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Irreführend SPD-Wahlplakat übertreibt Lohnlücke für Frauen

Mit ihrem Slogan „Wer als Frau 100 % leistet, darf nicht 21 % weniger verdienen“ schießt die SPD weit über das Ziel hinaus. Der Gender Pay Gap bei gleicher Arbeit für Frauen ist wesentlich geringer. Über die Tücken einer oft falsch zitierten Statistik. UPDATE: Mit Stellungnahme der SPD. Von Ralf Sarrazin

Von: Ralf Sarrazin

Stand: 11.08.2017

Wahlplakate der SPD auf einem Rasen nebeneinander. Es geht um die Löhnlücke, die Gender PAy Gap genannt wird. | Bild: BR/Stefan Primbs

Die SPD wirbt für die Bundestagswahl mit Lohngerechtigkeit von Mann und Frau: "Wer als Frau 100 % leistet, darf nicht 21 % weniger verdienen." Dieser Wahlslogan unterstellt, dass Frauen zurzeit in Deutschland 21 Prozent weniger Lohn für die gleiche Arbeit erhalten. Tatsächlich beträgt der Gender Pay Gap laut offizieller Statistik rund 6 Prozent. Selbst diese Statistik lässt den öffentlichen Dienst außen vor – dabei gelten dort einheitliche Tarifsätze. Die tatsächliche Lohnlücke bei gleicher Arbeit dürfte also noch darunter liegen. Auch diese Diskrepanz ist keinesfalls gut – aber es sind deutlich weniger als 21 Prozent, wie die SPD suggeriert.

"Die SPD thematisiert diese Zahl, weil sie auch die strukturellen Unterschiede und Ungerechtigkeiten berücksichtigt und sich in dieser Zahl somit das gesamte Ausmaß von geschlechtsspezifischer Lohnungerechtigkeit ausdrückt", erklärte die SPD in einer Stellungnahme dazu (s.u.).

Woher kommt die Zahl „21 Prozent“?

Die irreführende Zahl ist allerdings weit verbreitet – und wird rund um den Equal Pay Day gerne kolportiert – meist ohne detaillierte Auflistung dessen, was es mit dieser Zahl auf sich hat. Die 21 Prozent stammen aus dem „unbereinigten Bericht“ des Statistischen Bundesamtes von 2014. Die Zahl erfasst allerdings den allgemeine Durchschnittsverdienst von Männern und Frauen. Teilzeit und Vollzeit werden gleich gewichtet. Berufsbedingte Unterschiede im Verdienst wie Ausbildung, Lebensalter, Berufsjahre, Wirtschaftszweig etc. werden überhaupt nicht berücksichtigt.

"Fast drei Viertel des unbereinigten Gender Pay Gap lassen sich auf strukturelle Unterschiede zurückführen (…) Die wichtigsten Gründe für die Differenzen der durchschnittlichen Bruttostundenverdienste waren Unterschiede in den Branchen und Berufen, in denen Frauen und Männer tätig sind, sowie ungleich verteilte Arbeitsplatzanforderungen hinsichtlich Führung und Qualifikation. Darüber hinaus sind Frauen häufiger als Männer teilzeit- oder geringfügig beschäftigt."

Statistisches Bundesamt

Bereinigt bleiben 6 Prozent - Tendenz nach unten

Neben der unbereinigten Fassung dieses Gender Pay Gap gibt es eine bereinigte Fassung. Sie kommt zu dem Ergebnis von 6 Prozent. Die bereinigte Fassung berücksichtigt Faktoren wie Teilzeitarbeit, berufsbedingte Unterschiede, Ausbildung, Alter, Wirtschaftszweig und andere. Zur Einordnung gibt das Statistische Bundesamt zu bedenken:

"Es muss berücksichtigt werden, dass der ermittelte Wert eine Obergrenze ist. Er wäre geringer ausgefallen, wenn weitere Informationen über lohnrelevante Einflussfaktoren für die Analysen zur Verfügung gestanden hätten, wie vor allem Angaben zu Erwerbsunterbrechungen."

Statistisches Bundesamt

Auch die bereinigte Statistik bildet nicht alles ab, sodass der Wert tatsächlich niedriger als 6 Prozent sein dürfte. Es fehlt der gesamte Öffentliche Dienst (öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung). Hier werden Männer und Frauen gleich entlohnt. Im öffentlichen Dienst arbeiten immerhin 10 Prozent der Erwerbstätigen (2014). Weiter muss man wissen: Es wurden nur privatwirtschaftliche Betriebe mit mehr als zehn Mitarbeitern gezählt. Und es bleiben ganze Wirtschaftszweige komplett unberücksichtigt: Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, private Haushalte mit Hauspersonal und exterritoriale Organisationen und Körperschaften.

Die Debatte um den Gender Pay Gap ist alt

Weder die Debatte noch die Fakten sind neu. Im Gegenteil: Seit fast zehn Jahren wird die unbereinigte Zahl immer wieder gerne verwendet. Das hat sicher auch die SPD gewusst. Sie hätte sich für die solidere Zahl von 6 Prozent entscheiden können, hat sie aber nicht.

Warum gibt es zwei Berichte zum Gender Pay Gap?

Der unbereinigte Bericht des Statistischen Bundesamtes beruht auf Vorgaben der EU. Die sind deshalb so, wie sie sind, weil die Zahlen vergleichbar sein sollen. Deshalb werden in diesem Bericht nur Zahlen benutzt, die in allen EU-Staaten erhoben werden können und zwar auf die gleiche Art. Mit dem bereinigten Bericht versucht das Bundesamt wenigstens eine annähernd wirklichkeitsnahe Berechnung für die Bundesrepublik zu erstellen.

Stellungnahme der SPD

"Die SPD thematisiert diese Zahl, weil sie auch die strukturellen Unter­schiede und Ungerechtigkeiten berücksichtigt und sich in dieser Zahl somit das gesamte Ausmaß von geschlechtsspezifischer Lohnungerechtigkeit ausdrückt. Das statistische Bundesamt nennt hierbei beispielsweise ungleich verteilte Anforderungen für Führungspositionen an Männer und Frauen oder die deutlich häufigere gering­fügige oder Teilzeitbeschäftigung von Frauen als strukturelle Ursachen der geringeren Bezahlung von Frauen (s. Statistisches Bundesamt). Im Übrigen liegen die 21% Lohnunterschied auch der Berechnung des Datums des Equal Pay Days durch das Forum Equal Pay Day zu Grunde."

Matthias Voß, SPD-Pressestelle

Die Stellungnahme der SPD, um die wir Anfang der Woche gebeten hatten, erreichte uns erst nach der ersten Veröffentlichung des Artikels.


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