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"Die Leute werden immer aggressiver" Geiselnahmen und Schießereien: Gewalt in der Gesellschaft nimmt zu

Aggressionen, Wut, Pöbeleien – Gewalt in der Öffentlichkeit gehört immer öfter zur Tagesordnung: bei der Bahn, im Straßenverkehr, in der Klinik, in Behörden. Unter anderem nach der Geiselnahme in Pfaffenhofen stellt sich die Frage: Wohin steuert unsere Gesellschaft?

Von: Katharina Wysocka

Stand: 21.11.2017

Pfaffenhofen am 6. November 2017: Ein Mann mit einem Messer nimmt im Landratsamt Pfaffenhofen eine Mitarbeiterin als Geisel. Der Vater war im Jugendamt wegen eines Sorgerechtsstreits ausgerastet.

3. Dezember 2014 im Jobcenter Rothenburg an der Tauber: Ein Kunde ersticht einen Gutachter.

11. Januar 2012 am Amtsgericht Dachau: Ein Angeklagter erschießt bei der Urteilsverkündung einen Staatsanwalt.

Sicherheitskräfte patrouillieren im Jobcenter Kempten

Diese Vorfälle haben Behörden in Bayern alarmiert, sie rüsten auf. Im Jobcenter Kempten patrouillieren seit März zwei Sicherheitskräfte durch die Gänge. Denn auch dort gab es jüngst einen Drohanruf: Ein Mann hatte gedroht, mit einer Kalaschnikow ins Wohnungsbauamt zu kommen. Die Sicherheitsleute wurden seit März schon etwa 90 mal gerufen, meist rein vorsorglich. Einschreiten mussten sie in sechs Fällen, weil Kunden laut geworden sind.
Und auch im Münchner Sozialamt wachen bereits 25 Sicherheitskräfte darüber, dass alles gewaltfrei abläuft.

Brennpunkt S-Bahn München

Leo Niccolini arbeitet als Sicherheitskraft bei der Deutschen Bahn.

Ein Brennpunkt in Bayern ist die S-Bahn München. 850.000 Menschen werden dort täglich befördert. Und dort ereignen sich auch die meisten Körperverletzungen gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn. Leo Niccolini, der als Sicherheitskraft beschäftigt ist, geht in den letzten Jahren zunehmend angespannt zur Arbeit.

"Die Leute werden immer aggressiver. Ich habe schon eine gebrochene Nase gehabt, zwei Mal eine Flasche im Gesicht, ich wurde gebissen während des  Oktoberfests und hatte sogar mal einen Messerstich in der Hand."

Leo Niccolini, Sicherheitskraft bei der Deutschen Bahn.

In Deutschland nehmen Körperverletzungen gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn seit Jahren zu.

Körperverletzungen gegen Mitarbeiter der Deutschen Bahn nehmen seit Jahren zu. 2012 waren es 966 Fälle in Deutschland, 2016 waren es  2.374 – also zweieinhalb mal so viele. 424 davon in Bayern. Dieses Jahr wird wohl ein neuer Höchststand erreicht.

Zunehmend Gewalt gegen Bahnmitarbeiter

Hülya Solak arbeitet als Zugbegleiterin bei der Deutschen Bahn.

Anderes Beispiel: Hülya Solak arbeitet als Zugbegleiterin in der Regionalbahn. Am letzten Oktoberfestwochenende rastet ein angetrunkener Mann während einer Fahrkartenkontrolle zwischen Geltendorf und Kaufering aus.

"Mein Zug war voller Fahrgäste. Der Mann hat angefangen zu schreien. Ich sah in seinen Augen, wie aggressiv er war, voller Hass. Er hat andere Fahrgäste und mich beleidigt. Ich hatte so Angst in dem Moment, dass er ein Messer rausholt und uns allen weh tut. Dann bin ich weggelaufen und habe nach Polizisten gesucht. Dann habe ich den Lockführer angerufen, dass ich mit diesem Fahrgast nicht weiter fahren werde, weil er mir zu gefährlich ist."

Hülya Solak, Zugbegleiterin in der Regionalbahn.

Mitarbeiter der Bahn, die solche Erfahrungen mit gewalttätigen Fahrgästen gemacht haben, können sich an die Beratungsstelle der Eisenbahn und Verkehrsgewerkschaft wenden. Das passiert immer häufiger.

Rücksichtslosigkeit verursacht hohe Kosten

Weil viele Menschen rücksichtslos nur an ihr eigenes Interesse denken, entstehen auch enorme Kosten: Vergangenes Jahr hatten Mitarbeiter der Bahn in Deutschland 11.985 Ausfalltage aufgrund von Körperverletzungen. In Bayern waren es 1879 Ausfalltage.

Denn häufig können Mitarbeiter der Bahn nach Übergriffen über Wochen oder Monate nicht mehr arbeiten - weil sie so schwer verprügelt wurden, dass sie ins Krankenhaus mussten oder weil sie sich in eine psychische Behandlung begeben mussten.

