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Schneit es morgen? Warum Wetter-Apps unterschiedliche Vorhersagen machen

Schneit es morgen? Die Antwort kann je nach Wetter-App unterschiedlich ausfallen. Der Grund sind die Daten und die Meteorologen dahinter. Und danach entscheidet sich auch, welche die zuverlässigere Vorhersage ist. Bei der Frage nach dem Schnee etwa ist eine gute Prognose für den gewünschten Ort gar nicht so einfach.

Von: Patrizia Kramliczek

Stand: 29.11.2017

Mann hält Smartphone mit Wetterübersicht in der Hand | Bild: BR/Lisa Hinder

Bis auf einer Smartphone-App die Worte "München: Schauer 4°" oder "Nürnberg: Meist bewölkt 4°" erscheinen, ist es ein komplexer Weg. Denn ein echtes Thermometer, das an diesem Ort abgelesen wird, ist nicht im Spiel. Der Anzeige auf dem Display geht jede Menge Rechenleistung und in unterschiedlichem Grad auch die Arbeit von Meteorologen voraus. Wettervorhersage ist ein "Big Data"-Geschäft. Unterschiede in den Prognosen basieren auf Unterschieden zwischen den verwendeten Rohdaten und ihrer Weiterverarbeitung.

Modellberechnungen für das Wetter von morgen

Vereinfacht dargestellt ist der Ablauf folgender: Messstationen sammeln Angaben zur Atmosphäre, so wie sie zu diesem Zeitpunkt eben ist. Wetterdienste berechnen aus den riesigen Datenmengen mit Hilfe teurer Hochleistungs-Computer und komplexen Rechenformeln den Blick in die Zukunft: Es entstehen sogenannte Wettermodelle, die zum Beispiel Luftdruck, Wind und Temperatur für verschiedene Höhenlagen enthalten. Aus diesen Wettermodellen wiederum können Meteorologen ihre Wetterberichte erstellen, und sie sind auch die Grundlage für den Datenfluss in die digitalen Angebote, sei es völlig automatisiert oder kombiniert mit dem fachlichen Know-How von Meteorologen.

Für die Wettermodelle wird am Computer eine Gitterstruktur über die Landschaft gelegt. Für die Kreuzungspunkte der Linien werden dann die Werte errechnet. Was eine App später als Info ausspuckt, beginnt schon mit der Auswahl des Wettermodells bzw. der Wettermodelle, die auch kombiniert werden können.

Kostenfreies Wettermodell aus den USA

"Viele Wetter-Apps basieren auf dem amerikanischen Modell, bei dem der Abstand der Gitterpunkte relativ groß ist", erklärt der Meteorologe und BR-Wetterexperte Dr. Michael Sachweh, "deswegen ist es relativ ungenau, und deswegen ist es auch kostenlos."

Das Wettermodell des US-Wetterdienstes namens GFS (Global Forecast System) erfasst den gesamten Globus. Das weltweite Raster ist recht weitmaschig und seine Datenpunkte liegen relativ weit auseinander. "Alles, was dazwischen liegt, wird interpoliert", erklärt Sachweh. Das bedeutet: Die Lücken in dem Netz werden über Berechnungen bzw. Algorithmen geschlossen, und weil die Lücken groß sind, wird das Ganze unpräzise.

Schwierig für Meteorologen: die Münchner Schiefe Ebene

Bei einer Region wie Bayern, die ein starkes Relief hat, entstehen mit dem amerikanischen Wettermodell starke Ungenauigkeiten, erklärt Sachweh. Schon bei der Frage: "Schneit es heute?", wird es problematisch. "Sobald wir es mit einer Region mit Bergen und Tälern zu tun haben, ist immer die zweite Frage: In welcher Höhe über dem Meeresspiegel?", erläutert Sachweh. Das gilt auch für die in der Geographensprache genannte "Münchner Schiefe Ebene": So könne sein, dass es in München-Freimann regnet und im 80 Meter höher gelegenen München-Oberhaching schneit.

"Für möglichst genaue Vorhersagen braucht man hier Modelle, die jeden Höhenmeter angeben", so der BR-Meteorologe. Diese Möglichkeit böten hochwertigere, kostenpflichtige Modelle. Denn präzise Wetterhochrechnungen zu erstellen, ist teuer, die Datenerhebung und die Rechenvorgänge sind komplex. Weil Computer und Rechenprozesse immer schneller und besser werden, kann man mittlerweile das Wetter für bis zu sechs Tagen relativ zuverlässig voraussagen.

Wetter-Apps, hinter denen Meteorologen stehen

Die Computerzeitschrift c’t hat in ihrer Ausgabe 9/2017 Android- und iOS-Wetter-Apps getestet. Von den neun untersuchten Produkten waren am genauesten WeatherPro und Wetter.de, die an den Dienstleister MeteoGroup angeschlossen sind, WetterOnline vom gleichnamigen Dienstleister und WarnWetter vom Deutschen Wetterdienst. "Bei WetterOnline", sagt c't-Redakteur André Kramer, "gibt es 80 Meteorologen, die die Wettermodelle bewerten und sehen, welches die höchste Wahrscheinlichkeit hat."

