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Ausbildung oder Abschiebung Berufsschuljahr mit Flüchtlingen in Bayern

Sie kommen aus Syrien, aus Afghanistan oder Somalia – junge Flüchtlinge, die jetzt in Bayern leben. Ihr Ziel: Eine Ausbildung. Viele Berufsschulen in Bayern haben jetzt so genannte Flüchtlingsklassen: Dort sollen die jungen Menschen fit gemacht werden für eine Ausbildung.

Von: Lisa Weiß, Nina Landhofer

Stand: 24.07.2017

Nicht alle der Schüler aus der Flüchtlingsklasse an der Staatlichen Berufsschule 2 in Rosenheim sind in ihrem Leben vor der Flucht regelmäßig in die Schule gegangen. Manche wissen nicht einmal, wie man einen Ordner führt. Sie alle soll Klassenleiter Kristof Kühnel in zwei Jahren fit für eine Ausbildung machen. Es ist die erste Flüchtlingsklasse für den jungen Lehrer.  Am Anfang des Schuljahres war er noch  optimistisch:

"Wir werden sicher welche haben, die in eine Ausbildung gehen, ich hoffe, das ist der Großteil. Wir werden sicher welche haben, die ins Berufsleben direkt einsteigen, ansonsten, studieren ist noch nicht wirklich absehbar. Wir hätten auf jeden Fall ein paar Kandidaten, die sicher das Potential dazu haben, aber das muss sich noch zeigen."

Kristof Kühnel

Kristof Kühnel leitet eine Flüchtlingsklasse an einer Berufsschule in Rosenheim.

Wer wird es schaffen? Ist es Abdullah aus Afghanistan? Ist es Mossa aus Syrien? Oder einer der Jüngeren in der Klasse – Khaled aus dem Iran? Sie alle haben eine traumatisierende Flucht hinter sich und nicht alle wissen schon, ob sie in Deutschland bleiben können. Der Asylantrag einiger ist in diesem Schuljahr abgelehnt worden.

Dabei haben die meisten aus seiner Klasse in  diesem Schuljahr wirklich viel Deutsch gelernt – und auch viel über das Leben in Deutschland. Eigentlich ist das gelungene Integration, sagt Kristof Kühnel.

"Ich hab ein bisschen Wut im Bauch, weil das Schüler sind, die total engagiert sind, die pünktlich kommen, die alle Regeln akzeptieren, die Träume haben, die in der Schule wirklich gut sind und sich total bemühen und dann wirklich mit einem  Federstrich des Landes verwiesen werden und aller Chancen beraubt werden. Diese Schüler kommen dann trotzdem noch zum Unterricht, pünktlich machen ihre Hausaufgaben und arbeiten mit, obwohl sie den negativen Bescheid haben. Und ich versuch jetzt denen einfach so gut es geht irgendwie zu helfen, dass sie hier bleiben können, das ist mir einfach sehr wichtig."

Kristof Kühnel

"I bin der Mossa und da bin i dahoam"

Christiane Elgass ist die Schulleiterin. Am Anfang des Schuljahres war sie sehr skeptisch, ob die jungen Flüchtlinge es schaffen werden, den deutschen Lehrstoff nachzuholen, ob sie reif werden für eine Ausbildung. Die allererste Flüchtlingsklasse an ihrer Schule hat jetzt ihren Abschluss gemacht, mit überraschend guten Noten sagt Christiane Elgass. Trotzdem ist sie nicht sonderlich optimistisch, was die Zukunft ihrer Schüler angeht.

"Die Rahmenbedingungen, die drohende Abschiebung, hat viele verunsichert, auch die Arbeitgeber. Da wird sich manch einer überlegen, ob er einen Ausbildungsplatz anbietet und das finden wir natürlich schade."

Christine Elgass

Denn Bayerns harter Kurs beim Thema Flüchtlinge führt dazu, dass Arbeitgeber immer wieder eine Erfahrung machen mussten: Die Schüler, die eigentlich in ein paar Monaten ihre Lehrlinge werden sollten, müssen raus aus Deutschland - oder bekommen keine Erlaubnis, eine Ausbildung zu machen.

Die B5 Reportage

Ausbildung oder Abschiebung? Ein Jahr mit Flüchtlingen an der Berufsschule

Reportage am Sonntag, 23.7.2017, 14:35 und 21:35 Uhr, B5aktuell

Autorin: Lisa Weiß
Redaktion: Nina Landhofer und Andrea Herrmann


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konstanze, Montag, 24.Juli, 09:20 Uhr

21. Journalismus und Propaganda

George Orwell sagte einmal: "journalismus ist etwas zu veröffentlichen, von dem andere nicht wollen, dass es veröffentlicht wird. alles andere ist propaganda." er hatte recht. von journalisten erwarte ich ein umdenken und eine anteilsgerechte information (keine bewertung) über den ausbildungsstand und ausbildungswillen aller migranten und nicht nur der vorzeigemigranten. das urteil kann ich mir als mündiger bürger selber bilden. es ist heute nicht mehr hinzunehmen, dass einige journalisten unter pressefreiheit nur noch verstehen propaganda zu machen.

bezahlbare Mietwohnungen, Sonntag, 23.Juli, 20:54 Uhr

20. Über 600 Bewilligte und (sowieso) keine Wohnungen - für niemanden ?

