Überraschende Ehrungen Friedensnobelpreis: Skandale und umstrittene Gewinner

Mit Spannung wird jährlich die Entscheidung aus Oslo um 11 Uhr am Freitag der ersten Oktoberwoche erwartet. Dann wird der Friedensnobelpreisträger verkündet, der in der über hundertjährigen Geschichte nicht immer mit Begeisterung aufgenommen wurde. Ein Überblick über die bewegendsten Entscheidungen.

Von: Linus Lüring

Stand: 06.10.2017

Bild: picture-alliance/dpa

"Good Morning Ladies and Gentlemen" - Punkt 11 Uhr in Oslo, wenn das Nobelkomitee den Friedensnobelpreisträger bekannt gibt, dann sind immer wieder Überraschungen möglich. 2012 zum Beispiel: "The 2012 Nobel Peace Prize is awarded to the European Union." - Der Friedensnobelpreis für die Europäische Union. Das überraschte selbst die europäischen Spitzenpolitiker, wie den damaligen EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz.

"Ich empfinde diesen Preis nicht nur als Ehre, sondern auch als Verpflichtung, den Weg der Einheit in Europa weiterzugehen."

Der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz

Andere wie der Generalsekretär von Amnesty International Deutschland, Wolfgang Grenz, hielten die EU dagegen für völlig ungeeignet als Preisträgerin.

"Um es klar und deutlich zu sagen – die Flüchtlings- und Asylpolitik der EU ist eines Friedensnobelpreisträgers nicht würdig."

Wolfgang Grenz, Amnesty International Deutschland

Entscheidungen, die zum Zerwürfnis führten

Seit der Preis 1901 zum ersten Mal verliehen wurde, gibt es immer wieder Streit. Dass 1919 der damalige US-Präsident Woodrow Wilson ausgezeichnet wurde, war für viele ein Skandal. Wilson galt als Anhänger der Rassentrennung. Noch heftiger die Kritik 1973 als US-Außenminister Henry Kissinger den Friedensnobelpreis bekam. Zusammen mit dem vietnamesischen Politiker Le Duc Tho wurde er für die Friedensbemühungen im Vietnam-Krieg geehrt. Kissinger sprach von einem sehr bewegenden Ereignis – andere dagegen von einer krassen Fehlentscheidung. Unter Kissinger sei der Vietnam-Krieg deutlich eskaliert, hieß es.

"Nothing that has happened to me in public life has moved me more than this award."

Henry Kissinger, ehem. US-Außenminister

Unverständnis auch 1994: Der Friedensnobelpreis für Israels Premier Jitzchak Rabin, Außenminister Schimon Peres und Jassir Arafat. Der Palästinenserführer Arafat stehe für Gewalt und Terror, fanden viele. Auch im Nobelkomitee. Kore Kristiansen trat deswegen zurück.

"Für mich gibt es nur einen Grund, der zum Ausscheiden aus dem Ausschuss geführt hat. Dass dieser Mann nicht qualifiziert ist als Preisträger. Es gab eine Grenze und die war Arafat als Preisträger."

Kore Kristiansen, ehem. Mitglied des Nobelpreis-Komitees

Aber auch umstrittene Entscheidungen könnten trotz der Kritik sinnvoll sein. So sieht es Andreas Hasenclever, Friedensforscher an der Uni Tübingen. So gebe es immer neue Diskussionen über das, was Frieden bedeutet.

Entscheidung als Anstoß einer Debatte

"In der Tat denke ich, dass das Friedensnobelpreiskomitee mit seinen Entscheidungen auch öffentliche Debatten provozieren möchte. Dabei ist aber unbenommen, dass wir gar nicht wissen, was in dem Komitee besprochen wird. Weil es dort eine fünzigjährige Geheimhaltungspflicht gibt. Deshalb wird man wohl auch erst in einigen Jahrzehnten genau wissen, wie es 2009 zur erstaunlichen Entscheidung kam, US-Präsident Obama auszuzeichnen. Der war ja erst ein dreiviertel Jahr im Amt und gab offen zu, dass er es nicht verdient habe in einer Reihe mit vielen anderen Preisträgern zu stehen.

"To be honest, I do not feel that I deserve to be in the company of so many of the transformative figures who've been honored by this prize."

Barack Obama, ehem. US-Präsident

Bei anderen Preisträgern kommt die Kritik erst später. Die heutige Regierungschefin von Myanmar, Aung San Suu Kyi, wurde 1991 für ihren gewaltlosen Einsatz für Demokratie ausgezeichnet. Aktuell wird ihr vorgeworfen, sich nicht klar genug gegen die Vertreibung der Rohingya auszusprechen. Ihr Verhalten sei einer Friedensnobelpreisträgerin nicht angemessen.

Den Preis ganz sicher verdient gehabt, hätte der selbsternannte Soldat des Friedens, Mahatma Gandhi. Gandhi bekam trotz seines jahrelangen Einsatzes für Frieden nie den Friedensnobelpreis. Als er 1948 erschossen wurde, entschied das Nobelkomittee in dem Jahr keinen Preis zu verleihen. Denn der darf nur an lebende Personen vergeben werden.

"I regard myself as a soldier. Though a soldier of peace."

Mahatma Gandhi