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Tödliches Risiko Selbst Medikamente aus Apotheken nicht immer sicher

Sie sind gefälscht und gefährlich: Gepanschte Medikamente landen sogar in Krankenhäusern und Apotheken. Darunter sind auch lebenswichtige Arzneimittel wie Antibiotika und Krebsmittel.

Von: Hellmuth Nordwig

Stand: 14.05.2017

Am 1. März 2016 warnt die italienische Arzneimittelbehörde die Aufsichtsämter in den anderen EU-Staaten: Aus Krankenhausapotheken in Italien ist eine größere Menge Medikamente gestohlen worden. Darunter Präparate gegen Multiple Sklerose, Diabetes, Aids und Krebskrankheiten. Es besteht der Verdacht, dass die Ware manipuliert wird, zum Beispiel, indem die Wirkstoffe gegen unwirksame Substanzen ausgetauscht werden. Ein tödliches Risiko für Patienten.

Problem hausgemacht: Importquote als Einfallstor für Fälschungen

Ungeliebte Importquote: Einfallstor für Fälschungen

Über Zwischenhändler kann gepanschte Ware auch nach Deutschland in den legalen Handel kommen. Apotheken müssen nämlich einen bestimmten Anteil an Medikamenten von Importeuren beziehen. Die können oft günstiger liefern als inländische Händler, sagt Hans-Peter Hubmann, der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbands. Die Importquote soll helfen, die Arzneimittelausgaben für die Krankenkassen zu begrenzen.

"Mindestens fünf Prozent des Umsatzes müssen damit bestritten werden. Und daher müssen wir, obwohl wir nicht immer von der Qualität bzw. von der Unbedenklichkeit überzeugt sind, auch diese Arzneimittel abgeben."

Hans-Peter Hubmann, Bayerischer Apothekerverband

Das Problem bei diesen Reimporten: Die Arzneimittel werden dabei über zahlreiche Zwischenhändler kreuz und quer durch die EU weiterverkauft. Und je mehr Hände im Spiel sind, desto wahrscheinlicher wird es, dass eine davon einem Kriminellen gehört, der gestohlene und verfälschte Medikamente in den legalen Handel schleust.

Freie Bahn für Fälscher: Viele Behörden, zu wenig Kontrollen

Filmszene aus "Gift" | Bild: BR/diwafilm GmbH zum Artikel Fernsehfilm mit Heiner Lauterbach Gift

Stellen Sie sich vor: Sie kaufen ein Medikament in der Apotheke, doch die Pillen sind unwirksam, gepanscht - vielleicht sogar gefährlich? Ausgeschlossen hierzulande, werden Sie denken. Der Fernsehfilm von Daniel Harrich zeigt, dass genau das möglich ist. [mehr]

Für Kriminelle ist die Gefahr erwischt zu werden gering, kritisiert der Strafrechtler Arndt Sinn von der Universität Osnabrück, der ein europäisches Forschungsprojekt über Arzneimittelkriminalität geleitet hat. Eine Task Force oder wenigstens systematische Kontrollen gibt es nicht.

Dabei mangelt es nicht an zuständigen Behörden: Neben Zoll und Polizei sind als Kontrollbehörden das Paul-Ehrlich-Institut und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte zuständig. Dazu kommen die Landesgesundheitsbehörden und die Bezirksregierungen, bei denen die eigentliche Medikamentenaufsicht liegt. Da steht also zum Beispiel den global vernetzten Fälscherbanden, etwa der Mafia, eine Regierung von Oberbayern oder die Bezirksregierung Detmold gegenüber.

"Wir bräuchten viel mehr Ermittler in diesem Bereich. Wir bräuchten vor allem aber auch eine nationale und internationale Zusammenarbeit, die viel besser ausgestaltet ist, als das heute der Fall ist. Der Zoll sieht viel an den Außengrenzen Deutschlands. Aber der Datentransfer hin zu den anderen Strafverfolgungsorganen wie den Landeskriminalämtern oder auch der Polizei, der findet eben nicht in einem solchen ausreichenden Maße statt, wie das sein müsste."

