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Arzneimittel-Betrug Gepanschte Krebsmittel: Tausende von Patienten betroffen

Ein Apotheker aus Bottrop ist wegen Betrugs mit Krebspräparaten vor Gericht. Er soll in großem Stil Arzneimittel für Krebstherapien gestreckt haben. Wahrscheinlich sind tausende Patienten betroffen.

Stand: 13.11.2017

In einem Reinraum einer Krankenhausapotheke werden Infusionen hergestellt. | Bild: picture-alliance/dpa

Einer der größten Arzneimittelprozesse der vergangenen Jahrzehnte hat am Montag in Essen begonnen: Wegen fast 62.000 Verstößen gegen das Arzneimittelgesetz muss sich ein Apotheker aus Bottrop vor dem Essener Landgericht verantworten. Der 47-Jährige soll unter anderem in großem Stil Krebspräparate gestreckt haben. Die Staatsanwaltschaft warf ihm zu Prozessbeginn versuchte Körperverletzung und Millionenbetrug zu Lasten der Krankenkassen vor.

Auch Hygienevorschriften missachtet

Die Anklage legte dem Mann am ersten Verhandlungstag zur Last, von Januar 2012 bis zu seiner Festnahme im November 2016 in insgesamt 61.980 Fällen gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen zu haben. Neben der falschen Dosierung von Präparaten soll der Apotheker Peter S. auch Hygieneregeln und Dokumentationspflichten missachtet haben. So soll er den entgegen der Vorschriften den Reinraum mit Straßenkleidung betreten haben. Auch habe er die Vorschrift verletzt, die Zubereitung der Krebsmittel in Protokollen detailliert zu dokumentieren.

Wird der Angeklagte sein Schweigen brechen?

Der Angeklagte schweigt bislang zu den Vorwürfen. Er hatte laut Staatsanwaltschaft die behördliche Erlaubnis zum Betrieb eines Reinlaumlabors. Die Anlage will ihm in dem Verfahren nachweisen, dass er sich durch das mutmaßliche Strecken der Krebspräparate über Jahre hinweg eine "erhebliche, nicht nur vorübergehende Einnahmequelle" verschaffte.

Panschen mit zu wenig Wirkstoff

So habe S. von 2012 an deutlich weniger der für die Herstellung der Krebspräparate notwendigen Wirkstoffe eingekauft als er eigentlich benötigt habe. Die Staatsanwaltschaft durchsuchte die Apotheke des in Essen geborenen Angeklagten am 26. November, dem Tag seiner Festnahme, und beschlagnahmte dabei 117 zur Auslieferung bereite Krebstherapien. Ein Teil davon erwies sich späteren Untersuchungen zufolge als unterdosiert. Um nicht wegen ausbleibender Nebenwirkungen oder Farbabweichungen aufzufallen, soll der 47-Jährige beim Verdünnen und Panschen großen Wert darauf gelegt haben, dass "immerhin ein wenig Wirkstoff in den Infusionsbeuteln vorhanden war", heißt es in der Anklage.

Mehrere Tausend Patienten betroffen

Von den gestreckten Krebspräparaten dürften nach Einschätzung der Anklage tausende Patienten in mehreren Bundesländern betroffen gewesen sein: Die Anklage spricht von einer Zahl im "niedrigen vierstelligen Bereich". In dem Essener Prozess waren nach Gerichtsangaben zu Verhandlungsbeginn am Montagmorgen 19 Nebenkläger zugelassen. Den Ermittlungen zufolge sind Patienten von 37 Ärzten, Praxen und Kliniken in sechs Bundesländern betroffen - die meisten in Nordrhein-Westfalen. Lieferungen gingen aber auch an jeweils eine Klinik oder Praxis in Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Baden-Württemberg, Niedersachsen und Sachsen.

Krankenkassen um Millionenbeträge betrogen

Zudem rechnete der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft die fehlerhaften und damit wertlosen Arzneimittel monatlich mit den gesetzlichen Krankenkassen ab. Die Staatsanwaltschaft wertet dies als Betrug in einem besonders schweren Fall und beziffert den dabei entstandenen Gesamtschaden auf rund 56 Millionen Euro. Insgesamt soll der Apotheker die Kassen 59 Monate lang betrogen haben.

20 geschädigte Patienten als Nebenkläger

Rund 20 Kunden des Apothekers oder ihre Angehörigen sind für den Prozess als Nebenkläger zugelassen. Sie erwarten vor allem Antworten auf die Frage nach dem Warum. Eine von ihnen, Heike Benedetti aus Bottrop, sagte vor Prozessbeginn: "Ich möchte leben und kämpfe dafür, dass es ein gerechtes Urteil geben wird.» Cornelia Thiel aus Marl sagte: "Ich möchte, dass der Angeklagte nachempfinden kann, was er für ein Leid über krebskranke Menschen gebracht hat." Ihr eigenes Leid sei die Ungewissheit. "Ich möchte wissen, ob er mir Lebensjahre geklaut hat." Für den Prozess beraumte die Essener Strafkammer bislang 13 weitere Verhandlungstage bis Mitte Januar an.


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