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Pro und Contra Neue Diskussion um Helmpflicht

Der Unfall-Tod eines 55 Jahre alten Fahrradfahrers in Berlin hat die Debatte über die Sicherheit von Radfahrern im Straßenverkehr neu entfacht. Wieder fordern viele, Fahrrad-Helme zur Pflicht zu machen. Die Helmpflicht ist allerdings umstritten.

Von: Ulrich Trebbin

Stand: 18.06.2017

Wie sinnvoll ist eine Helmpflicht für Radler? | Bild: pa/dpa/Ralf Hirschberger

Etwa 400 Radfahrer sterben jedes Jahr in Deutschland bei Verkehrsunfällen. Wer einen Helm trägt, hat weniger Risiko, sich am Kopf zu verletzen. Eine Studie der Landesregierung von Baden-Württemberg sagt zum Beispiel, dass sich bis zu 80 Prozent der Kopfverletzungen bei schwer verletzten Radfahrern durch das Tragen eines Helmes vermeiden ließen. Und je schwerer die Verletzung, desto größer sei auch der Schutzeffekt des Helmes.

Laut einer Studie der Universität Münster aus dem Jahr 2014 kann sich ein Radler mit Helm aber nicht in Sicherheit wiegen: Denn nur jeder zweite an einer Kopfverletzung gestorbene Radfahrer hätte mit Helm überlebt. Und ebenfalls nur jeder zweite Radfahrer mit einer schweren Kopfverletzung hätte mit Helm leichtere Verletzungen gehabt.

Menschen würden weniger radeln

Eine Helmpflicht würde jedoch viele Menschen vom Fahrradfahren abhalten, da sind sich viele Forscher einig. Denn den meisten Radlern ist der Helm bisher zu unbequem oder zu unpraktisch, weil man darunter schwitzt, sich die Frisur ruiniert und nach dem Absteigen den Helm irgendwo verstauen muss. Drohende Bußgelder würden das Radfahren zusätzlich unpopulärer machen.

Wenn aufgrund von Helmzwang weniger Menschen radeln würden, könnte das die Sicherheit der verbleibenden Fahrradfahrer zudem gefährden. Denn je mehr Radler unterwegs sind, desto mehr sind Autofahrer an sie gewöhnt und achten auf sie. Schließlich sind unaufmerksame Autofahrer das größte Risiko für Radfahrer.

Helm kann sogar ein Risiko sein

Wenn Radler sich mit einem Helm sicherer fühlen, könnten sie sich zu einem riskanteren Fahrverhalten verleiten lassen, was wieder mehr Unfälle und schwerere Verletzungen mit sich brächte. Auch Autofahrer würden möglicherweise mehr Risiken in Kauf nehmen und behelmte Radler mit geringerem Abstand überholen oder dichter auffahren.

Studie: Helmpflicht brächte der Gesellschaft mehr Schaden

Wenn alle Radfahrer einen Helm tragen würden, dann könnte das nach der Studie aus Münster zwar jedes Jahr Gesundheitskosten von 570 Millionen Euro sparen. Allerdings würden bei einer Helmpflicht viele Menschen das Radfahren aufgeben und stattdessen Auto fahren oder den ÖPNV nutzen. Das hätte dann auch gesundheitliche Nachteile und wirtschaftliche Schäden zur Folge.

Denn zum einen fiele der gesundheitliche Nutzen des Radelns weg, was wiederum die Gesundheitskosten steigern würde, zum anderen würden die Abgase die Umweltkosten belasten - und natürlich auch die Gesundheit der Bürger. Wenn man dann noch mit einrechnet, dass die Radler im Falle einer Helmpflicht Millionen Euro für neue Helme ausgeben müssten, würde der Zwang zum Helm wirtschaftlich sogar mehr kosten als nutzen, so die Studie.

Geringes Unfallrisiko für Radler

Grundsätzlich ist das Risiko für Radfahrer gering, in einen Unfall verwickelt zu werden. Auf eine Million Personenkilometer gibt es nur 2,3 Radunfälle und 1,25 getötete Radfahrer. 15 Prozent aller Radler tragen ohnehin schon einen Helm.

Mehr Gegner als Befürworter

Zu den Gegnern einer Helmpflicht gehört seit Jahren der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC). Denn auch der Club befürchtet, dass eine Helmpflicht die Menschen vom Radfahren abhalten könnte. Das habe die Einführung der Pflicht in anderen Ländern gezeigt.

Der ADFC schlägt stattdessen vor, dass Lastwagen etwa mit Assistenzsystemen ausgestattet werden, die vor Radfahrern im toten Winkel warnen. Auch könnten baulich abgetrennte Radspuren die Sicherheit erhöhen. Dennoch empfiehlt der ADFC Kindern und Senioren ausdrücklich, einen Helm zu tragen. Alle anderen sollten das aber selbst entscheiden.

Auch der ADAC ist grundsätzlich für den Fahrradhelm. Eine Helmpflicht sieht der ADAC allerdings ebenfalls skeptisch, weil verunglückte Radler ohne Helm dann nicht mehr versichert wären. Auch die Berliner Polizei rät von einer Einfführung der Helmpflicht ab. Denn sie sei schwer kontrollierbar.

