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DDR-Zwangsarbeit Galeria Kaufhof schlägt Opferfonds vor

Jahrzehntelang haben Häftlinge in der DDR Waren für westdeutsche Unternehmen produziert: Uhren für Quelle, Möbelteile für Ikea, Strümpfe für Aldi. Individuelle Entschädigungen lehnen die Betriebe bis heute ab. Ein Unternehmen ist nach BR-Recherchen jetzt erstmals bereit, über Geld zu sprechen.

Von: Gabriele Knetsch

Stand: 28.08.2015

Weibliche Häftlinge im Frauengefängnis Stollberg - Hoheneck bei der Zwangsarbeit in einer Näherei, aufgenommen im Dezember 1989. In Hoheneck waren kriminelle und politische Gefangene untergebracht. Genäht wurde u.a. Bettwäsche für (westdeutsche) Versandhäuser in der BRD.  | Bild: picture-alliance/dpa/Wolfgang Thieme

Im Zusammenhang mit der Ausbeutung von DDR-Zwangsarbeitern geht Galeria Kaufhof mit einem konkreten Vorschlag auf die Opfer zu. Das Unternehmen schlägt die Einrichtung eines Fonds vor. Galeria Kaufhof schreibt dem Bayerischen Rundfunk, es gehe um den Respekt vor den ehemaligen politischen Häftlingen und um die Verantwortung gegenüber der eigenen Geschichte.

"Dazu könnte ein freiwilliger Fonds dienen, in den alle deutschen und internationalen Unternehmen einzahlen, die nach heutigen Erkenntnissen direkt oder indirekt von zwanghafter Arbeit insbesondere durch politische Häftlinge in der damaligen DDR profitiert haben."

Vorschlag von Galeria Kaufhof

Wofür das Geld konkret verwendet werden soll, wäre noch zu verhandeln, so Galeria Kaufhof.

Regierung will Opferfonds unterstützen

Die Bundesregierung lehnt staatliche Entschädigungszahlungen bislang ab. Einen Fonds, in den die Firmen einzahlen, kann sie sich die Ostbeauftragte Iris Gleicke aber vorstellen.

"Wenn es solche Vorschläge gibt, bin ich da selbstverständlich offen und werde alles in meiner Macht Stehende tun, einen solchen Vorschlag aufzugreifen und mit Leben zu erfüllen."

Iris Gleicke, Ostbeauftragte der Bundesregierung

Vor zwei Jahren hatten ehemalige DDR-Häftlinge öffentlich gemacht, dass sie im Gefängnis Kugellager für Ikea produziert hatten. Inzwischen kommen drei wissenschaftliche Studien zu dem Ergebnis: Zwangsarbeit hat es in fast allen DDR-Gefängnissen gegeben – und die Westfirmen haben davon profitiert, quer durch alle Branchen.

Republik-Flüchtling produzierte Strümpfe für den Westen

Viele DDR-Produkte wurden auch - unter neuem Namen - in die BRD exportiert. (Foto: Alter Quelle-Katalog)

Inge Naumann war von 1983 bis 1986 wegen Republikflucht im Frauengefängnis Hoheneck inhaftiert. Sie nähte dort Strümpfe für den VEB Esda, die – über die DDR-Außenhandelsorganisationen - unter anderem an Aldi Süd, Kaufhof, Neckermann, Quelle und C&A verkauft wurden.

"Die Leistung, die Norm stand über allem. In Hoheneck gab es so ein Sprichwort: Hier besteht nicht, wie draußen, das Recht zur Arbeit, sondern die Pflicht zur Arbeit. Wer nicht gearbeitet hat, wurde auf das Schärfste bestraft."

Inge Naumann, ehemalige DDR-Inhaftierte

Einen Fonds wünschen sich auch die ehemaligen DDR-Zwangsarbeiter, heißt es bei der Opferorganisation UOKG. In ihrem Auftrag führt der Historiker Christian Sachse derzeit Verhandlungen mit westdeutschen Handelsketten wie Ikea, Aldi oder Kaufhof. Außerdem hat er die Deutsche Bahn als Nachfolger der DDR-Bahn angeschrieben, sowie die Energiekonzerne Vattenfall und Mibag. An all diese Firmen oder Vorgängerbetriebe wurden Produkte geliefert, die von Häftlingen gefertigt waren.

Forderungen der Opfer stoßen auf taube Ohren

Die Firmen verweisen immer wieder auf die fehlende Rechtsnachfolge, auf fehlende Unterlagen oder darauf, dass ihre Mitarbeiter von der DDR-Zwangsarbeit nichts gewusst hätten. Christian Sachse hofft nun, dass der Kaufhof-Vorschlag Bewegung in die zähen Verhandlungen bringt.