Meteorologen sind wie gute Köche

Matthias Habel, aus der Unternehmenskommunikation bei WetterOnline und selbst Meteorologe, macht die Arbeit der Meteorologen für die App mit folgendem Vergleich anschaulich: "Wenn Sie dieselben Zutaten für zehn verschiedene Köche bereitstellen, werden sie vermutlich zehn unterschiedlich schmackhafte Gerichte erhalten."

Und angewandt aufs Wetter: Meteorologen sind in der Lage, Wettermodelle so ins Verhältnis zu setzen, dass eine möglichst gute Wettervorhersage für die einzelnen Orte herauskommt. "Es gibt viele Apps, die ihre Prognosen immer aus dem gleichen Modell nehmen", sagt Habel, "die Ergebnisse seien häufig nicht so gut wie bei denjenigen, die mehr Aufwand in die Daten stecken." Laut Habel stehen WetterOnline zehn bis 15 Wettermodell-Daten zur Verfügung. Meteorologen analysieren diese und berechnen Prognosen. Bei den großen Datenmengen geschehe auch dies automatisiert. "Das ist die Arbeit von Meteorologen", erklärt Habel, "das in Formeln zu packen, dass solche Prozesse automatisiert sind." Meteorologen könnten oft auch sehr gut programmieren.

Eigenes Netz an Messstationen

Die im c’t-Test ebenfalls sehr gut bewertete WeatherPro-App wird von der MeteoGroup am Standort Berlin entwickelt, die auch die Wetterdaten zu Wetter.de liefert. In Kooperation mit verschiedenen Partnern betreibt das Unternehmen ein eigenes Netz an Messstationen. "Durch das dichte Messnetz erhalten wir nicht nur genauere Beobachtungsdaten über das aktuelle Wetter, die lokale Besonderheiten wie zum Beispiel die Lage am und im Gebirge wesentlich besser abbilden, es ermöglicht uns auch genauere Prognosen", sagt Anne-Kerstin Tschammer, PR-Managerin MeteoGroup. Besonders am Vorhersagesystem der MeteoGroup sei auch, dass es auf einem statistischen Verfahren basiere, "das Vorhersagen mit tatsächlich eingetroffenem Wetter vergleicht und so kontinuierlich verbessert wird", erläutert Tschammer. Über 100 Meteorologen des Unternehmens würden die automatisch generierten Vorhersagen, überwachen, überprüfen und gegebenenfalls korrigieren.

Der c’t-Redakteur André Kramer zieht aus seinem Produkttest den Schluss: "Dass WetterOnline und WeatherPro jeweils auf einen Stab von Meteorologen zurückgreifen und die Wettermodelle kurzfristig bewerten, zahlt sich aus." Rein äußerlich ist es jedoch nicht ersichtlich, ob hinter einer App nur ein kostenlos verfügbares Wettermodell plus Algorithmus stecken oder höherwertige Wettermodelle und Meteorologen, die die Ausspielung immer wieder anpassen.

Vorinstallierte Apps oft ungenau

Generell lasse sich sagen, "dass globale Anbieter wie das GFS aus den USA für unsere Landstriche ungenauere Ergebnisse liefern, und das betrifft auch vorinstallierte Apps", so Kramer. Letzteres deckt sich mit einem Ergebnis der Stiftung Warentest, die bereits 2013 vor allem bei vorinstallierten, kostenlosen Apps unzuverlässige Vorhersagen feststellte.

Wetter beim Bayerischen Rundfunk

Der Bayerische Rundfunk, der zwar keine Wetter-App, aber online unter anderem Ortswetter anbietet, bezieht Wetterdaten über die MeteoGroup. Wie Meteorologe Sachweh erklärt, bezieht die MeteoGroup die Rohdaten beim Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (ECMWF) sowie dem Deutschen Wetterdienst, verknüpft sie und legt sie anschließend auf hochaufgelöste Landkarten. Auf Basis dieses Materials erstellen die BR-Meteorologen die Wetterberichte. In das BR-Ortswetter online laufen die Daten hingegen automatisiert ein. Der BR nutze, so Sachweh, das "europäische Modell mit einer Prise deutschem Modell, damit es noch feinmaschiger ist." Denn je feinmaschiger, umso zutreffender die Vorhersage.


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Kommentare

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websaurier, Donnerstag, 30.November, 17:51 Uhr

2. Ist doch toll...


...wenn es jetzt "APPs" gibt, mit denen man sich das Wetter selbst aussuchen kann ;-)
Ein Menschheitstraum ist wahr geworden !

Bernd Pfeiffer, Donnerstag, 30.November, 10:45 Uhr

1. Schnee!

IN Nürnberg-Wöhrd ist es zumindest nun soweit!

ES SCHNEIT gegenwärtig !!