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Gewaltexzesse beim G20-Gipfel Die Motive hinter den Masken

G20-Gipfel in Hamburg. Während in der Elbphilharmonie die Mächtigen der Welt klassischer Musik lauschen, tobt im Schanzenviertel der vermummte Mob. Schwarze Kleidung, schwarze Masken, schwarzer Block. Was sind das für Menschen hinter den Masken? Sind es Globalisierungsgegner, Linksautonome, Terroristen?

Von: Carola Brand

Stand: 16.07.2017

Autos brennen, Pflastersteine und Brandsätze fliegen, Geschäfte werden geplündert und verwüstet. Haben die Veranstalter die Gewaltbereitschaft unterschätzt? Die Antwort lautet: ja. Der Verfassungsschutz hatte vor einer Eskalation gewarnt.

"Klares Ziel des militanten Spektrums ist es dabei, eine Eskalation und damit einen Kontrollverlust für die eingesetzten Sicherheitskräfte herbeizuführen."

Lagebericht der Verfassungsschutzes vom Mai 2017

Olaf Scholz: Neue Dimension der Gewalt

Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz

Genau das ist dem Mob in Hamburg gelungen. Wurde die Warnung des Verfassungsschutzes nicht ernst genommen? Waren 20.000 Polizeibeamte noch zu wenig? Waren sie falsch eingesetzt? All das ist noch zu klären. Der Hamburger Bürgermeister Olaf Scholz von der SPD, der vorher noch versprochen hatte, manch einer in der Stadt werde vom Gipfel gar nichts mitkriegen,  gibt sich inzwischen reumütig.

"Heute wissen wir, dass die Sicherheitsbemühungen nicht gereicht haben, um einer neuen Dimension der Gewalt Herr zu werden und Straftaten zu vereiteln."

Olaf Scholz, Bürgermeister von Hamburg

Neue Dimension? Vermummte mit Masken, rohe Gewalt und blinde Zerstörungswut - das gab es schon einmal in Deutschland und es ist gar nicht lange her.

2015: Ähnliche Gewaltexzesse vor EZB-Zentrale in Frankfurt

Es ist der 18. März 2015. In der Frankfurter Innenstadt herrscht Chaos. Wurfgeschosse werden von Dutzenden von vermummten und schwarz-gekleideten Tätern abgeschossen. Polizeibeamte werden angegriffen, Autos in Brand gesteckt und Feuerwehrleute beim Löschen behindert. Die Blockupy-Bewegung, das lose Bündnis von Kapitalismuskritikern, hatte anlässlich der Eröffnung des neuen EZB-Gebäudes zu Protesten aufgerufen. Es ist der Höhepunkt der Euro-Krise. Die Linke im hessischen Landtag, die zu den Organisatoren des Protests zählte, distanzierte sich später von den Gewalttätern. Sie waren auch aus Spanien und Griechenland angereist.

Haben die Gewalttäter noch eine politische Botschaft?

Sozialdemokraten und Linke in Deutschland wehren sich vehement dagegen, in die politische Nähe der Gewalttäter von Hamburg gerückt zu werden.

"Die Leute, die da für sich reklamieren, sie seien links, sind bescheuert, aber nicht links."

Martin Schulz, Kanzlerkandidat der SPD

Links ist nicht gleich linksextrem, aber: Ganz so einfach dürfen es sich die Sympathisanten linker Ideologie auch nicht machen, betonen Extremismusforscher. Der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse, Mitherausgeber des Jahrbuchs Extremismus und Demokratie, nennt den Versuch, aus den Krawallmachern gewöhnliche Kriminelle zu machen, eine "Form der Entpolitisierung".

"Man verschweigt aber, dass es linke Straftäter sind. Viele tun sich schwer den Begriff Linksextremismus zu gebrauchen."

Eckhard Jesse, Extremismusforscher

Gewaltexzesse beim G20 Gipfel

Auch Armin Pfahl-Traughber, Professor an der Universität des Bundes in Brühl, fordert die Akteure der Zivilgesellschaft auf, sie sollten sich kritischer mit diesen Phänomenen beschäftigen und sich in aller Deutlichkeit distanzieren. Allerdings räumen beide Extremismusforscher ein, dass man noch zu wenig wisse über die Motive und die Menschen hinter den Masken.

Krawalltouristen und Globalisierungsverlierer

Einer, der die chaotischen Zustände in Hamburg aus nächster Nähe erlebt hat, weil er im Schanzenviertel wohnt, ist Christof Gruber. Er hat viele Jugendliche beobachtet, die sich als "Krawalltouristen" unter die Linksautonomen gemischt hatten.

"Ich kann mich an eine Szene erinnern, wo sich ein Jugendlicher von einem Sanitäter hatte helfen lassen. Da waren noch Freunde von ihm dabei, die hatten die Maske runter genommen und meinten: Boah, das ist ja wie GTA auf der Playstation spielen, nur im real life. Da hat man gemerkt, die hatten keinerlei politischen Hintergrund, die hatten einfach Lust, Krawall zu machen."

Christof Gruber, Politikstudent und Bewohner des Schanzenviertels

Auch viele Südeuropäer, unter anderem Spanier und Italiener, hätten sich an den gewalttätigen Protesten beteiligt, erzählt Gruber.

Viele gewalttätige Demonstranten aus dem Ausland

"Welcome to hell" - viele Demonstranten haben das zu wörtlich genommen

Nach Angaben der Polizei kamen die meisten Gewalttäter aus Deutschland. Von 186 Festgenommenen waren demnach 133 Deutsche. Gewalttätige Demonstranten reisten aber auch aus Frankreich, Italien, Spanien, Russland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz an. Eine hoch explosive Mischung.

Viel Hass und Frust sei zu beobachten gewesen. Die Gewalt lehnt Gruber ab, aber er hält die angereisten Chaoten für politisch motiviert.

"Wenn sich jemand auf den Weg macht aus Spanien, Italien oder sonstwo, nach Hamburg zu kommen zum G20 Gipfel, dann muss da ja viel Frust dahinterstecken. Und wenn man sich die Arbeitslosenquoten in Spanien anschaut, gerade bei den Jugendlichen, kann ich mir schon vorstellen, dass da sehr viel Unmut zusammenkommen kann und vor allem Wut."

Christof Gruber, Politikstudent und Bewohner des Hamburger Schanzenviertels

Globalisierungsgegner und zugleich Globalisierungsverlierer also. Das wirft noch einmal ein neues Licht auf die Krawalle und die Motive hinter den Masken.

  • Carola Brand | Bild: BR Carola Brand

    Verantwortliche Redakteurin für den "Funkstreifzug" auf B5aktuell


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