankfurter Börse nicht mehr in Frankfurt

Deutschlandweit ist der Trend nicht anders. Firmen lassen sich auf günstigem Boden nieder. Die Frankfurter Börse, die Autovermietung Hertz und die Hotelkette Best Western etwa wanderten ins nahegelegene Eschborn ab, das mit 280 Prozent nur halb so viel Gewerbesteuer kassiert. Andere Städte verlangen vielleicht zu viel - wie etwa Oberhausen mit einem Hebesatz von 550 Prozent, das als alter Industrie-Standort im Ruhrgebiet damit nicht mehr punkten kann.

Der bundesweit günstigste Standort ist Gau-Algesheim in Rheinland-Pfalz mit einem Satz von 65. Für Unternehmen am teuersten ist Dierfeld, ebenfalls Rheinland-Pfalz, mit 900 Prozent.

"Wenn wir ein kleineres Unternehmen mit einem Jahresgewinn von 500.000 Euro nehmen, dann ergäbe sich in Eschborn eine Belastung von 49.000 Euro und in Oberhausen eine von 96.250 Euro."

Eine Beispielrechnung des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag DIHK sieht eine wachsende Kluft zwischen Gemeinden, die mit niedrigen Steuersätzen attraktiver werden, und anderen, die mit hohen Sätzen angestammte Betriebe verlieren. Wenn die Einnahmen erst einmal wegfallen, müssten die übrigen Unternehmen das über einen wahrscheinlich bald höheren Hebesatz ausgleichen. Ob diese Firmen ihrem Standort treu bleiben, ist fraglich.


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Thomas Kraft, Mittwoch, 24.Februar, 00:59 Uhr

4. Gewerbesteuer-Missbrauch

Für einen kritischen Fernsehsender wäre es sicher einmal ein interessantes Thema, dem massenhaften Missbrauch des niedrigen Gewerbesteuerhebesatzes in Grünwald nachzugehen. Wenn in einem Haus mit gerade einmal 10 nicht allzu großen Büros rund 60 verschiedene Firmen ihren (angeblichen) Sitz haben, kann es sich wohl kaum um einen Firmensitz im Sinne der Steuergesetzgebung handeln, sondern eher um ein Modell der massenhaften Steuerhinterziehung.

Das "Geschäftsmodell" scheint so erfolgreich zu sein, dass derzeit an einer Haupt-Einfallsstraße nach Grünwald schon wieder ein riesiges Bürohaus mit "virtual offices" etc. im Entstehen ist. Die Gemeinde Grünwald geht solchem Treiben natürlich nicht nach, da sie ja Profiteur davon ist. Auf der Strecke bleiben jedoch andere Gemeinden und letztlich die Steuerkraft des ganzen Landes. Insofern ein interessantes Thema für Staatsanwaltschaft, Finanzamt und Medien!

anja paulus, Dienstag, 23.Februar, 15:33 Uhr

3. gewerbesteuer

Sie sagen: "Der Sparwille nimmt vor Ort aber auch seltsame Züge an. Auf Seiten im Internet wird Firmen ein virtueller Sitz in Grünwald angeboten. Die Post wird dann einfach an den wirklichen Standort hinterhergeschickt."
Was ist daran seltsam? Grosse Büroserviceanbieter bieten überall, also in jeder deutschen Metropole, (virtuelle) Firmensitze mit Postversand an.

  • Antwort von Thomas Kraft, Mittwoch, 24.Februar, 01:08 Uhr

    Seltsam ist es dann, wenn diese Firmen nicht nur eine Bürodienstleistung nutzen, sondern auch ihren Firmensitz unter der angegebenen Adresse anmelden, obwohl sie physisch unter der jeweiligen Adresse gar nicht präsent sind. Es gibt in Grünwald "Business Centers", in denen sich alleine von der Zahl der Firmenschilder her die Mitarbeiter - selbst bei Minimalbesetzung - auf den Füßen stehen müssten. Stattdessen findet man auf dem Parkplatz drei Porsches und sonst nichts.

Roseninsel1, Dienstag, 23.Februar, 05:55 Uhr

2. Wahlversprechen

Ministerpraesitent Seehofer hat im Wahlkampf versprochen, dass er sich um eine gerechtere Verteilung der Gewerbesteuer kuemmern wird.
Leider ist das bisher nicht geschehen. Eine Kleinstadt wie Dingolfing in Niederbayern hat durch BMW eine Gewerbesteuereinnahme von jaehrlich ca.
150 Millionen!! Dadurch kommt es zu Steuergeldverschwendung. In einem zu Dingolfing gehoerendem Dorf (Teisbach ca. 600 Einwohner) wird in der Dorfmitte eine Tiefgarage gebaut. Das duerfte nicht nur in Bayern einmalig sein.

Manfred, Montag, 22.Februar, 17:11 Uhr

1.

Gewerbesteuersatz ist aber nicht alles:
In Grünwald sind die Grundstückspreise wesentlich höher als in anderen Umlandgemeinden. (Für Briefkastenfirmen ist das zwar irrelevant, aber hier wäre vielleicht mal eine gesetzliche Regelung sinnvoll.)
Für Großstädte ist die Gewerbesteuer ein Regulierungsinstrument, um ZU VIEL Gewerbe (mit allen negativen Folgen) zu begrenzen.

Ansonsten sind je nach Gewerbe natürlich noch die üblichen Standortvor- und nachteile vielleicht viel wichtiger:
- Verkehrsanbindung
- Telekommunikations-Infrastruktur
- Verfügbarkeit von Arbeitnehmern
-usw.