78

Gewalt in Flüchtlingsunterkünften Hilflose Helfer, überforderte Behörden

In Großunterkünften für Flüchtlinge spitzt sich die Lage zu. Immer öfter kommt es zu Gewalt, ehrenamtliche Helfer sind damit überfordert, die Polizei muss eine Eskalation verhindern. Dennoch kam es bereits zu einem Streit mit tödlichem Ausgang. Was läuft da schief?

Von: Gabriele Uitz und Johannes Reichart

Stand: 28.02.2016

Hunderte Menschen auf engstem Raum ohne sinnvolle Beschäftigung, viele junge Männer, einige von ihnen traumatisiert von der Flucht. Die Situation in Großunterkünften für Flüchtlinge ist extrem. Immer öfter, das belegen die Einsatzzahlen der Polizei, kommt es zu Gewaltausbrüchen.

Tödlicher Streit unter Flüchtlingen in Dorfen

Trauerfeier für ermordeten Flüchtling in Dorfen

In einer Unterkunft in Dorfen, Landkreis Erding, ist ein Streit eskaliert. Morddrohungen fallen. Die Polizei kommt, schlichtet, konfisziert ein Messer. Die Beamten halten den Streit für beigelegt. Rund 12 Stunden später ist der 20jährige Senegalese N´Faali tot. Erstochen von einem Mitbewohner.

Die Unterkunft, in der die Bluttat geschah, wird vom Landratsamt Erding betrieben. Über den Streit und den Polizeieinsatz am Samstag wurde die Behörde nicht informiert, obwohl es eine Notfallnummer gibt.

"Die Polizeieinsätze vom Samstag sind uns nicht bekannt, deshalb konnten wir da auch nicht reagieren. Die Polizei kann uns in Notsituationen erreichen."

Christian Blatt, Asylmanager Landratsamt Erding

Eine Notfallnummer, das würden sich vor allem die ehrenamtlichen Helfer wünschen, die auch am Wochenende die Flüchtlinge betreuen. Ehrenamtliche der Flüchtlingshilfe Dorfen haben den Streit zwar miterlebt und vorsorglich das spätere Opfer ein ein anderes Zimmer verlegt, aber eine Möglichkeit, den Fall mit einer verantwortlichen Stelle zu besprechen gab es für sie nicht.

"Es wäre wünschenswert, wenn es eine Notrufnummer gäbe, einen Bereitschaftsdienst, weil wir Ehrenamtlichen dann Entscheidungen treffen müssen, irgendjemand muss dann ja sagen, du gehst hierhin, du gehst dorthin. Das sind Entscheidungen, die wir gar nicht treffen dürfen. Das ist auch rechtlich nicht optimal und wir Ehrenamtlichen fühlen uns da überfordert."

Josef Kronseder, Flüchtlingshilfe Dorfen

Der Mord in der Flüchtlingsunterkunft Dorfen ist der bisher schwerste Konfliktfall in Bayern. Aber er ist nicht der einzige Oft ist es die Enge, die zu Konflikten führt.

Enge und Perspektivlosigkeit schüren Konflikte

Eine Traglufthalle in Karlsfeld

In der Traglufhalle Karlsfeld im Landkreis Dachau sucht Gregor Feindt ein Bett für einen neu angekommenen Asylbewerber aus dem Senegal. Bis zu acht Personen liegen in einer Kabine, nach oben hin ist das Zimmer offen, als Tür dient ein Vorhang.

"Wir dürfen zum Beispiel keine Afrikaner mit beispielsweise Pakistanern oder Afghanen in ein Zimmer legen. Die würden sich nicht vertragen. Es ist schon schwierig genug, dass sie sich hier in der Halle einigermaßen vertragen. Aber innerhalb eines Zimmer wär es nicht möglich."

