36

Grenze Österreich-Italien Fake-Video vom Brenner macht die Runde

Erst sollen Busse mit afrikanischen Flüchtlingen heimlich über die Grenze nach Österreich rollen. Nun verbreitet sich ein Video über WhatsApp, in dem angebliche Flüchtlingsmassen über den Brenner marschieren. Doch zu sehen ist etwas ganz anderes.

Von: Jenny Stern (BR-Verifikation)

Stand: 02.08.2017

Fahrspuren und LKW | Bild: dpa pa ZEITUNGSFOTO.AT

Während viele Bayern momentan in den Sommerurlaub gen Süden über den Brenner fahren, wird der Grenzpass zwischen Italien und Österreich gleichzeitig zum Schauplatz für Hetze und falsche Gerüchte gegen Geflüchtete. Im Netz ist die Empörung groß über ein Video, das ein Mann aus einem fahrenden Auto aufgenommen hat und vermeintlich vom Brenner stammt.

Mehrere Gruppen dunkelhäutiger Menschen laufen die Straße entlang, sie singen und klatschen und werden von Männern in orangefarbenen Warnwesten begleitet. Von einem "Flüchtlingsstrom", gar einer "Invasion" ist in den Kommentaren zu der Aufnahme die Rede. Ein Nutzer auf Facebook fordert, endlich die Grenzen dicht zu machen, "alle Flüchtlinge sofort abschieben" ein anderer.

Über 40.000 Klicks für Fake-Video

Das Video wurde in den vergangenen Tagen vielfach im Netz herumgereicht, teils öffentlich auf Facebook oder Twitter, teils in privaten Chatgruppen. Ein entsprechendes Video mit dem Titel "Flüchtlingsstrom geht fröhlich weiter!!! Aktuelle Bilder vom Brenner!!!" wurde auf Youtube seit vergangener Woche über 40.000 Mal abgerufen. Und die Zahl steigt fortwährend an.

Auch eine BR-Journalistin hat die Aufnahme über WhatsApp erreicht, sie soll angeblich vom 25. Juli 2017 stammen. Der gesendete Text dazu: "Das geht schon seit Tagen so und medial wird natürlich alles verschwiegen…". Ein Facebook-Nutzer will hingegen wissen, dass die Szene bereits einen Tag zuvor, am 24. Juli, gefilmt wurde.

Es ist ein Beispiel unter vielen, das beweist, wie problematisch es ist, wenn Nutzer sozialer Medien ungeprüft Inhalte weiterleiten und somit verbreiten: Denn das Video ist weder am Brenner entstanden, noch zeigt es flüchtende Menschen, noch ist es aktuell. Einen ersten Hinweis dazu liefert bereits der Autofahrer und Urheber der Aufnahme selbst: Zu Beginn des Films sagt der Mann mit schweizerdeutschem Akzent, dass er sich in Brügg befinde. Brügg ist eine Gemeinde bei Bern in der Schweiz, die über 400 Kilometer vom Brenner entfernt liegt. Und auch, dass der angebliche Gebirgspass von keinen Bergen umgeben ist, könnte den User zumindest stutzig machen.

Abgleich markanter Punkte mit Google Maps

Die Internetseite Mimikama, die sich mit Fakes im Internet beschäftigt, hat den genauen Straßennamen in Brügg ausgemacht. Dafür hat sich der Autor des Artikels markante Stellen aus der Kamerafahrt herausgegriffen - in dem Fall eine Filiale eines Autoherstellers und eine Apotheke - und mit Aufnahmen aus Google Maps abgeglichen. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass der Autofahrer durch die Bielstrasse in Brügg gefahren sein muss.

Österreichische Medien berichten mit Verweis auf die Polizei ergänzend, dass es sich bei den angeblichen Flüchtlingen um in der Schweiz lebende Christen aus dem ostafrikanischen Eritrea handele, die sich einmal im Jahr zu einem Wochenende mit Gottesdienst in dem Ort treffen. In diesem Jahr sei das der 1. und 2. Juli gewesen. Die ersten Aufnahmen der Straßenszene tauchen im Internet tatsächlich bereits Anfang Juli auf - damals noch mit korrekter Ortsbeschreibung - und nicht erst am 24. oder 25., wie in den jeweiligen Texten zum Video beschrieben.

Falschmeldungen über Busse nach Österreich

Falschmeldungen über Geflüchtete, die von Italien in Richtung Norden strömen, kursieren seit Wochen zuhauf im Netz. Erst vergangene Woche machte das Gerücht die Runde, Dutzende Busse mit afrikanischen Geflüchteten würden jede Nacht über den Brenner rollen. Der Fake verbreitete sich so stark, dass das österreichische Innenministerium auf Twitter dementieren und dazu aufrufen musste, die falschen Behauptungen nicht weiter zu teilen.

Österreichs Drohung

Der Brennerpass war Anfang Juli in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung gerückt, als der österreichische Verteidigungsminister Hans Peter Doskozil aus Angst vor einem Flüchtlingsstrom mit Grenzkontrollen am Brenner gedroht hatte. Das Nachbarland Italien hatte daraufhin den österreichischen Botschafter einbestellt.

Wie das ARD-Studio Wien dem Bayerischen Rundfunk berichtet, habe es nach Angaben der österreichischen Behörden bisher jedoch keinen Anstieg von Migranten gegeben, die nach Österreich eingereist sind. Pro Tag würden konstant etwa 15 bis 25 Menschen beim illegalen Grenzübertritt an der österreichischen Landesgrenze aufgegriffen.


36