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Der Preis der Medizin Warum Gesundheit wieder mehr kostet

Jahrelang konnten die Gesetzlichen Krankenkassen milliardenschwere Überschüsse erwirtschaften - doch jetzt ist es damit vorbei. Viele Versicherte werden wieder mit höheren Zusatzbeiträgen rechnen müssen. Ein Grund sind auch die Kosten für die Reformen von Gesundheitsminister Gröhe.

Von: Achim Wendler

Stand: 08.12.2015

Elektronische Gesundheitskarten verschiedener Krankenkassen wie AOK, Barmer, Die Continentale, DAK, Debeka, DKV, GEK, Inter Versicherungen, TK | Bild: picture-alliance/dpa

Wer behauptet, in der Berliner Stadtmitte gebe es keine Fabrik mehr, vergisst das Bundesgesundheitsministerium. Eine Fabrik für Gesetze steht in der Friedrichstraße. Es ist nichts anderes als eine Fließbandproduktion, mit mehr als zehn Reformen allein dieses Jahr. Vorletzte Woche legte Fabrikdirektor Hermann Gröhe (CDU) Rechenschaft ab, bei der Haushaltswoche des Bundestags. Gröhes Rede bestand über weite Strecken aus den Versatzstücken "Wir stärken" und "Wir fördern". Gestärkt werden die Krankenhäuser, die Prävention, die Ärzte, die Hospiz- und Palliativversorgung und die Patienten. Und das kostet Geld. "Natürlich wissen wir, dass es Verbesserungen nicht zum Nulltarif gibt", räumt Gröhe ein.

40 Milliarden mehr in fünf Jahren

So kann man es sagen. Man kann sich aber auch eine Rechnung des rheinisch-westfälischen Wirtschaftsinstituts anschauen. Demnach kosten die Reformen des Christdemokraten Gröhe zwischen 2015 und 2020 rund 40 Milliarden Euro. RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky nennt Gröhe "vielleicht einen der teuersten Gesundheitsminister, die das Land je hatte".

Beispiel Krankenhausreform: Sie soll die deutsche Krankenhauslandschaft modernisieren. Wo es zu viele Krankenhäuser gibt, sollen welche schließen. Ob das klappt, weiß niemand, sicher ist aber, dass das Ganze erst einmal Geld kostet. Es soll mehr Pfleger geben, gute Medizin soll besser bezahlt werden, ein Strukturfonds soll entstehen, damit überflüssige Krankenhäuser nicht einfach verschwinden, sondern umgewandelt werden können in Pflegeheime.

Nimmt viel Geld in die Hand: Bundesgesundheitsminister Herrmann Gröhe (CDU)

Laut Gesundheitsministerium kostet das allein nächstes Jahr 600 Millionen Euro. Nur dafür müsste der Beitragssatz rein rechnerisch um 0,05 Prozentpunkte steigen. Womöglich aber mehr, jedenfalls langfristig. Johann-Magnus von Stackelberg, stellvertretender Vorsitzender des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenversicherung, sagt: "Wir haben eine Berechnung, die weitaus höhere Anhebungen befürchten lässt."

Ausgaben steigen und steigen

Die Reformen sind nicht der einzige kostentreibende Faktor des Gesundheitswesens. So oder so klettern die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung Jahr für Jahr, in allen Bereichen, also bei Krankenhäusern, niedergelassenen Ärzten und Medikamenten.

Ein paar Jahre waren die Mehrausgaben kein Problem, weil die Krankenkassen in einer historischen Ausnahmesituation waren. Sie kassierten weit mehr Einnahmen als Ausgaben. Sie sparten fast 30 Milliarden Euro an und konnten ihren Mitgliedern trotzdem noch Beiträge zurück zahlen. Der damalige Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) empfahl 2012, von dem Bonus Turnschuhe zu kaufen "und was für die Gesundheit zu tun".

Seit 2014 aber sind die fetten Jahre vorbei, die Rücklagen schmelzen dahin. Erst ging das noch langsam. Aber seit diesem Jahr liegt der allgemeine, gesetzlich festgeschriebene Beitragssatz deutlich niedriger. Seitdem erheben die meisten Kassen zwar wieder einen Zusatzbeitrag, aber viele verlangen aus Wettbewerbsgründen nicht genug, um ihre Kosten zu decken.