"Ich würde auf diesen freiwilligen Fonds setzen. Der ist erprobt bei der Entschädigung von NS-Opfern. Da hat sich gezeigt, dass das Einzahlen, die Verteilung und das Echo der Öffentlichkeit durchaus positiv zu handeln sind. Das wäre die einfachste Lösung. Die müsste aber relativ bald kommen, weil wir können es uns nicht leisten, 10-15 Jahre an diesem Projekt zu arbeiten, weil die älteren der Häftlinge, die jetzt 74, 84, 94 Jahre alt sind, die sollten das auch noch erleben."

Christian Sachse, Historiker


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tegge lucie , Dienstag, 01.September, 20:54 Uhr

13. mokkasins gemacht für schuhwerk weißenfels

ich mußte von 1978 bis 1980 für 1jahr und 6monaten schuhe flechten (mokkasins ) für das werk weißenfels ..
mußte 18 paar in 8 stunden schaffen .. das war knüppelarbeit ,, die finger aufgerissen und blutete auch ,, man mußte trotzdem arbeiten,, die finger haben gesachmerzt ohne ende ,,
das habe ich erlebt

Axel Weber, Samstag, 29.August, 15:16 Uhr

12. Habe selber in der DDR in der Haft gesessen!

Jetzt sollte man aber nicht die Birnen mit den Äpfeln verwechseln. In der DDR haben meist politische Häftlinge Zwangsarbeiten geleistet, und daß unfreiwillig. Dann kommen noch die Arbeitsbedingungen hinzu, Tagebau wie im Mittelalter, Graphitwerke ohne jeglichen gesundheitlichen Schutz oder in Verzinkungen. Ich könnte noch viele Berufe aufzählen, in denen heute kein Häftlung gezwungen wird zu arbeiten. Dass mit den Rentenversicherungen ist auch nicht so. Inden Sozialversicherungsausweisen wurde nur die länge der Haftzeit eingetragen und nicht die abgeführten Beiträge. Da mußte man schon nach seiner Ausweisung in die Bndesrepublikl ein Rehabilitationsverfahren beantragen. Ich habe 26 Monate in Stasigefängnissen verbracht und mußte Produkte für den Westen herstellen ( Schreibmaschinen und Fernseher für Quelle und Neckermann). Eine Demütigung besonderer Art. DasFirmen Aufträge an die DDR gestellt haben, wohl wissend, dass ihre Ware von politischen Gefangenen hergestellt wird ist Unmoralisc

Nico Walter, Freitag, 28.August, 20:06 Uhr

11. Der Balken im Auge des Anderen

Ganz in unserer Nähe wurde jüngst eine neue JVA gebaut. In den Tagen vor der Eröffnung stand diese für die Allgemeinheit zur Besichtigung offen, auch die Werkstätten, in denen die Insassen arbeiten werden. Die kann man – so wurde uns erklärt – als Unternehmer einfach mieten und dort produzieren lassen, was immer man will. Der Häftling bekommt dafür ca. 200€ pro Monat. Beiträge in die Rentenkassen werden nicht gezahlt. (Das wenigstens hat die DDR-Justiz für ihre Gefangenen noch getan. „So gesehen waren die DDR-Häftlinge sogar besser dran als unsere.“ Originalzitat eines bundesdeutschen Justizvollzugsbeamten) Da frage ich mich irgendwie schon, wo genau Politik und Presse eigentlich den Unterschied sehen zwischen Zwangsarbeit im Osten und Arbeitspflicht im Westen. Natürlich kann man fragen, ob die Leute zu recht dort einsaßen, aber das scheint niemand zu tun und dafür wäre auch die Bundesrepublik als Rechtsnachfolgerin der DDR verantwortlich, nicht die Firmen die dort produzieren ließen.

Zielwasser, Freitag, 28.August, 19:14 Uhr

10. Was wollen wir Verbraucher?

Ein "Opferfond" ist wohl richtig!

Aber die Kommentare über die heutigen Machenschaften?
Es muß immer das Billigste Teil sein! SSW, WSW usw!
Wenn man Qualität kauft hat man länger davon! Immer die neusten Klamotten? Möglichst billig?!
Der Verbraucher ist doch selber schuld! Billig kauft zweimal!

Pandora, Freitag, 28.August, 18:38 Uhr

9.

Alle Importunternehmen sollten schon mal einen eigenen Opferfonds anlegen, denn Produktion unter miesen Bedingungen gibt es doch heutzutage immer noch. Ob es die Fußbälle und Trikots für Adidas, die in Kinderarbeit geknüpften Teppiche oder der Kakao und Kaffee mit Niedriglohn und schlechten Arbeitsbedingungen sind ... die Rücksichtslosigkeit unserer Kapitalisten ist auch heute noch am Werk ... nur eben globalisiert statt "im anderen Teil Deutschlands".