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#faktenfuchs Wie viele Flüchtlinge sind ohne Schulabschluss?

"Die echten Zahlen: So viele Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss" - diese Überschrift prangt groß auf der Titelseite der "Bild"-Zeitung. Es sind erschreckende Zahlen, die das Blatt nennt. Aber sind sie auch richtig? Gerhard Brack hat nachrecherchiert.

Von: Gerhard Brack

Stand: 23.08.2017

Symbolbild Flüchtlinge erlernen in einer Ausbildungswerkstatt in einem Vorbereitungspraktikum Grundfertigkeiten der Metall- und Elektrotechnik. | Bild: Friedhelm Loh Group/dpa

Die "Bild" berichtet auf Seite drei mit der Überschrift "59 % der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss", bis zu drei Viertel der Arbeitssuchenden hätten "gar keine oder nur geringe Schulbildung". Das habe das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) herausgefunden, als es Zahlen der Bundesagentur für Arbeit nachrechnete. Stimmt nicht, heißt es dazu auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks beim BIBB. Es sei nicht Aufgabe des BIBB, Zahlen der Bundesagentur nachzurechnen, und weiter:

"Die Aussage '59 % der Flüchtlinge haben keinen Schulabschluss' wurde seitens des BIBB nicht getroffen, da sie sachlich nicht richtig ist."

Bundesinstitut für Berufsbildung

Das BIBB rät in seiner schriftlichen Stellungnahme an den BR zur Vorsicht mit der Statistik.

59 Prozent - von was?

Die zugrunde gelegten Zahlen beziehen sich nämlich demnach gar nicht auf alle Flüchtlinge, wie man aufgrund der Überschrift in der "Bild" glauben könnte, sondern lediglich auf diejenigen Flüchtlinge, die noch Arbeit suchen. Das heißt: Alle Flüchtlinge, die schon Arbeit gefunden haben - zum Beispiel weil sie eine gute Ausbildung haben - kommen in der Rechnung mit den genannten 59 Prozent ohne Schulabschluss gar nicht vor.

Keine Angaben = kein Abschluss?

Die ursprünglichen Zahlen sind auch differenzierter. 121.458 Arbeitssuchende machten KEINE Angaben zu ihrer schulischen Vorbildung. Also wurden sie bei den Zahlen in der "Bild" kurzerhand als Flüchtlinge ohne Schulabschluss gerechnet. Doch wenn jemand keine Angaben gemacht hat, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass er keinen Schulabschluss hat. Vielleicht kann er - zum Beispiel - auch einfach nur zu schlecht Deutsch, um Angaben zum Schulabschluss zu machen. Das vermutet die Bundesagentur für Arbeit. Sie hat die Zahlen erhoben. Und ihre Referentin Susanne Eikemeier spricht nicht von 59 Prozent ohne Schulabschluss.

"Wir haben bei 34,3 Prozent der arbeitslosen Geflüchteten die Angabe bekommen, dass sie keinen Schulabschluss haben. 24,7 Prozent gaben an, dass sie dazu nichts sagen können."

Susanne Eikemeier, Bundesagentur für Arbeit

Hinzu komme noch, dass manche Flüchtlinge zwar schon Arbeit suchen, aber trotzdem noch einen Schulabschluss oder eine Ausbildung nachholen wollen.

"Wir wissen aber, dass viele der geflüchteten Menschen aufgrund ihres jungen Lebensalters sehr hoch motiviert sind, Bildungsabschlüsse nachzuholen. Oder sie versuchen sich ihre Bildungsabschlüsse, die sie in ihrem Heimatland gemacht haben, anerkennen zu lassen."

Susanne Eikemeier, Bundesagentur für Arbeit

Auch Menschen mit 35 Jahren könnten durchaus noch eine Ausbildung machen, so Eikemeier. Und schließlich könnten auch Menschen ohne Ausbildung eine Arbeit übernehmen.

"Letztlich wird es so sein, dass es für eine kleine Teilgruppe der Geflüchteten Menschen auch darum gehen wird zu kucken, welche Kompetenzen bringen sie abseits einer Schulausbildung und abseits einer Berufsausbildung mit. Wir sind dran, diese Kompetenzen zu erfassen und für den Arbeitsmarkt nutzbar zu machen."

Susanne Eikemeier, Bundesagentur für Arbeit

Für manchen Arbeitsplatz in der Gastronomie zum Beispiel ist ein Schulabschluss nicht unbedingt nötig. Nicht zuletzt haben aber auf dem Arbeitsmarkt diejenigen die besten Chancen, die eine gute Ausbildung mitbringen oder nachholen. Das will die Agentur für Arbeit auch allen Geflüchteten nahelegen, die noch keinen Schulabschluss haben.

BR24 arbeitet mit dem Startup #factfox zusammen. Unsere Social-Media-Redakteure nutzen den digitalen Helfer, um immer wiederkehrende Behauptungen und Fragen auf ihren Wahrheitsgehalt zu checken. Die besten Geschichten veröffentlichen wir.