Gregor Feindt, Kümmerer für Flüchtlinge

Auf engstem Raum leben in der Traglufthalle in Karlsfeld fast 300 Männer unterschiedlichster Kulturen. Gregor Feindt und sein Team nennen sich Kümmerer: Sie helfen den Flüchtlingen bei Behördengängen, Arztterminen oder Deutschkursen. Dasss die Gruppen in der Halle manchmal aneinander geraten, können sie nicht immer verhindern. Vor Weihnachten musste die Polizei mehrmals mit einem Großaufgebot anrücken. Stühle flogen, mehrere Bewohner kamen verletzt ins Krankenhaus.

"Die häufigste Ursache für gröbere Auseinandersetzungen, wodurch einmal 50-60 Leute eine Schlägerei angefangen haben, war in der Regel das Schlange stehen in der Mittagskantine. Dass rumgeschubst wurde und einer sagte, hey ich war vor dir dran, dann geht’s los... Das geht oft von einer Sekunde auf die andere."

Gregor Feindt

Lärmpegel, keine Privatsphäre, Rumsitzen, Alkohol

Der Lärmpegel, die fehlende Privatsphäre, und die Situation der Passivität - für Feindt ein Gemisch, das zwangsläufig Folgen nach sich zieht. Zwei Dinge bräuchten die Flüchtlinge, sagt Gregor Feindt, einen Job und eine kleinere Unterkunft. Denn dass die Traglufthallen zu Problemen führen, ist auch aus anderen Landkreisen bekannt.

Rupert Neudeck warnt

Auch der Flüchtlingsexperte Rupert Neudeck warnt vor der Passivität in den Unterkünften, die zu Agressionen führen kann.
"Ohne Tätigkeit vergammeln Menschen und das geschieht auch in unseren Asylheimen, Turnhallen und Erstaufnahmeeinrichtungen, weil die keine Aufgaben haben am Tage, keine Verpflichtungen."

Schwierige Einsätze für die Polizei

Für die Polizei sind die Einsätze in den Traglufthallen heikel. Sie müssen die Situation beruhigen, wissen aber oft nicht, wer eigentlich die Streithähne sind, sagt Markus Da Gloria Marens von der Münchner Polizei.

"Es streiten sich zwei, auch ums Fernsehprogramm oder um die Lautstärke eines CD-Rekorders zur Nachtzeit. Dann bleibt es aber nicht bei den zweien sondern bei 20 und zwar auf beiden Seiten. Da sind 40 aufgebrachte Menschen, die brüllen und schubsen manchmal auch, da müssen wir natürlich kräftemäßig sicherstellen, dass wir auch in der Lage sind, die Lage zu beruhigen."

Marcus da Gloria Martens, Pressesprecher Polizei München

Störenfriede werden rausgezogen

Dachauer Landrat Stefan Löwl

Der Landrat von Dachau, Stefan Löwl, ist für die Unterkunft in Karlsfeld zuständig und gibt die Konflikte in der Traglufthalle unumwunden zu. Man versuche den Flüchtlingen Aufgaben zu geben, sagt er. Eine weitere Beruhigung erhofft er sich jetzt durch das gezielte Herausnehmen von Störenfrieden.

Gewalttäter war nach Dorfen verlegt worden

Der Somalier, der am vergangenen Wochenende in der Flüchtlingsunterkunft Dorfen den jungen Senegalesen erstochen hat, war möglicherweise ebenfalls ein solcher Störer. Er war selbst schon Opfer von Morddrohungen geworden. Auch er wurde schon von einer Unterkunft in eine andere, nämlich nach Dorfen, verlegt, bestätigt die Regierung von Oberbayern dem Funkstreifzug.

"Zu der Tat in Dorfen kam es in einer vom Landratsamt Erding betriebenen dezentralen Unterkunft, in die der Täter durch das Landratsamt Erding landkreisintern umverteilt worden war."

Regierung von Oberbayern

Nicht automatisch also ist eine Verlegung der Garant dafür, dass es friedlicher zugeht. Das Problem wird unter Umständen nur verlagert.


78