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Flüchtlinge in Bayern Familiennachzug beschäftigt Bürgermeister

Jeder anerkannte Asylbewerber hat einen Anspruch, seine Familie aus der Heimat nachzuholen. Um die Unterbringung müssen sich die Kommunen kümmern. Das bereitet Kopfzerbrechen - zum Beispiel im Kreis Pfaffenhofen.

Von: Susanne Pfaller

Stand: 20.01.2016

Flüchtlinge | Bild: picture-alliance/dpa

In der Flüchtlingskrise bahnt sich nach der ersten Aufnahme der Menschen der nächste Kraftakt an: Der Familiennachzug. Denn jeder, der als Asylberechtigter oder Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention anerkannt worden ist, hat einen Anspruch, seine Familie aus der Heimat nach Deutschland nach bringen. Das regelt das Aufenthaltsgesetz. In der Regel muss derjenige, der den Familiennachzug beantragt, nachweisen, dass er für seine Familie eine ausreichende Wohnung hat und dass er für seine Lieben auch den Lebensunterhalt aus eigener Tasche bestreiten kann und zwar ohne Inanspruchnahme. Das gilt jedoch nicht für Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge nach der Genfer Flüchtlingskonvention.

Adel Namo Yousef ist Iraker. Der Jeside lebte in der Nähe von Mossul - bis der IS kam. Nun wohnt Adel Namo Yousef in Schweitenkirchen, und arbeitet als Putzkraft für wenig Geld bei einer Fastfood-Kette. Gleich nach seiner Anerkennung hat er Familiennachzug beantragt. Andrea Hofstetter hat ihm dabei geholfen. Die Scheitenkirchnerin wohnt gleich neben der Flüchtlingsunterkunft. Sie kennt Adels Familie von Fotos und aus dem Internet.

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"Die Familie musste weg aus Mossul. Das ist bombardiert worden durch den IS", sagt Hofstetter. "Die Familie lebte jahrelang in einem Flüchtlingslager an der türkischen Grenze. Ich habe sie per Skype erlebt. Wenn man das sieht, das Leben im Lager, nicht nur in den Fernsehnachrichten, dann versteht man schon, dass Adel nicht nur niedergeschlagen ist, sondern nahe an der Depression."

Innerhalb der nächsten Wochen wird Adel seine Frau und die Kinder nach Jahren der Trennung wiedersehen, in Schweitenkirchen. Wo seine zehnköpfige Familie wohnen wird, weiß er nicht. Ihnen allen ein Dach über dem Kopf zu verschaffen, ist die Aufgabe von Bürgermeister Albert Vogler: "Wenn es Familiennachzug ist und sie kommen zu uns nach Deutschland, dann sind sie erstmal obdachlos. Und für Obdachlosigkeit ist die Gemeinde zuständig. Das bedeutet: Ich muss für sie eine Unterkunft finden. Im Ballungsraum München mit Wohnungsknappheit etwas für eine große Familie zu finden, ist eine sehr, sehr schwierige Aufgabe."

Für den Bau von Sozialwohnungen fehlt das Geld

Nach langer Suche hat Bürgermeister Vogler für Adels Großfamilie nun ein altes Haus im Auge. Viele von dieser Sorte gibt es freilich nicht. Dabei leben in der knapp 5000 Einwohnern großen Gemeinde 45 Flüchtlinge. Bald werden es wohl doppelt so viele sein.

Wie viele von ihnen ihre Familien nachkommen lassen werden, ist unklar. Für den Kreis Pfaffenhofen wagt Landrat Martin Wolf eine grobe Schätzung: "Wir haben jetzt 1600 Flüchtlinge im Kreis. Von diesen 1600 sind rund 450 Personen berechtigt, ihre Familie nachzuholen. Nun gibt es Kalkulationen vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dass im Schnitt drei Personen nachziehen. Wenn nun zwei Drittel von den 450 je drei Menschen nachkommen lassen, sind das rund 900."

Brief an die Kanzlerin

Ein Zahl, die die Bürgermeister aufschreckt. Sie wissen, dass sie für diese Familien neuen Wohnraum schaffen müssen. Doch für den Bau von Sozialwohnungen fehlt das Geld, rechnet der Hohenwarter Bürgermeister Manfred Russer vor. "Wenn ich einfach mal überschlägig rechne für Hohenwart: Wenn wir hier 20 Sozialwohnungen bräuchten und die bauen müssten, wären das 2, 3 Millionen Euro. Das könnten wir nicht, denn dann könnten wir unsere anderen originären Aufgaben nicht mehr erfüllen", sagt Russer. "Ich glaube nicht, dass wir den Bürgern vermitteln können: Wir stellen die Schule hintenan und das und das und das und bauen erstmal Sozialwohnungen."

In einer gemeinsamen Resolution haben sich alle Bürgermeister im Kreis Pfaffenhofen an Kanzlerin Merkel und den bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer gewandt - mit der dringenden Aufforderung, die Kommunen mit der Bewältigung des Familiennachzugs nicht allein zu lassen. Und das Geld zu schicken für den notwendigen Wohnungsbau.


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