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Industrie und Politik ziehen an einem Strang Die geschützte Droge Alkohol

Das Anstoßen mit vollen Bierkrügen ist für Politiker ein Muss, es signalisiert Volksnähe. Um den Ehrentitel "Botschafter des Bieres" reißen sich Amts-und Mandatsträger von Union, SPD und Grünen. Dabei ist Alkohol eine gefährliche Droge mit vielen Toten, missgebildeten Kindern und immensem volkswirtschaftlichen Schaden. Warum unternimmt die Politik nicht mehr dagegen, sondern schützt Alkohol regelrecht?

Von: Wolfgang Kerler und Vanessa Lünenschloß

Stand: 23.10.2016

Peter Altmaier, CDU, Bundesminister für besondere Aufgaben, auf dem Gillamoss

Beim jüngsten Gillamoos Anfang September, dem Volksfest im niederbayerischen Abensberg, betonte Peter Altmaier, CDU-Bundesminister für besondere Aufgaben und Kanzleramtschef, ausdrücklich bei seiner Begrüßung via Lautsprecher, dass in seinem Krug keineswegs Kamillentee sei, sondern richtiges Bier. 2013 war Altmaier vom Deutschen Brauerbund zum "Botschafter des Bieres" gekürt worden: Lobbyismus pur also. Weitere Träger dieses Titels waren Frank-Walter Steinmeier, SPD und Grünen-Chef Cem Özdemir. Der aktuelle "Botschafter des Bieres" ist Norbert Lammert, CDU, der Präsident des Deutschen Bundestages. 

Lobbyismus pur

Simone Peters, Bundesvorsitzende der Grünen auf dem Gillamoos

Ist diese auffällige Nähe zur Alkohol-Industrie der Grund, warum beim Alkohol bislang keine Steuererhöhungen und Werbeverbote durchgesetzt werden? Beim Tabak ist das längst durchgesetzt.

Die Autoren kontaktierten alle Fraktionen im Bundestag. Von der Unions-Fraktion kam überhaupt keine Antwort. SPD, Grüne und Linke sprachen sich im Grundsatz dafür aus, Werbung für Alkohol zu verbieten oder einzuschränken. Beim Thema Steuererhöhungen herrscht aber auch bei ihnen weitgehend Zurückhaltung.

74.000 Tote jährlich

Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz erläutert die Folgekosten von Alkohol

Alkohol fordert in Deutschland bis zu 74.000 Tote jährlich.  60-mal so viel wie alle illegalen Drogen zusammen. Und die Folgekosten der Sucht für die Allgemeinheit sind gigantisch: 58 Milliarden Euro, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Tobias Effertz von der Universität Hamburg.

"Alkohol ist sicherlich das teuerste Rauschmittel oder der teuerste riskante Lebensstil, den wir in Deutschland haben."

Tobias Effertz, Universität Hamburg 

Leid für die ganze Familie

Über 9 Milliarden pro Jahr betragen die Ausgaben für Ärzte und Medikamente. Zusätzlich zu diesen direkten Kosten veranschlagt Tobias Effertz entgangene Einkünfte, weil die Alkoholkranken nicht arbeiten können plus Frührente und Arbeitslosengeld.

Schließlich rechnet der Wirtschaftswissenschaftler noch einmal 18 Milliarden Euro für Schmerz und Leid der betroffenen Familien. Umso enttäuschter ist Tobias Effertz von der Politik.

Infografik: Was uns der Alkoholkonsum pro Jahr kostet

"Die Bundesregierung ist überhaupt nicht daran interessiert momentan, die Steuern zu erhöhen. Aber die Lobbyanstrengungen der Alkoholindustrie sind auch sehr, sehr stark."

Tobias Effertz, Universität Hamburg  

Hinzu kommt: Sowohl zahlreiche Brauereien als auch Weingüter sind in Staatsbesitz.

Infografik: Wo der Staat selbst Bier und Wein verkauft

Ausstieg aus dem Teufelskreis der Sucht

Ein Treffen der Münchner Selbsthilfegruppe des Blauen Kreuzes

1,8 Millionen Menschen sind in Deutschland alkoholsüchtig – Tendenz steigend. Diejenigen, die sich regelmäßig bei der Münchner Selbsthilfegruppe vom "Blauen Kreuz" treffen, haben es allerdings geschafft: Sie sind aus dem Teufelskreis der Abhängigkeit heraus. Ihre Nachnamen wollen sie nicht nennen. Mittlerweile helfen sie ehrenamtlich anderen. Im Raum München gibt es sechzig solcher Gruppen. Die Mitglieder sind rund um die Uhr erreichbar, fahren zu Entgiftung ins Krankenhaus oder in Suchtkliniken in ganz Deutschland.

"Eine Alkoholkrankheit ist eine Familienkrankheit und das macht die Familie mit kaputt."

Margarethe, Münchner Selbsthilfegruppe 'Blaues Kreuz'   

Die B5 Reportage

Die geschützte Droge Alkohol - Industrie und Politik ziehen an einem Strang

Reportage am Sonntag, 23.10.2016, 14:35 und 21:35 Uhr, B5aktuell

Autoren: Wolfgang Kerler und Vanessa Lünenschloß
Redaktion: Susanne Betz

  • Wolfgang Kerler | Bild: BR / Lisa Hinder Wolfgang Kerler

    Autor und Reporter für die Wirtschaftsredaktionen TV und Hörfunk sowie BR Recherche

  • Vanessa Lünenschloß | Bild: BR/Lisa Hinder Vanessa Lünenschloß

    Autorin und Redakteurin für die Redaktionen Wirtschaft (TV & Hörfunk) und Bayern 2 radioWelt

  • Dr. Susanne Betz, Redakteurin in der Redaktion Politik und Hintergrund | Bild: BR/Susanne Betz Susanne Betz

    Redakteurin und Reporterin. Redaktion Politik und Hintergrund.


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