Aggressives Verhalten scheint salonfähig zu werden

Pöbeln, Drängeln und Beschimpfen ist auch unter Autofahrern an der Tagesordnung. Die Straßen sind voll, der Zeitdruck steigt. Laut einer Studie ist jeder Zehnte schon mal Zeuge einer körperlichen Auseinandersetzung geworden. Der Straßenverkehr als Kampfgebiet. 2016 gab es 2,6 Millionen Verkehrsunfälle in Deutschland - häufige Ursache: aggressives Fahrverhalten.

"Aggressivität im Straßenverkehr ist ein schöner Ausdruck, wie die Gesellschaft funktioniert. Da sehen wir sehr deutlich: Die Menschen sind deswegen aggressiv, weil sie meinen sie wären komplett alleine im Auto unterwegs und Straßenverkehr ist das Durchsetzen von maximalem Eigeninteresse. Das heißt: Ich will schnell von A nach B kommen und das Auto suggeriert, dass ich das kann. Der Straßenverkehr als maximaler Verdrängungswettbewerb."

 Prof. Andreas Zick, Leiter des Insitut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung

Die Lösung? Nicht einfach.

Es ist etwas ins Rutschen geraten: Die Hemmschwelle in der Gesellschaft, Gewalt anzuwenden und sie gutzuheißen, ist in den vergangenen Jahren gesunken. Doch die Ursachen für Gewaltbereitschaft und Aggression liegen tief in der Gesellschaftsstruktur. Um etwas zu verändern, muss zunächst das Problem erkannt werden.

"Was führt zu der Aggression? Die Menschen halten die Aggression für legitim, das heißt diese Durchsetzung mit Aggression erscheint ihnen gerechtfertigt, weil wir in einer Gesellschaft leben, wo jeder dafür sorgen muss, dass er weiterkommt. Frech kommt weiter, hieß es mal in der Werbung. Ich schaue mich um und alle verhalten sich so, alle sind gehetzt. Das erleichtert die Aggression. Hier muss sich jeder durchsetzen, also tue ich das auch. Dann sehe ich die Opfer, die es trifft, nicht mehr."

Prof. Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung

Fehlende Zivilcourage

Und dann gibt es noch ein weiteres Problem, das Gewalt in der Öffentlichkeit begünstigt:

"Die Gewaltsteigerungsraten liegen auch daran, dass Zivilcourage nicht vorhanden ist, das heißt, da greift niemand ein, wenn es eskaliert."

Prof. Andreas Zick, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung.


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konstanze, Samstag, 25.November, 13:55 Uhr

15. menschen reagieren unter vergleichbaren sozialen umständen immer gleich

schon platon schrieb im 8. buch seines "Staates": "Tyrannei entwickelt sich aus der demokratie, wenn freiheit im übermaß bewilligt wird. der demokrat denkt ,freiheit über alles' . gleichheit ist die parole, anarchie wird gesetz, und zwar nicht nur im staat, sondern auch im privathaus....." und ist nun dieses übermaß an freiheit nicht dasselbe, wie die alles erlaubende und tolerierende gesellschaft von heute ? wir sollten uns nun endlich die frage stellen, wo und wann toleranz im namen der demokratischen freiheit ein ende finden muss.

  • Antwort von Leonia, Samstag, 25.November, 17:25 Uhr

    Die Toleranz im Namen einer demokratischen Freiheit findet ihr Ende bei der Duldung von Intoleranz gegen über von Minderheiten.

  • Antwort von konstanze, Samstag, 25.November, 19:14 Uhr

    @Leonia: genau diese gedankliche enge versperrt ihnen den blick auf ihre eigenen widersprüche. die geradezu sakralisierung von minderheiten wird ad absurdum geführt, wenn eine minderheit probleme mit einer minderheit hat und man bedenkt, dass jegliche kritik z.b. hinsichtlich der verfolgung von frauen, christen und homosexuellen im islam, unter ihresgleichen sakrosankt ist. oder wo bleibt der aufschrei ?

  • Antwort von Blechmann13, Montag, 27.November, 11:05 Uhr

    Wobei aber auch erwähnt werden sollte, dass die Demokratie Platons überhaupt nichts mit unserer heutigen "Demokratie" zu tun hat....
    Ich wiederhole mich hier zwar mal wieder, aber der Begriff "Demokratie" ist für unser heutiges Regierungssystem schon falsch!

    "Demos" heißt nicht, wie allgemein angenommen und vereinnahmt, "das Volk", sondern das "Dorf"!
    "Kratie" leitet sich aus dem Begriff "Kraten" und heißt in etwa "sich selbst verwalten"
    Demokratie bedeutet also, ein sich selbst verwaltetes/regierendes Dorf!

    Mit Schwerpunkt auf "Dorf"!
    Denn bereits die alten Griechen wussten, dass eine "Demokratie" nur in kleinen Gemeinschaften auf Dauer funktioniert, da je mehr die Anzahl der Beteiligten wächst, die Korruption und Mißgunst um sich greift, und das System instabil wird.
    Die Amerikaner wussten dies übrigens auch, weshalb ursprünglich nie die "Vereinigeten Staaten von Amerika" geplant waren...was aber um der Macht(-erhalts) willen, wieder "unter den Teppich gekehrt" wurde...

