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Ein Land wird zugebaut Grüne kritisieren Flächenfraß im Freistaat

Die Wirtschaft boomt, immer mehr Wohnraum wird gebraucht – und deshalb wird auch in Bayern überall gebaut. Der Flächenfraß in Bayern ist mittlerweile weit fortgeschritten: auf einer Fläche von sechs Prozent des Freistaats.

Von: Julia Grantner

Stand: 17.07.2017

Brunntal-Dreieck, suedlich von Muenchen; Autobahn A995 und A 8 | Bild: picture-alliance/dpa/Luftbild Betram

Der Blick über den Ammersee ist eine wahre Freude: Das blaue Wasser glitzert in der Sonne, fast soweit das Auge reicht. Genau so viel Fläche wie der Ammersee bietet, um sich daran zu erfreuen, so viel Fläche wird in Bayern derzeit jedes Jahr bebaut, betoniert und asphaltiert. Das geht aus einem neuen Bericht über Bodenversiegelung des Landesamts für Umwelt hervor.

Für die Landtags-Grünen um Ludwig Hartmann ein Skandal:

"Wir brauchen eine Höchstgrenze, auf ein gesundes Maß zurückführen, dass wirtschaftliche Entwicklung möglich ist, dass wir auch neue Schulen bauen können, da brauchen wir Fläche, aber wir müssen deutlich runter, auf 4,7 Hektar pro Tag – da muss Schluss sein!"

Ludwig Hartmann

Derzeit werden allein in Bayern pro Tag 13,1 Hektar Fläche versiegelt. Zum Vergleich: 66 Hektar sind es in ganz Deutschland zusammen. Mit den Zuwachs-Zahlen ist Bayern also "trauriger" Spitzenreiter.

Gewerbegebiete statt Natur

Andreas Blank aus Attenhausen bei Sontheim ist Milchviehbauer in der 4. Generation. In seinem Heimatlandkreis - Unterallgäu - gibt es schon 40 Gewerbegebiete:

"Das ist eine massive Veränderung, die heute stattfindet in Bayern. Das ist so dramatisch, einen Flächenverbrauch mit Gebäuden, die eigentlich weh tun, wenn sie in der Landschaft stehen. Also da muss man Einhalt gebieten, sonst haben wir in 20 Jahren dieses schöne, attraktive Bayern nur noch im Bilderbuch."

Landwirt Andreas Blank

Aber dem Landwirt geht es nicht nur um die Bilderbuchlandschaft. Er macht sich auch Sorgen darüber, wie lange die Natur den Eingriffen durch die wachsende Versiegelung noch standhalten wird.

"Vor allem, die Gewerbegebiete werden auf Standorten gebaut, wo die wertvollsten landwirtschaftlichen Grundstücke eigentlich liegen. Also mit hoher Humus-Auflage, also die fruchtbarsten Böden werden dauerhaft vernichtet."

Landwirt Andreas Blank

Söder will Sonderregelungen

Ganz in der Nähe wurden für den Gewerbepark Unterallgäu 75 Hektar ausgewiesen – zwei Firmen haben sich dort angesiedelt, mit 140 Arbeitsplätzen – steht das in Relation? Vor allem war die Fläche auch nicht an eine Siedlung angebunden. Dies sah der Landesentwicklungsplan, ein Garant für moderate Landesplanung, bisher immer vor. Doch Finanz- und Heimatminister Söder will Sonderregelungen gelten lassen: Erst im Mai kommt das Thema im Bayerischen Landtag erneut auf den Tisch:

"Wir versuchen dort, wo wir glauben, dass Flächen-Entwicklung sinnvoll sein kann, an den Autobahnen, dort haben wir zwei Drittel Bebauung, des heißt, das verändert sich nicht grundlegend, aber es erleichtert den Transport von Arbeitsplätzen in den ländlichen Raum."

Markus Söder

Die Kommunen bräuchten mehr Entscheidungsspielräume, denn nur so könne sich der ländliche Raum entwickeln, so Söder.

Flächenfraß-Steigerung steigt stärker als Bevölkerung

Doch nicht nur Gewerbegebiete, sondern auch der Wohnungsbau, und der Verkehr sind laut des aktuellen Berichts Schuld am Flächenfraß. Die Brisanz des neuen Versiegelungsberichts wird besonders erkennbar, wenn man Flächenfraß und Bevölkerung in Bayern miteinander in Beziehung setzt - mittels der sogenannten Pro-Kopf-Versiegelung. Das kritisieren auch die Landtagsgrünen, Ludwig Hartmann:

"Die Steigerung hat sich losgelöst von der Bevölkerungsentwicklung und ist um 18 Prozent gestiegen in den letzten 15 Jahren. Was gravierend ist: Der Pro-Kopf-Flächenverbraueh steigt deutlich, trotz deutlicher wachsender Bevölkerung, und das zeigt: es ist alles andere als angemessen. Die Dämme sind gebrochen, noch mehr Beton, noch mehr Asphalt!"

Ludwig Hartmann, Grüne

Laut Landesamt für Umwelt betrug die Pro-Kopf-Versiegelung im Jahr 2000 277 Quadratmeter Fläche. Seither ist sie um 53 Quadratmeter auf derzeit 330 Quadratmeter angewachsen.

Regionale Unterschiede

Regional gibt es große Unterschiede: Die Oberpfalz führt bei der Pro-Kopf-Versiegelung mit 518 Quadratmetern, Oberbayern ist im Ranking mit 221 Quadratmetern im positiven Sinne Schlusslicht. Überraschend gut schneidet hier zum Beispiel die Großstadt München ab: Sie wartet mit vielen Grünflächen auf und hat viele Einwohner auf den versiegelten Flächen. Und auch der Ammersee muss bisher nur als Vergleichsfläche herhalten: Die Wasseroberfläche ist nach wie vor blau – so weit das Auge reicht.


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Flächenfraß, Montag, 17.Juli, 21:55 Uhr

2.

"... auf einer Fläche von sechs Prozent des Freistaats."
Laut Bayerischem Landesamt f. Statistik betrug im Jahr 2015 der Anteil an Siedlungs- u. Verkehrsfläche 11,8 %, 2005 10,8 % u. 1981 8,0 %.

  • Antwort von Manfred, Montag, 17.Juli, 22:55 Uhr

    "Siedlungs- u. Verkehrsfläche" ist aber was anderes als die Versiegelung, um die es in diesem Bericht geht.

  • Antwort von Flächenfraß, Dienstag, 18.Juli, 00:11 Uhr

    @ Manfred: Also, ich habe "Gewerbegebiete" u. "Wohnungsbau" gelesen, die auch erschlossen werden müssen.
    Oder war es doch der Ammersee, der zur Versiegelung beiträgt? Wer weiß, wer weiß ...

Frank Lingnau, Montag, 17.Juli, 21:39 Uhr

1. Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen hat Verfassungsrang

Im Artikel 141 der bayerischen Verfassung ist explizit festgelegt, dass "mit Naturgütern schonend und sparsam umzugehen ist. Es gehört auch zu den vorrangigen Aufgaben von Staat, Gemeinden und Körperschaften des öffentlichen Rechts, Boden, Wasser und Luft als natürliche Lebensgrundlagen zu schützen...".
Insofern wäre eine Obergrenze beim Flächenverbrauch nur logisch, konsequent und schon lange zu fordern. Sonst hat doch die CSU auch kein Problem mit Obergrenzen, oder?