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Ins Abseits gestellt Wenn Fußballträume platzen

Vermittler locken Spieler aus aller Welt mit großen Versprechungen nach Deutschland. Sobald die Spieler bezahlt haben, werden sie aber oft im Stich gelassen. Im besten Fall stranden sie in Amateurligen - im schlimmsten Fall als illegale Einwanderer auf der Straße. Tragische Schicksale, für die sich weder Politik noch DFB zuständig fühlen. Unterstützt der deutsche Amateurfußball die zweifelhaften Geschäfte moderner Menschenhändler?

Von: Manuel Mohr, Niels Ringler, Tobias Schießl und Anne Hinder

Stand: 11.10.2017

Felipe hat einen Traum: raus aus den ärmlichen Verhältnissen seiner brasilianischen Heimat, als Profi-Fußballer in Europa den Durchbruch schaffen. Mit seinem Können Geld verdienen, die Familie stolz machen. Doch jetzt sieht seine Realität so aus: Brandenburg, 6. Liga, 140 Zuschauer am Spielfeldrand. Ein lauer Kick an einem zugigen März-Nachmittag. Felipe steht nicht auf dem Platz, sondern kauert in eine Decke gehüllt am Spielfeldrand. Er schaut hier anderen brasilianischen Spielern zu, gleich mehrere versuchen dort heute Tore zu schießen. Felipe kann das nicht: Er geht an Krücken. Aber das ist gerade nicht sein größtes Problem.

Der brasilianische Fußballspieler Felipe im BR-Interview. | Bild: BR

Eine Verlertzung machte Felipes Profiambitionen einen Strich durch die Rechnung.

Felipe, aufgewachsen in der Nähe von Rio de Janeiro, hat sich beim örtlichen Favela-Boss Geld geliehen – viel Geld. Damit hat er einen Spielervermittler bezahlt, der ihn in Deutschland groß raus bringen wollte. Seine Familie weiß nichts von dem geliehenen Geld. Doch kaum in Deutschland angekommen merkt Felipe, dass er abgezockt wurde. Sein Vermittler meldet sich plötzlich nicht mehr. Ohne Geld und Deutschkenntnisse ist er aufgeschmissen und landet gemeinsam mit anderen gestrandeten Fußballern in einer Wohnung, in der er auf dem Boden schläft.

Vom Fußball-Sprungbrett aufs Abstellgleis

Die Hoffnung auf das große Geld

Brasilien ist Export-Weltmeister in punkto Nachwuchsfußballer. Den Flug und das Hotel für die ersten Tage in Deutschland bezahlen meist Spielervermittler. Auch sie haben einen Traum: ein Mal einen Spieler holen, aus dem tatsächlich ein Fußballstar wird. Und mit ihm das große Geld zu machen. Aber sie wissen auch: 99,9 Prozent der jungen Fußballer aus Brasilien schaffen das nicht. Und so verlassen über 1.000 Brasilianer jedes Jahr das Land, um Fußball-Karriere im Ausland zu machen. Offiziell. Die Zahl derer, die wie Felipe gehen, ohne schon einen Vertrag in der Tasche zu haben, wird nicht gezählt.

Aber Felipe gibt nicht auf. Auf eigene Faust findet er schließlich eine Mannschaft, in der er Fußball spielen kann. Der Amateurverein hilft ihm, zahlt wenigstens etwas Geld. Felipe hofft, dass doch noch alles gut wird. Dass bessere Vereine ihn verpflichten, dass er seine Schulden schnell begleichen kann. Doch dann: Bei einem Spiel bricht er sich das rechte Schien- und Wadenbein. Seine Zukunft als Fußballspieler? Ungewiss. Dazu kommt: Bald läuft sein Visum ab. Und er hat weder Geld für den Rückflug, noch um seine Schulden beim Favela-Boss zu bezahlen.

