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Steigende Gesundheitskosten Widerstand gegen Arznei-"Mondpreise"

Die Ausgaben der Krankenkassen vor allem für neue, patentgeschützte Arzneien sind in letzter Zeit rasant gestiegen. Nicht nur Kassenchefs, sondern auch viele Ärzte fordern, dass die Politik einschreitet.

Von: Nikolaus Nützel

Stand: 30.01.2016

 Ein Arzt untersucht am 18.01.2005 einen Patienten mit einem Stethoskop.  | Bild: picture-alliance/dpa/Soeren Stache

Seit rund eineinhalb Jahren macht das Medikament "Sovaldi" Schlagzeilen. Denn es bekämpft - gemeinsam mit Nachfolgepräparaten wie "Harvoni" - die oftmals tödliche Leberentzündung Hepatitis C weit wirksamer als ältere Medikamente. Empörung bei Kassenchefs, aber auch bei vielen Medizinern, lösen die neuen Hepatitis-Medikamente aber auch wegen ihres Preises aus: Auf rund 60.000 bis 80.000 Euro summieren sich die Kosten für die Behandlung eines einzelnen Patienten.

AOK-Chef kritisiert "Mondpreise"

Der Vorstandschef der AOK Bayern, Helmut Platzer, spricht von "Mondpreisen". Mit einer betriebswirtschaftlichen Kalkulation lassen sich solche Arzneikosten seiner Ansicht nach nicht begründen. Platzer warnt vor einer neuen Ära, die die Pharmabranche eingeläutet habe, "mit einer extrem hochpreisigen Preisgestaltung und mit einer extrem aggressiven Strategie". Allein im Jahr 2014 sind die Arznei-Ausgaben der gesetzlichen Kassen um zehn Prozent gestiegen, im Jahr 2015 kamen weitere fünf Prozent oben drauf.

Der AOK-Chef fordert deswegen die Bundesregierung zum Gegensteuern auf. Es sei nicht mehr länger hinnehmbar, dass die Pharmaindustrie den Patentschutz für ihre Medikamente nutzen kann, um im ersten Jahr nach der Markteinführung einen beliebig hohen Preis zu verlangen. Erst danach müssen die Hersteller mit den Kassen über Abschläge von dem Preis verhandeln, den die Industrie vorher völlig frei festlegen kann.

"Da muss ich überlegen, was am Gesetz geändert werden muss, damit ich diese Strategie austrockne."

Helmut Platzer, Vorstandsvorsitzender AOK Bayern

Gleiche Kosten für bessere Leistung?

Der Hersteller der "1000-Dollar"-Pille Sovaldi, der US-Konzern Gilead, weist die Kritik an seiner Preispolitik zurück. Die neuen Medikamente könnten alte Therapieansätze, die ebenfalls zigtausende Euro kosteten, komplett ersetzen, argumentiert Gilead. Die Kassen müssten unterm Strich für die Behandlung der Kranken also nicht mehr zahlen.

"Wenn Sie es umrechnen auf die alten Therapien, kommt der Preis praktisch gleich raus."

Johannes Kandlbinder, Director Market Access bei Gilead

Warnung vor Rationierung

Nicht nur Kassenvertreter, auch viele Ärzte halten diese Argumentation für nicht stichhaltig. Nach Ansicht von Prof. Georg Marckmann, der das Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität leitet, verringert die Preispolitik der Industrie die Heilungschancen von Patienten und bringt sogar Leben in Gefahr. Nach Marckmanns Ansicht kann kein Krankenversicherungssystem auf Dauer Preisvorstellungen der Industrie finanzieren, wie sie der US-Konzern Gilead bei Präparaten wie Sovaldi und Harvoni durchgesetzt hat.

"Das führt dazu, dass möglicherweise Patienten sterben oder zumindest einen erheblichen gesundheitlichen Nachteil haben."

Prof. Georg Marckmann, Leiter des Instituts für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität

Der Leiter der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, Prof. Wolf-Dieter Ludwig, ergänzt, dass auch bei anderen Krankheiten wie Krebs neue, patentgeschützte Arzneien zu immer höheren Preisen verkauft werden. Der oberste Arzneiexperte der Bundesärztekammer ist überzeugt: "Das kann unser Gesellschaftssystem, unser Gesundheitssystem nicht tragen."

Die Bundesregierung antwortet auf die Frage, ob sie auf solche Warnungen eingehen wird, mit dem Hinweis, dass derzeit längerfristig angelegte Gespräche mit der Industrie unter der Überschrift "Pharmadialog" laufen. Nach dem Abschluss dieser Gespräche im Frühjahr werde die Bundesregierung die Situation erneut bewerten, heißt es aus dem Bundesgesundheitsministerium.

Infos

Ausführliche Informationen zum Thema im ARD-Radiofeature "Der Preis der Heilung" auf Bayern 2 am Samstag, 30. Januar 2016, 13:05 Uhr und unter der ARD-Internetseite.


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