PET , Samstag, 25.November, 09:54 Uhr

14. Toller Kunst Griff

Unauffälliges Auslassen vom feinsten.
Einzelfälle als Indikator für zunehmende Verrohung (die der Lesertrotzdem wahrnimmt) anführen, aber die täglichen Kleinmeldungen über tödliche und beinahetödliche Messerangriffe und Gruppenkopftretereien mal gekonnt ignorieren.
Ebenso andere neuartige Gruppenstraftaten von Nötigungen, Körperverletzungen, bis Sexualstraftaren auslassen...
Das muss man erst nal schaffen, politisch korrekter geht es nicht.
Dennoch sollten die gut bezahlten Autoren mal überlegen welchen Berufsethos sie vertreten.

Manfred, Freitag, 24.November, 18:11 Uhr

13. Mein Kind soll’s mal besser haben

Die Einflüsse der ,,Sozialen Netzwerke,, machen sich in der Gesellschaft bemerkbar . Angefangen bei künstlichen Freunden bis zu einer Scheinwelt in dem sich seinesgleichen sammelt . Wenn hundert andere meine krude Meinung liken dann - kann sie ja nicht verkehrt sein - in Folge dessen Moralverlust Respektverlust
und verlust von Anstand . Schönen Gruß auch an die Helikoptereltern die Ihre Kinder derart überbehüten das die später nicht mal mehr wissen wie man sich zu benehmen hat . Nicht erwünscht Lehrer die ein gewisses Maß an Autorität anwenden , die gleichen Konflikte später mit der Polizei , doch die Fackelt nicht lang wenn Burle mal wieder scheiße baut , aber dann sind die Eltern ja raus und so weiter und so fort ---

AS, Freitag, 24.November, 11:34 Uhr

12. Gewaltspiele?

Warum kann man in D Gewalt- und Kriegsspiele kaufen?
Was wird denn so im Fernsehen so gezeigt? (Nein, nicht nur weil man es auch im Internet sehen kann!)
Die Ellbogengesellschaft ist doch politisch gewollt.
Man mß doch auch nur mal sehen, wie sich unsere Volksvertreter (siehe bay. verwandtenaffäre) benehmen, z.B. jetzt die Jamaika-Sondierungen. Da geht es den Beteiligten doch nur ums eigen Hemd.
Hoeness ein asozialer Krimineller, Fahrenschon ein Steuerbetrüger und Rollex-Kalle sollen Vorbilder für unsere Kinder bzw. für uns Bürger sein?

  • Antwort von kritikwürdig, Freitag, 24.November, 15:16 Uhr

    Ich kann Ihnen nicht folgen!
    Ein Steuerstraftäter soll als Rechtfertigung oder als Ursache für Gewaltexesse herhalten??

    Was Hoeneß für seine Bayernfamilie leiste ist vorbildlich. Und owohl ich keiner Kirche, bzw. Glaubensrichtung folge, so finde ich dennoch das Wort verzeihen wichtig.
    Steuerschulden kann man ausgleichen und den Schaden gut machen. Ein Gewalttäter kann NIE WIEDER seinen Schaden gut machen!

    Und pauschal sollte niemand allen Politikern Vorteilsnahme und Eigenintresse unterstellen.

  • Antwort von Blechmann13, Montag, 27.November, 11:33 Uhr

    @kritikwürdig

    Hier geht es nicht um Vergleiche, oder Rechfertigung, sondern um Ursachen und deren Folgen!
    Das sind zwei völlig verschiedene Dinge!

    Wenn ein Hoeneß, der ja verurteilt wurde, weil er "dummerweise" erwischt wurde und nicht weil er reumütig zuvor "nachgezahlt" hat, den Staat und damit den steuerzahlenden Bürger betrügt, dann denkt sich vielleicht der ein oder andere ebenfalls, seine "Rechte" etwas auszuweiten...
    Dann führt oft eines zum anderen, und plötzlich ist man prof. Steuerbetrüger, Dieb, Rauschgiftdealer, oder Bankräuber.

    Wenn eine Gesellschaft in der Öffentlichkeit (Medien) der Bevölkerung das Gefühl vermittelt, dass Straftaten nicht, oder in bestimmten "Kreisen", nur unzulänglich, verfolgt und geahndet werden, dann braucht man sich nicht zu wundern, wenn die Radikalisierung und die Anzahl der Straftaten zunimmt.

    mfg

Niederbayer zwo, Donnerstag, 23.November, 13:47 Uhr

11. Wen wundert´s ?

Am Anfang gab es das Erste, das Zweite und das Dritte.
Dann kamen die Privaten und verdummten das Volk.
Inzwischen kann man wie viele Sender rund um die Uhr empfangen?
Gewaltfernsehen, Billigfernsehen, Dummfernsehen.
Dazu kommen die Verleihfilme.
Jede Art der Gewaltdarstellung ist käuflich.
Und das soll nicht abfärben?
Und das entspringt aus einer Gesellschaft - Zwangsglobalisiert - wie Niederbayer sie so treffend beschrieben hat.