Nachwuchsfussballer in Brasilien | Bild: Bayerischer Rundfunk zum Video Die Story Der große Traum, Fußballstar zu werden

Profifußballer in Europa - davon träumen hunderte Nachwuchsspieler im WM-Land Brasilien. Angelockt von Spielervermittlern, die selbst aufs große Geld hoffen, kommen sie nach Deutschland. Dort platzt der Traum für die meisten schnell ... [mehr]

Felipe ist kein Einzelfall. In ganz Deutschland gibt es zahlreiche brasilianische Spieler, die über Spielervermittler nach Deutschland kamen – sie alle hatten wie Felipe andere Ziele. Der Amateurverein sollte lediglich als Sprungbrett dienen, schon nach wenigen Monaten sollte der Wechsel zu einem höherklassigen Verein folgen. Doch meist verschwindet wenig später der Vermittler. Die Spieler landen auf dem Abstellgleis. Nun muss sich der Verein um sie kümmern, zu Deutschkursen schicken, Praktika und Ausbildungen vermitteln. Damit sie überhaupt ein Visum bekommen und bleiben dürfen.

Wie viele ausländische Fußballer über Spielervermittler nach Deutschland kamen und dann in Amateurligen "abgestellt" wurden, ist unklar. Eine Analyse von BR Data, den Datenjournalisten des Bayerischen Rundfunks, hat ergeben, dass insbesondere Fußballer aus Japan und Brasilien nach Deutschland kommen. Zahlen des Bayerischen Fußball-Verbands (BFV) bestätigen das. So gab es allein in der vergangenen Saison deutschlandweit 191 Transfers aus Brasilien nach Deutschland, aus Japan sogar 226. Insgesamt waren laut BFV letzte Saison 818 Brasilianer und 701 Japaner in den verschiedenen deutschen Ligen aktiv.

"Er wurde verarscht, betrogen, ausgenutzt"

Der japanische Fußballer Nori am Münchner Flughafen. | Bild: BR

Für Nori hat sich der Traum vom Profifußball in Deutschland nicht erfüllt.

Einer dieser Japaner ist der 18-jährige Nori. Auch er hatte den Traum von einer Fußballkarriere in Deutschland. Sein Spielervermittler stellte ihm Probetrainings bei namhaften Vereinen wie Werder Bremen oder 1860 München in Aussicht. Knapp 7.000 Euro ärmer ist Nori schließlich in Deisenhofen bei München gelandet. Er hat keinen Spielerpass, darf also am regulären Spielgeschehen nicht teilhaben.

Vom Traum übrig: ein bisschen Mittrainieren bei einem Zehntligisten. Und das auch nur, weil der Trainer dort Mitleid hatte. Auch dieser ist Japaner, hat Nori durch Zufall kennengelernt. Der Trainer hält Nori für einen technisch gut ausgebildeten Spieler, der es weit nach oben schaffen könnte - würde er gefördert und beim richtigen Verein untergebracht. Doch dafür wäre die Hilfe eines seriösen Spielervermittlers nötig gewesen. Den hatte Nori nicht.

Dai Tatai, Trainer FC Deisenhofen III | Bild: BR

"Er wurde verarscht, betrogen, ausgenutzt auf gut Deutsch. Ich finde es Wahnsinn, dass im Amateurbereich inzwischen so viel Geld und Kriminalität dahinter ist. Das so viele Schlupflöcher ausgenutzt werden und letztendlich 16-, 17-, 18-Jährige so um ihr Geld erleichtert werden. Dass es schon da so zugeht, ist für mich unvorstellbar."

Dai Tatai, Trainer FC Deisenhofen III

Der Trainer will Nori deshalb helfen, dass der geprellte Fußballer wenigstens sein Geld zurückbekommt. Nori hat Glück, dass er in Deutschland überhaupt jemanden gefunden hat, der ihm hilft. Denn sonst scheint sich niemand für Fußballer wie ihn zuständig zu fühlen. Gegenüber dem Bayerischen Rundfunk sagt DFB-Vizepräsident Rainer Koch, dass in solchen Fällen staatliche Stellen verantwortlich seien, nicht der DFB. Doch auch das Innenministerium sieht sich nicht zuständig, verweist auf Landesbehörden. Dort allerdings scheint die Problematik nicht mal bekannt.