Belastung einseitig verteilt

Das alles zusammen drückt die Beiträge nun nach oben. Gesundheitsminister Gröhe rechnet folgendermaßen: Die Ausgaben dürften 2016 bei 220 Milliarden Euro liegen, die Einnahmen mittels des gesetzlichen Beitrags bei nur 206 Milliarden. Fehlen folglich 14 Milliarden Euro - dieses Geld müssen sich die Kassen über Zusatzbeiträge holen, was im Durchschnitt 1,1 Prozent bedeutet, also 0,2 Punkte mehr als heute. Wohlgemerkt, zahlen müssen den Zusatzbeitrag nur die Arbeitnehmer. Die Arbeitgeber indes "schauen relativ gelassen zu, denn ihr Beitragssatz ist bei 7,3 Prozent festgefroren", ärgert sich der linke Gesundheitsexperte Harald Weinberg. Auch die SPD hat ein Problem mit dieser Regel, die sie sich in den Koalitionsverhandlungen von der Union hat abringen lassen - zugunsten der Arbeitsplätze.

0,2 Prozentpunkte bedeuten für den Durchschnittsverdiener (3.000 Euro brutto/Monat) sechs Euro mehr Beitrag. Aus Sicht des Gesundheitsgesetzesfabrikanten Gröhe ist das kein Grund zum Ärgern:

"Eine halbe Kinokarte für die Beteiligung an Spitzenmedizin! Für Alarmismus ist da wahrlich kein Raum!"

Herrmann Gröhe, Bundesgesundheitsminister


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Gonzalez, Dienstag, 08.Dezember, 14:30 Uhr

12. Durchschnittsverdiener....

...3000 brutto? Davon träumt die Mehrheit nur....

Rechner, Dienstag, 08.Dezember, 11:50 Uhr

11. Schwarzes Loch

"Die Ausgaben dürften 2016 bei 220 Milliarden Euro liegen, ..."

Wie üblich richtig und falsch gleichzeitig.
Von dem unvorstellbaren Vermögen von über 200 Milliarden Euro, das den Versicherten jährlich abgepreßt wird, werden nur 90 Milliarden für die Versicherten ausgegeben. Wo wandern also die restlichen 110 Milliarden hin? So viel können doch nicht einmal die Vorstände einstreichen.

Pelzer Peter, Dienstag, 08.Dezember, 10:23 Uhr

10. steigende Krankenkassenausgaben.

Das die Kosten für die Kassen steigen ist aufgrund aktueller Situation klar. Die Einnahmen durch
Lohnerhöhungen der Arbeitnehmer steigen ja auch und trotzdem soll das nicht reichen !
Das liegt wohl aktuell daran das viele mitversichert / finanziert
werden müssen die noch nie einbezahlt haben und nie einzahlen werden.

Die Einführung einer Kopfpauschale, anlehnend an die Privatversicherung ist
dadurch gerechter. Der jetzige Beitrag könnte als Basis
für eine Familie mit zwei Kindern dienen.
In gewisser Weise ist es auch verantwortungslos zu viele Kinder in die Welt zu setzen
die man sich nicht leisten kann und dann von der Gesellschaft finanziert werden müssen !

Zur Eindämmung der Kostensteigerung hat man das Rauchen mit guten Erfolg bekämpft.
Wie wäre das bei extrem Übergewichtigen und den verletzungsanfälligen Sportarten ?

Oliver S., Dienstag, 08.Dezember, 09:41 Uhr

9. Anderer Vorschlag:

Gesundheitssteuer auf Genussmittel, die auf Dauer bekanntermaßen krank machen. z.B.
- Süßwaren
- Alkohol
- Tabak
- Energy Drinks
- ...

Da reichen auch ein paar Ct. je Produkt, um die Krankenkassen zu entlasten. Das wäre zudem eine gerechte Verteilung der Kosten auf die Verursacher.

Auch sollte für Risikosportarten eine zusätzliche private Zusatzversicherung eingeführt werden. Und das beginnt m.E. schon beim Ski Fahren. Meinen Zahnersatz muss ich auch privat finanzieren oder ich investiere alternativ in eine Zusatzversicherung.

Zusätzlich: mehr Kontrollen auf Baustellen. Häufig hantieren die Arbeiter mit lauten Geräten - ohne Gehörschutz. Für die Langzeitfolgen kommt wieder die Allgemeinheit auf.

Am meisten nervt mich, dass Raucher bis zur Bahre im Krankheitsfall alles finanziert bekommen, die Kosten für Brille und Zahnersatz dagegen zum Großteil selber finanziert werden müssen. Vernünftiger Zahnersatz ist für finanziell Schwache sowieso zunehmend nicht finanzierbar.

genau genommen, Dienstag, 08.Dezember, 09:20 Uhr

8. Mia san mia..

..sagen Pharmaindustrie und Ärzteverband, und schon springt egal welcher Gesundheitsminister und lässt sich wieder irgendwas einfallen, um der mächtigen Lobby wieder was zuzuschanzen. Der deutsche Depp zahlt schon. Der zahlt immer. Da geht das ganz einfach...