Öffentlich-rechtliche Projekte gegen Fake-News

Auch verschiedene weitere öffentlich-rechtliche Angebote versuchen, in Sachen Fake-News aufzuklären, so zum Beispiel das crossmediale ZDF-Faktencheck-Projekt #ZDFcheck17, der Tagesschau-Faktenfinder der ARD oder die neu geschaffene Einheit "Social Listening und Verifikation" und das #Faktenfuchs-Portal des Bayerischen Rundfunks.


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Hannah, Donnerstag, 24.August, 16:47 Uhr

45. Wieso wird der Deutsche dermaßen für dumm gehalten?.

Alles was der Staat ausgibt für diesen Flüchtlingszuzug wird von uns Deutschen erarbeitet. Die Flüchtlinge werden auf Jahre hinaus keinen Mehrwert erarbeiten sondern es entstehen erst mal nur Kosten bevor sie in den Arbeitsmarkt integriert werden können, es werden bis zu 11 Jahre vergehen,dann müssen sie auch noch einen festen Job finden. Bis zur Rente und nach dieser werden die meisten immer auf Zuschüsse vom Staat angewiesen sein. Und es werden jedes Jahr immer mehr neue Flüchtlinge zu uns kommen. Vor allen werden viele Nachkommen gezeugt und aus einer Million Menschen werden bis zu 5-6Millionen. Das ganze wird ein Ausmaß annehmen, das keiner mehr überblicken kann.
Der Satz dass Menschen die in der Gastronomie arbeiten keinen Schulabschluss brauchen ist schrecklich. Für alles mussten die Deutschen einen Abschluss machen und Zeugnisse vorlegen. Der Niedriglohnsektor wird wieder einen neuen Boom erleben.

  • Antwort von Therese , Donnerstag, 24.August, 20:44 Uhr

    Aus der Wirtschaftslokomotive Deutschland wird eine rostige Dampfwalze mit Neuverschuldung, Armut, Obdachlosigkeit, Kleinkriminalität und ab und zu einem blutigen Terroranschlag. Dann müssen sich Griechenland und Ukraine selbst retten, bei uns gibt es nichts zu holen.

  • Antwort von Marion, Donnerstag, 24.August, 21:02 Uhr

    Von den Krankenkassen werden es nur die privaten Krankenkassen überleben. Kommt Harz 5 = Suppenküchen von der Heilsarmee?

Leni, Donnerstag, 24.August, 11:44 Uhr

44.

Alles Statistik und Lobbyarbeit: jeder redet das schön, was er gerne hätte und wessen Interessen er vertritt.
Dass Flüchtlingspolitik den Steuerzahler SEHR VIEL Geld kostet, dürfte eigentlich jedem klar sein.
Wir zahlen das alles erst mal und spätere Generationen werden dann sehen, ob und welche Früchte sich daraus ziehen lassen.
Mich stört nur, dass ich die Kosten für meine Weiterbildung selber zu tragen habe und das übersteigt ein Vielfaches dessen, was ich verdiene.

Kylling, Donnerstag, 24.August, 11:16 Uhr

43. Die Zahlen der BA sind auch nicht viel überzeugender

34,3% mit der Angabe "ohne Schulabschluss" und 24,7% "ohne Angabe".
Schon 34,3% halte ich für ein äußerst schweres Päckchen. Es steht außerdem nicht zu vermuten, dass bei den 24,7% "ohne Angabe" am Ende ein abgeschlossenes Hochschulstudium steht.
Die (etwas vereinfachende) Formel der Bild mit 59% scheint mir da doch näher an der Realität.

Es ärgert mich auch nicht der Umstand an sich, sondern die schamlose Lüge, dass diese Menschen für Wirtschaft und Rentenkasse geradezu gebraucht würden und außerdem auch noch viel gesünder seien. Nein, werden sie nicht. Wenn sie echte Fluchtgründe haben, haben sie Anspruch auf Schutz und mE auch auf Bildung. Aber dass das ganze hier ein Segen und kostenneutral abgehen wird, ist einfach gelogen. Und das wusste man vorher. Woher sollen Menschen aus einem Drittweltland, noch dazu im Krieg eine flächendeckend (!) adäquate Bildung analog einer Industrienation erwerben? Völlig hanebüchen.

  • Antwort von Angelo, Donnerstag, 24.August, 17:49 Uhr

    Es kann nicht sein, dass es kosten wird. Die blühenden Landschaften waren auch umsonst.

Josephine , Donnerstag, 24.August, 07:05 Uhr

42. Wir lieben

Migranten!

Heimaturlaub, Mittwoch, 23.August, 18:06 Uhr

41. Toll wäre eine Kommentarfunktion zum Faktenfuchs Heimaturlaub

Ich würde gerne einige Mängel in diesem Bericht ansprechen.
Vielen Dank