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Debatte um Flüchtlingspolitik Warum die Situation anders ist als 2015

Der SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz warnt, dass sich die Flüchtlingskrise von 2015 wiederholen könnte. Tatsächlich steigt die Zahl der Migranten, die über das Mittelmeer nach Italien kommen. Warum die Situation trotzdem anders ist als vor zwei Jahren, erklärt eine Erlanger Migrationsforscherin.

Von: Wolfgang Kerler

Stand: 24.07.2017

Flüchtlinge sitzen auf dem Mittelmeer in einem sinkenden Schlauchboot.  | Bild: dpa-Bildfunk/Ong Sos Mediterranee

Die italienische Regierung schlägt Alarm: Über das Mittelmeer fliehen tausende Menschen nach Europa. SPD-Chef Martin Schulz fürchtet, dass Deutschland wieder unkontrolliert viele Flüchtlinge aufnehmen muss. Die Erlanger Migrationsexpertin Petra Bendel warnt allerdings davor, zu simple Parallelen zur Situation von 2015 zu ziehen. 

"In der Tat kommen in Italien wieder sehr viele Menschen an. Aber im Gegensatz zu 2015 handelt es sich vor allem um Wirtschaftsmigranten aus Westafrika und Bangladesch."

Prof. Petra Bendel, Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR)

Viele Migranten aus Westafrika und Bangladesch

Insgesamt kamen laut UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR  in diesem Jahr bisher 110.950 Migranten über das Mittelmeer nach Europa. Das wichtigste Herkunftsland war Nigeria. Fast 15 Prozent der Menschen stammten aus dem westafrikanischen Staat. Dahinter folgten Guinea, die Elfenbeinküste und Bangladesch mit jeweils rund neun Prozent. Aus Syrien kamen sechs Prozent. Der Irak taucht in der Liste der wichtigsten Herkunftsländer in diesem Jahr nicht mehr auf.

Ganz anders sahen die Zahlen im Jahr 2015 aus. Damals kamen über eine Million Migranten Europa über das Mittelmeer.  Die mit Abstand größte Gruppe bildeten Syrer mit einem Anteil von 23 Prozent, gefolgt von Flüchtlingen aus Afghanistan, die zwölf Prozent ausmachten. Erst an dritter Stelle folgten Migranten aus Nigeria mit zehn Prozent, dahinter Flüchtlingen aus dem Irak mit acht Prozent.

Weniger Kriegsflüchtlinge, mehr Armutsmigration

Die Gruppen der Asylsuchenden unterscheiden sich heute deutlich von der Situation im Jahr 2015. Waren es damals vor allem Kriegsflüchtlinge aus Syrien, bilden heute Menschen aus Westafrika und Bangladesch die größte Gruppe, die aufgrund von Armut oder Dürren ihre Heimatländer verlassen. Ihre Chancen auf ein Bleiberecht in Europa sind äußerst begrenzt, erklärt die Migrationsexpertin Bendel.

"Viele von ihnen haben daher kaum Aussicht auf Flüchtlingsschutz oder Asyl in Europa. Die Bereitschaft, Flüchtlinge aus Italien aufzunehmen, dürfte bei den anderen EU-Ländern daher noch viel geringer sein."

Prof. Petra Bendel, SVR

Die meisten Migranten, die jetzt aus Westafrika und Bangladesch kommen, werden wohl kein Bleiberecht in Europa bekommen.  Im Mai etwa lehnte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge die meisten Asylanträge von Menschen aus Westafrika und Bangladesch ab. Beispiel Nigeria: Von den rund 5.400 Entscheidungen über Anträge von Nigerianern fielen 3.600 negativ aus. Die Menschen bekamen weder Asyl und Flüchtlingsschutz.

Bürokratische Unterstützung für Italien

Für Petra Bendel vom Sachverständigenrat für Migration sollte es in der aktuellen Diskussion um die Lage in Italien daher weniger um die Frage der Verteilung von Flüchtlingen in Europa gehen als um die bürokratische Unterstützung des Landes.

"Die EU muss die italienische Bürokratie unterstützen. Italien braucht finanzielle und personelle Mittel, um die Flüchtlinge zu registrieren, unterzubringen und zu schnellen Entscheidungen zu kommen. Die EU darf Italien nicht allein lassen, um die Rückführung der abgelehnten Asylbewerber durchzuführen."

Prof. Petra Bendel, SVR

Europäisches Unterstützungsbüro könnte gestärkt werden

Die Migrationsexpertin schlägt vor, die Kapazitäten des Europäischen Unterstützungsbüros für Asylfragen (EASO) weiter auszubauen. Das EASO existiert seit 2010 und soll die Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten voranbringen. Insbesondere sollen Länder unterstützt werden, deren Asyl- und Unterbringungssysteme besonders belastet sind.


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