Nachrichten

Neues aus Brüssel Foto-Finish für Führerscheinbesitzer

Geschwitzt, bestanden, Stempel drauf: Bisher durfte, wer den Lappen hatte, ein Leben lang damit fahren. Jetzt muss das Ding alle 15 Jahre verlängert werden. Die Fahrer der Zukunft verlieren Zeit, Geld - und haarige Momente der Wahrheit.

Von: Michael Kubitza Stand: 19.01.2013
Illustration; skeptisch blickender Mann vor einem angeschnittenen alten Führerschein-Passbild | Bild: Montage: BR; colourbox.com

Ein Goldkettchen? Ich? Nie! Hätte ich geschworen. Bis neulich, als mir eine an sich nicht unfreundliche Polizistin staatsmächtig ins Gesicht blickte und mich zwecks Alkoholkontrolle aufforderte, zum ersten Mal in diesem Jahrtausend meinen Führerschein aufzufalten. Ein amtliches Dokument in altrosa - schon das eine Zumutung. Und dann dieses Foto. Ein schmächtiger Teenager mit Fönfrisur und behördlich beglaubigter Unterschrift, die nahelegt, dass sein Bild von mir stammt. Ein Moment der Wahrheit, notwendig, aber ohne Alkohol nur schwer zu ertragen. Immerhin: kein Goldkettchen. Silber. Mein Eid wäre also kein Meineid gewesen. Eher eine Art Vergangenheitsbewältigung.

Und was macht Brüssel? Bisher galt die Faustregel: Mensch und Lappen bleiben ein Paar, bis dass der Tod (oder der aktuelle Punktestand in Flensburg) sie scheidet. Im Idealfall lag die Halbwertzeit dieser Beziehung nur knapp unter der von Strontium. Was einerseits zu Polizeimeldungen wie dieser vom 7. Januar des Jahres führte: "92-Jähriger fährt mit 30 km/h auf der Autobahn". Und andererseits zu fotografischen Blindgängern in der Hosentasche. Am gelegentlichen Auftauchen rostiger Rentner vor der Kühlerhaube ändert auch die neue EU-Verordnung nichts. Dafür gehören traumatische Wiederbegegnungen mit dem jungen Ego demnächst der Vergangenheit an.

Stichtag 19. Januar: die dritte EU-Führerscheinrichtlinie

Führerscheine, die nach dem 19. Januar ausgestellt werden, gelten nur noch befristet - alle 15 Jahre müssen sie kostenpflichtig umgetauscht werden. Ein reiner Verwaltungsakt: Die Fahrerlaubnis bleibt in Kraft, nur die Fahrerlaubnisbescheinigung läuft ab. Prüfungen oder Gesundheitstests sind nicht nötig - ein aktuelles biometrisches Foto aber schon.

Man sieht sich immer zweimal

Falle Führerscheinfoto: Auch jenseits der amtlichen Fahrerlaubnis könnte das ein oder andere Bilddokument aus lang vergangenen Tagen gegen uns verwendet werden. So unbedarft aber haben wir sonst selten in eine Kamera geschaut - wir waren jung und wir brauchten den Schein. Vor allem aber: Anderes belastendes Material zerreißt man oder verbrennt es im Garten, ohne sich dabei fotografieren zu lassen. Beim Führerschein unterläßt man das. Man trägt ihn bei sich, Tag für Tag, ein ganzes Leben lang, und vermeidet es tunlichst, ihn ans Licht zu holen. Auch die KollegInnen von br.de/nachrichten wollten ihre Lappen ohne polizeiliche Aufforderung anfangs nicht hergeben.

So waren wir: Die Redaktion nach der Führerscheinprüfung

Die Geschichtsfälschung geht weiter

Historiker späterer Generationen werden den 19. Januar 2013 verfluchen. So wie das Jahr 1992, als die erste SMS verschickt wurde - mit dem Resultat, dass zum Beispiel Briefwechsel wie der zwischen Heinrich von Kleist und Jettchen Vogel (Mein Herzchen, mein Liebes, mein Täubchen, mein Lebenslicht, mein Alles, mein Hab und Gut, meine Schlösser, Äcker, Wiesen und Weinberge...) heute erstens bedeutend kürzer ausfallen (Beep!!! GuteNachtBussi! :-*) und zweitens in kürzester Zeit aus dem überfüllten Speicher verschwinden. Oder das Jahr 1994: das Fraunhofer-Institut Erlangen stellte den ersten MP3-Player vor. Kurz darauf landeten Plattensammlungen reihenweise auf dem Sperrmüll, und zwei Jahrzehnte später gibt es niemanden mehr, der in seiner Jugend Modern Talking oder die Bay City Rollers gehört hat.

Demnächst sind auch Goldkettchen, Karottenjeans und knüpfkissenartige Motivpullunder vergessen. Wer dann aufgefordert wird, ein altes Jugendfoto von sich herzuzeigen, designt sich eins: Smartphone raus, den im aktuell angesagten Retro-Style gekleideten Nachwuchs fotografieren, Instagram-Polaroid-Filter drüber, fertig. Andererseits: hat auch was, das alte Lichtbild. Führerscheinneulinge werden jetzt alle 15 Jahre um 15 Jahre älter - Oldtimer bleiben jung wie eh und je. Der ADAC hat dafür folgende seniorengerechte Formulierung gefunden: "Für Altinhaber gilt bis 2033 Bestandsschutz".

Rückblick: Ein Jahrhundert des Führerschein


19