Vom geplatzten Fußballtraum in die Illegalität

Zurück zum Brasilianer Felipe, der vor den Toren Berlins mit gebrochenem Bein einer ungewissen Zukunft entgegenblickte: Auch er hat Glück gehabt. Über eine Kirche fand er eine Familie, die ihn aufnahm, unterstützte - auch finanziell. Andere Brasilianer, deren Spielervermittler sie in Deutschland hängen ließen, erging es weniger gut: Visum abgelaufen, illegal im Land, kein Geld, keine Wohnung. In einem Fall wandte sich die Mutter eines Fußballers im brasilianischen Fernsehen verzweifelt an die Öffentlichkeit. Eine Hilfsorganisation ermöglichte schließlich den Rückflug. Der Fall liegt mittlerweile beim Staatsanwalt. Das ist aber eher die Ausnahme. Betrogene Spieler trauen sich häufig nicht Anzeige zu erstatten - sei es aus Angst oder Scham.

Dem skrupellosen Spielervermittler auf der Spur

Nori mit einem Trikot von 1860 München | Bild: BR

Nori mit dem Trikot von 1860 München

Nori hingegen will sich wehren. Er startet eine Internetkampagne, veröffentlicht die falsche Visitenkarte des Vermittlers und beschreibt dessen Masche. Die Kampagne zeigt Wirkung: Viele weitere Opfer melden sich. Und plötzlich gibt es auch eine Reaktion des Vermittlers: Er will sich mit Nori treffen - und taucht dann auch tatsächlich auf. Doch statt ehrlicher Antworten und dem Geld, was Nori an den falschen Vermittler gezahlt hat, hat dieser nur eine Fanshop-Tüte mit einem Trikot von 1860 München dabei. Und verspricht das Geld in den kommenden Tagen zu überweisen. Danach meldet er sich nie wieder. Auch auf die Anfragen des BR-Politikmagazin Kontrovers antwortet der Vermittler bis heute nicht.

Aus der Traum von der Fußball-Karriere in Deutschland

Der Traum von der Bundesliga endet für Nori und Felipe am Flughafen mit ihrer Rückreise in die Heimat. Geblieben vom Traum in Deutschland durchzustarten ist Nori nur die Tüte von 1860 München. Anders als viele brasilianische Spieler kommt er aus guten Verhältnissen, sein Ausflug nach Deutschland kostet ihn und seine Familie einige tausend Euro - nicht aber seine Existenz. Anders bei Felipe: Hätte ihm seine "Gastfamilie" nicht geholfen mit dem Geld für den Rückflug und das Begleichen der Schulden, keiner weiß wie es ihm dann ergangen wäre. Was ihn nun zuhause erwartet? Er weiß es nicht, hat vor dem Abflug nach Deutschland alles dort aufgegeben. Das Kapitel mit dem Spielervermittler möchte er am liebsten nur vergessen.


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Kommentare

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Günther Schäffer, Mittwoch, 11.Oktober, 21:32 Uhr

5. Japanische Fußballspieler in Deutschland

Vielleicht für Risa interessant ?

Rico, Mittwoch, 11.Oktober, 17:36 Uhr

4. Logikfehler

Der 18-jährige Nori wird im Laufe des Artikels vom Japaner zum Brasilianer ;)

  • Antwort von Heimatmuseum, Donnerstag, 12.Oktober, 09:29 Uhr

    Dafür wird dann Felipe zum Japaner. Schaun doch alle gleich aus, die Ausländer....

seb, Mittwoch, 11.Oktober, 15:48 Uhr

3. Junge Menschen

Dass junge Menschen durchaus mal schlechte Entscheidungen treffen können, ist eigentlich bekannt. Und wenn aus den "sozialen Netzwerken" der jungen Männer nur die Aussage kommt, sie seien sehr gute Fußballspieler, hilft das in dem Fall auch nicht.

erwin, Mittwoch, 11.Oktober, 12:07 Uhr

2. Wie im Rotlicht milieu?

Wie naiv und dumm muss man eigentlich sein um als Mann/Frau noch auf solche hahnebüchernen Versprechungen reinzufallen!? Wo sind da die sozialen Netzwerke um solchem Unsinn einhalt zu gebieten?

seppi, Mittwoch, 11.Oktober, 06:52 Uhr

1.

Wie hiess es doch früher: bist du intelligent oder spielst du Fussball?