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Profiteure der Flüchtlingskrise Wie Investoren Kasse machen

Die Kommunen sind am Limit: Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Deutschland. Alle müssen untergebracht und versorgt werden. Findige Investoren nutzen dies für lukrative Geschäfte, ob mit Immobilien oder Catering.

Von: Wolfgang Kerler und Reinhard Weber

Stand: 11.11.2015 | Archiv

Gasthof "Rotes Ross" in Dietersheim | Bild: BR/Wolfgang Kerler, Reinhard Weber

Wir fahren nach Dietersheim, eine kleine Gemeinde in Mittelfranken im Landkreis Neustadt Aisch/Bad Windsheim. Wir verfolgen einen Hinweis, ein Investor kaufe reihenweise Gasthöfe auf, um sie zu Asylbewerberunterkünften umzubauen und daraus kräftig Kapital zu schlagen.

In der Ortsmitte das "Rote Ross", ein 300 Jahre alter Gasthof. Tatsächlich eine Baustelle. Für etwa 150.000 Euro wurde das Anwesen angeboten, wer hat es gekauft, was stimmt an der Geschichte? Auf einmal sind alle Arbeiter verschwunden. Die Tür ist abgesperrt. Wir sind hier nicht willkommen. Also machen wir uns auf zu den Nachbarn. Offiziell wurden sie über die Ankunft von 40 Asylbewerbern informiert, die im "Roten Ross" Platz finden sollen.

"Wobei der Umbauleiter zu mir gesagt hat, jetzt sind 60 schon genehmigt, und es wird in Kürze dann wahrscheinlich auch voll gemacht werden. Ich finde es halt schade, wenn relativ kleine Ortschaften wie unsere, wie unser Altdorf, so überflutet werden. Weil wenn hier 110 Leute leben und dann bis zu 60 Asylbewerber kommen, dann finde ich das schon ein bisschen übertrieben."

Richard Röthlingshöfer, Nachbar und ehemaliges Gemeinderatsmitglied

Goldgrube Gasthäuser

Landgasthöfe sind sehr interessant: Viele Zimmer, günstig zu haben, leicht umzubauen. Ein Volltreffer für clevere Investoren.

"Ich hab ihn heute das erste Mal gesprochen, er kommt mit einem Porsche Cayenne. Es ist ein junger Mann aus Roth, er war Banker anscheinend und hat jetzt schon 15 oder wie viel solcher Projekte laufen."

Richard Röthlingshöfer, Nachbar und ehemaliges Gemeinderatsmitglied

Stimmt das? Während wir drehen, taucht der Porsche auf. Doch als der Investor uns sieht, fährt er einfach weiter, vermeidet Kontakt. Was wurde hier vereinbart, was zahlt das zuständige Landratsamt für die Miete? Ein Interview möchte man uns hier nicht geben, die Pressestelle versichert uns, es sei eine Pro-Kopf-Pauschale, sie läge unter 20 Euro am Tag, eine konkrete Zahl aber nennt man uns nicht. Im Ort erzählt man, es sei mehr.

Das macht uns neugierig. Wir machen den Test und bieten selber dem Landratsamt eine Immobilie an, bekommen schriftlich ein Angebot. Bei Beherbergungsbetrieben – dann mit Vollverpflegung – gibt es 40 Euro pro Kopf und Tag. Äußerst lukrativ. Unsere Hochrechnung: Bei 40 Flüchtlingen wären so Einnahmen von fast 50.000 Euro im Monat möglich.

Überforderte Städte und Gemeinden

Die aktuelle Krise: Für Gerd Landsberg vom Deutschen Städte- und Gemeindebund auch eine „Stunde der Geschäftemacher“. Zurzeit müssen oft so schnell Flüchtlinge versorgt werden, dass den Kommunen für Ausschreibungen keine Zeit mehr bleibt.

"Wenn Not am Mann ist, dann müssen sie das nehmen, was sie kriegen können. Sie müssen ja die Leute versorgen, sie müssen sie unterbringen – und das ist dann manchmal vielleicht wichtiger als ein vielleicht zu hoher Preis."

Gerd Landsberg, Deutscher Städte- und Gemeindebund

Gute Geschäfte mit Catering

Die Bayernkaserne in München. Hier geht es ums Catering für 450 minderjährige Flüchtlinge ohne Eltern. Für ihre Verpflegung zahlt die Stadt pro Jahr rund 3,5 Millionen Euro an eine private Firma. Wir treffen einen Informanten. Er arbeitet in der Bayernkaserne, will anonym bleiben. Er beschwert sich über das Essen, das die Jugendlichen dort bekommen:

"Es ist durchgängig mittelmäßig bis schlecht. Oft ist es auch zu wenig und die Jugendlichen bekommen keinen Nachschlag."

Anonymer Informant

Auf seinen Fotos: Günstige Zutaten, Fertigprodukte, kleine Portionen. Dabei zahlt die Stadt München 21,50 Euro pro Tag für Essen und Trinken eines Jugendlichen.

Billiger Test

Wir machen den Test, kaufen die Lebensmittel nach. Dabei kommen wir im Schnitt auf nur 1,50 Euro für die Zutaten eines Hauptgerichts. Und das, obwohl wir im normalen Einzelhandel waren – und nicht im günstigeren Großhandel. Unser Informant kritisiert:

"Ich denk mir einfach, für dieses Geld müsste mehr drin sein – weit mehr. Ich kann mir eigentlich nur vorstellen, dass sich da jemand bereichert."

Anonymer Informant

Jonas Better Place – so heißt die Firma, um die es geht. Sie bietet neben Verpflegung auch andere Dienste rund um Flüchtlinge an: Bewachung, Betreuung, Gebäude. Gegründet wurde sie 2012 von einem Fachmann aus der Finanzbranche. Er war davor tätig bei der Unternehmensberatung McKinsey. Sein Bruder ist einer der Geschäftsführer. Er ist Psychologe und hat früher für das Stadtjugendamt München gearbeitet, einen wichtigen Auftraggeber.

Ein Interview bekommen wir nicht. Schriftlich weist die Firma Jonas Better Place den Vorwurf zurück, am Essen zu sparen, um hohe Gewinne einzustreichen und betont:

"Natürlich gehen wir auch Ihren Hinweisen nach. Sollten sich diese erhärten, sorgen wir dafür, dass sie abgestellt werden. (…) Darüber hinaus werden wir künftig eine tägliche Verkostung von unseren eigenen Mitarbeitern vornehmen lassen und dokumentieren."

Firma Jonas Better Place

Eins nach dem anderen

Zurück in Nordbayern, auf den Spuren des Gasthausinvestors. Auch im Nachbarort Scheuerheim soll er das Dorfwirtshaus gekauft haben. Wir klingeln bei den Nachbarn, fragen nach: "Ja das Gasthaus Krone ist schon lang kein Gasthaus mehr, das ist verkauft und da sollen Asylanten reinkommen." So werden in der Not leerstehende Landgasthäuser mit vielen Zimmern zu Goldgruben für schlaue Investoren. Die Rechnung zahlt der Steuerzahler.


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