Neuseeland hat Helmquote erhöht

Die Studie aus Baden-Württemberg befasste sich auch mit Auswirkungen der Helmpflicht in anderen Ländern. Als Beispiel für eine erfolgreiche Einführung nennt die Studie Neuseeland: Dort sei die Quote der Helmträger durch die Pflicht auf 90 Prozent gestiegen. Das liege daran, dass das Land die Pflicht mit strengen Kontrollen und Strafen durchgesetzt hat.


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heinz Huber, Dienstag, 20.Juni, 01:39 Uhr

8. Helmpflicht für Radfahrer

Die Mehrzahl aller Abbiegeunfälle mit dem Fahrrad - und das sind meist die schwersten - liesen sich - ob mit oder ohne Helm - vermeiden, wenn die Gerichte endlich das Prinzip der Gefährdungshaftung aufgeben bzw. umkehren würden. Um einen Satttelzug, d.h. ca. 80 m² dunkle Fäche zu übersehen, muß man stockblind sein. Der Radfahrer, der sich trotzdem rechts daran vorbeischlängelt, kann also nur in selbstmörderischer Absicht handeln und gefährdet somit die seelische Gesundheit des LKW-Fahrers, der ihn gar nicht sehen kann, trotz einer Unzahl an Spiegeln.
Wenn irgendwas passiert, ist in D immer der Auto- oder LKW-Fahrer schuld, allein schon wegen der Gefährdungshaftung. Würde als Rechtsgrundsatz gelten, wer so blöd ist, sich in erkennbare Gefahr zu begeben, muß das Risiko eben selber tragen, auch wenn er dabei ins Gras beist.
Italienische Kollegen wundern sich regelmäßig über die Rückfahrkamera an meinem LKW, dort ist anscheinend niemand so doof, noch an einem rückwärtsfahrendem LKW ...

Unverständnis, Montag, 19.Juni, 12:33 Uhr

7.

Warum soll eine Helmpflicht oder eine Kennzeichnungspflicht vom Radfahren abhalten ? Nur weil sich die Fahrer nicht an die Verkehrsregeln halten, da sie keine Strafe zu befürchten haben?

Genauso die Aussage das die Registrierung bei 70 Mio. Fahrrädern kein Nutzen zum Aufwand hätte. Aber für alles andre braucht man Genehmigungen und Nachweise wie z.B. Angelschein, Bootsschein, Surfschein, Hundeführschein u.s.w.

Aber die PKW´s mit den unnützen Umweltplaketten bestücken. Das hat sich bestimmt rechnen lassen bei den getürkten Abgaswerten.

Christoph, Montag, 19.Juni, 01:03 Uhr

6. SUV Verbot?

Der in Berlin getötete Fahradfahrer wurde von einer plötzlich aufgerissenen Fahrertür eines großen SUV getötet der auch noch verbotener Weise auf dem Fahrradstreifen stand. Bei einer Tür eines VW Golf, die ist niediger, hätte er vielleicht überlebt. Also erstmal SUVs verbieten und dann über Helmpflicht nachdenken?

Florian Staron, Sonntag, 18.Juni, 23:06 Uhr

5. Helm?

Ich fahre im Jahr ca. 2500 km mit dem Fahrrad. Und dazu fahr ich seit 42 Jahren unfallfrei ohne Helm. Ich achte ganz besonders auf Autos, LKW und Elekrobiker weil ich denen unterlegen bin. Einen Helm würde ich nicht tragen, dann fahr ich halt kein Fahrrad mehr. Ich will nicht noch mehr schwitzen und im Winter wäre es mit Helm einfach zu kalt, da brauch ich meine zwei Mützen. Ich dachte immer, ich trage zur Entlastung der Umwelt bei, wenn ich Rad fahre, kommt die Helmpflicht, kann ich wohl weniger zur Entlastung der Umwelt beitragen. Das wäre schade.

Selim, Sonntag, 18.Juni, 20:50 Uhr

4. Auch der ADAC ist grundsätzlich für den Fahrradhelm.

Wenn der ADAC sich um die Fahrradfahrer sorgt, sollte er darauf drängen, dass die Autos nicht nur für die, die drin sitzen möglichst Idiotensicher sind, sondern auch für diejenigen, die unter diesen tonnenschweren Fahrzeugen leiden und von ihnen gefährdet werden.
Und die großte Gefahr für Radfahrer sind Autos.
Totgefahrene Radfahrer im Kreisverkehr der verkehrsberuhigten Zonen! Das stinkt doch zum Himmel!
...
Der ADAC sollte sich hier, beim Thema Radfahrer, ganz klein machen, anstatt "Fordern" - das ist die Höhe!
Wenn in Zukunft noch mehr verantwortungslose Autofahrer in Rakenen von Autos auf andere Verkehrsteilnehmer losgelassen werden sollten, müssen wir dann alle mit Ganzkörperschutz durch die Gegend laufen? Da wird das Pferd vom falschen Ende her aufgezäumt!