Arndt Sinn, Strafrechtler Univeristät Osnabrück

Bezirke: Mit Stichproben gegen die Fälschermafia

In Bayern kontrollieren die Regierungen von Oberbayern und Oberfranken stichprobenartig alle im Verkehr befindlichen Fertigarzneien, teilt das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit auf Anfrage des Funkstreifzugs mit.

"(Es) wird ein Probenplan erstellt, sodass soweit möglich innerhalb von fünf Jahren alle in Bayern im Verkehr befindlichen Fertigarzneimittel einmal stichprobenartig geprüft werden. Die Proben werden “wenn möglich“ beim Arzneimittelgroßhandel gezogen, um ggf. auch Fälschungen in der Handelskette zu entdecken."

Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit

Das Landesamt verfügt über das einzige Labor in Bayern, in dem sozusagen von Amts wegen Medikamente chemisch analysiert werden können. In einer Apotheke ist das nicht möglich. Abgesehen davon ist die Behörde auch zuständig für die Analyse von Verdachtsproben, die Polizei, Zoll und Staatsanwaltschaften einsenden. Doch wer nun eine schlagkräftige Abteilung erwartet, sieht sich getäuscht:

Tödliches Risiko: Jedes 100. Medikament könnte gefälscht sein

Gerade einmal sechs Wissenschaftler sind für die amtliche Arzneimittelanalyse zuständig - für ganz Bayern. Entsprechend gering ist die Zahl der Fälschungen, die von den Aufsichtsbehörden tatsächlich entdeckt werden.

"Das ist unterschiedlich: Wenn mal ein krimineller Fall aufgedeckt wird, dann können das mehrere pro Jahr sein. Und dann gibt es wieder Jahre, wo keines ist. Man kann grundsätzlich sagen: Ein Eindringen in die legale Vertriebskette ist auf dem deutschen beziehungsweise auf dem europäischen Markt unterhalb von ein Prozent."

Uwe Wollein, Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit Bayern

Jedes hundertste Medikament könnte gefälscht sein.

Jedes hundertste Medikament könnte also gefälscht sein - und das ist höchst beunruhigend. Wie weit unterhalb von einem Prozent die Zahl der Fälschungen liegt, das lässt sich aber nicht zuverlässig sagen, solange es nicht mehr Kontrollen gibt. Die Pharmaindustrie beteuert, sie habe ihre Lieferanten im Griff und überprüfe alles, was hier auf den Markt kommt.

"Pharma-Unternehmen haben eine Reihe von Maßnahmen getroffen, um eventuelle Versuche abzuwehren, gefälschte Wirkstoffe oder Arzneimittel in die reguläre Lieferkette einzuschleusen: Sie überwachen ihre Zulieferer für Wirkstoffe, andere Vorprodukte und Fertigarzneimittel vor Ort. Sie prüfen die Echtheit von zugelieferten Vorprodukten und Medikamenten, Charge für Charge. Und sie dokumentieren alle Kontrollen. Zu all dem sind sie gesetzlich verpflichtet."

Siegfried Throm, Verband der forschenden Pharmaunternehmen

Huml: Importquote abschaffen zugunsten der Patientensicherheit

Melanie Huml, Bayerische Gesundheitsministerin: Weg mit der Importquote

Mehr Kontrollen wären wünschenswert, aber sie lösen nur einen Teil des Problems. Dessen Kern liegt darin, dass die Apotheker einen bestimmten Anteil an Medikamenten importieren müssen, obwohl sie selbst an deren Qualität zweifeln. Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml möchte diese Pflicht abschaffen - zugunsten von mehr Patientensicherheit. Und auch der Vorsitzende das Apothekerverbands, Hans-Peter Hubmann, sagt:

"Ob das noch zeitgemäß ist, wagen wir sehr zu bezweifeln und stellen es absolut in Frage. Denn mittlerweile lassen sich über Rabattverträge deutlich mehr Einsparungen realisieren, als über diese Importarzneimittel."

Hans-Peter Hubmann, Bayerischer Apothekerverband

Die Arzneimittelimporte senken die Ausgaben für Medikamente gerade einmal um ein Prozent, teilt der Verband der Arzneimittelimporteure mit. Ein Prozent mehr - etwa so viel müssten die Versicherten also investieren, um vor gefälschten Medikamenten im legalen Handel sicherer zu sein.


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