Hallo, lb. BR-Team, vielleicht können Sie d. regionalen bayer. (Lokal-)Zeitungen einsehen?
Am Freitag, d. 21.07.2017 stand es im "LT - Landsberger Tagblatt" - Regionalausgabe Landsberg: Es sind hier z.Zt. ÜBER 600 (sechshundert (!) bewilligte Flüchtlinge. Die wohnen alle immer noch i. d. (sog.) Übergangseinrichtungen, Containern usw. Und es gibt (sowieso) keine ("normalen") Wohnungen, nur "Best off". Der Bürgermeister wird i. d. Zeitung zitiert: "Wie soll ich die alle unterbringen?". //
Es wird immerhin auch gebaut; z.B. auf 1 Großbaustelle (Wohnungen v. 62-116 qm) mit polnischen Bauarbeitern, die extra hergekarrt werden, ihre Fam. verlassen & sich "für uns" ihre Gesundheit ruinieren, weil "WIR" NCIHT bauen (können?). Bauträger ist 1 (kathl.) Bauträger aus Augsburg. (Sog.) "Sozialwohnungen" - leider unbezahlbar f. deutschsprachige Ur-Einwohner mit weißer Hautfarbe. Wohin mit den o.g. 600 = sechshundert? //
Das wird i. anderen dt. / bayer. Regionen nicht anders sein? Danke. MFG /

  • Antwort von Dagmar, Montag, 24.Juli, 07:57 Uhr

    Mit den Afrikanern werden afrikanische Verhältnisse zu uns kommen. Was sollen wir machen? Leiden? Flüchen? Wohin flüchten? Selbstmord?

  • Antwort von Birgit, Montag, 24.Juli, 08:36 Uhr

    (Anm. d. Redaktion: Wir wünschen uns hier respektvolle Diskussionen. Bleiben Sie bitte sachlich.) Asyl darf nicht zur Umsiedlung Afrikas nach Deutschland mißbraucht werden. Schulz redet nur um Karriere zu machen, aber gegen die nächste Asylflut will er nichts unternehmen. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
    Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

QuoVadis, Sonntag, 23.Juli, 19:49 Uhr

19. Vollkommen richtig,

jedem dieser Flüchtling eine Ausbildung angedeihen zu lassen. So werden sie tatkräftig beim Wiederaufbau ihrer Heimatländer helfen können und lernen westliche Werte kennen. Es gibt ja zumindestens kleine Lichtblicke für Syrien, die auf eine baldige Rückkehr dorthin hoffen lassen.

Münchner1977, Sonntag, 23.Juli, 18:33 Uhr

18.

Wir hatten im Sep. 2016 20 Lehrlinge eingestellt aus Syrien, Afganistan, aber auch Afrika. Am zweiten Tag fehlten schon drei, die Arbeitskleidung hat man aber am ersten Tag noch abgegriffen. Zum Jahreswechsel waren es noch 10 und nun sind nur noch drei über. Für die Gruppe gab es extra Sozialarbeiter, Dolmetscher und Vertrauensleute. Für jeden Lehrling bekam die Firma vom Amt für Integration im Monat 600€. Zzgl. der Ausbildungsvergütung.
Die Politik schließt immer von ein paar wenigen Erfolgen auf das Ganze. Und kopft sich dann auf die Schulter.
Der Industrie und dem Dienstleistungsgewerbe ist ja genüge getan. Günstige Arbeitskräfte für wenig anerkannte Arbeiten, die mit Hilfe des Staates ihr Auskommen sichern. Und dazu noch Wohnraum von Staat, Land und Kommunen bekommen. DAS nennen ich Chancengleichheit für die hier geborene Unter- und Mittelschicht!

  • Antwort von Zeitungsleserin, Montag, 24.Juli, 00:13 Uhr

    Dass Sie das hier schreiben dürfen!? (Man konnte doch wohl diese Tatsachen nicht unter den Tisch kehren!!) Paßt so gar nicht in das Bild vom so willigen und arbeitsfrohen Flüchtling. Normalerweise darf man das hier nicht - nämlich am Image kratzen. Die dummen bayrischen Jugendlichen, die das ohne Sozialarbeiter und Betreuer schaffen müssen, und die armen Eltern, die ihre Kinder bis zum Ende der Berufsausbildung durchfüttern und ihnen auch noch Wohnraum geben. Und ich habe davorn gehört, dass manche Lehrlinge mehr als eine Stunde einfachen Weg in die Arbeit haben und das durchziehen, mit Rad, Bus oder Bahn, ohne Taxi oder Betreuer. Wahnsinn!

UK, Sonntag, 23.Juli, 18:29 Uhr

17. Gesetz

Die Aussage des Berufschullehrers ist irgendwie erschütternd: er sollte mit dem deutschen Asylrecht vertraut sein. Aufenthalts- oder gar Bleiberecht erwirbt man sich nicht durch Pünktlichkeit, Fleiß etc.. Asylrechtist eben kein Rechtsanspruch von Nicht-Deutschen, in Deutschland zu leben. Das wäre auch bei einem Einwanderungsgesetz nicht der Fall: auch dann würde der Staat entscheiden, wer kommen und bleiben darf. Emotionen helfen hier definitiv nicht weiter - auch wenn ich natürlich den Lehrer verstehen kann, dass er eine Bindung zu seinen Schülern aufgebaut hat. Prinzipiell löblich, nur seine Folgerungen daraus sind falsch und für unseren Staat misslich und schädlich.