15

Esoterik-Trend Das Geschäft mit Aura-Sprays und Engelskarten

Heilen im heimischen Wohnzimmer ist längst gesellschaftsfähig geworden. Und es ist kein skurriles Randphänomen mehr. Immer mehr Menschen geraten in esoterische Kreise. Dahinter steckt ein Milliardenmarkt.

Von: Christine Memminger und Mira-Sophie Potten

Stand: 14.06.2017

Eine Wahrsagerin hält Wahrsagekarten in ihrern Händen. | Bild: picture-alliance/dpa/Sebastian Kahner

Sylvia A. war jahrelang Mitglied einer esoterischen Gruppe. Die 52-Jährige aus Rosenheim ist über eine Zeitungsannonce auf die in Oberbayern angesiedelte Gemeinschaft aufmerksam geworden.

"Ich wollte mit den Engeln sprechen oder dass jemand für mich mit den Engeln spricht, das hat mich berührt und damals angesprochen."

Aussteigerin Sylvia A.

Sylvia A. saß in der ersten Reihe bei Esoterik-Kongressen, gab Geld für Weiterbildungen innerhalb der Gruppe und teure Engelsessenzen aus. "Ich kann nur sagen, dass ich wahnsinnig viel Geld dagelassen habe. Das ist eine Gelddruckmaschine“, sagt sie heute. Trotzdem kann sie immer noch nachvollziehen, dass Menschen sich von der Esoterik und dort angesiedelten Gemeinschaften abgeholt und aufgefangen fühlen. Irgendwann drehte sich allerdings ihr komplettes Leben nur noch um geistige Energien, Engel und Channelings. Ihre drei Kinder nahm sie mit in die Gruppe, ihr Partner weigerte sich. Die Beziehung zerbrach schließlich daran.

Die Suche nach Heilung

Der Sektenausstiegsberater der Evangelischen Kirche Dr. Matthias Pöhlmann lernte Sylvia A. vor dreieinhalb Jahren kennen. Er berät Menschen, die zu tief in den Strudel der Esoterik oder in eine Sekte geraten sind. Täglich bekommt er alleine vier bis fünf Anfragen aus dem Bereich Esoterik.

Besonders gefragt sind seiner Meinung nach Heilungsangebote. Viele Menschen trauen der Schulmedizin nicht mehr und suchen nach alternativen Wegen.

"Die esoterischen Anbieter verfahren mittlerweile so, dass sie sich von Haftungsansprüchen, die ihnen möglicherweise entgegen gebracht werden, entbinden lassen. Das heißt: Der einzelne Nutzer trägt das Risiko. Wenn ihm gesagt wird, dass die fachärztliche Hilfe nicht hilfreich ist und man sich ganz auf den alternativen Weg einlassen soll, dann wird es lebensgefährlich."

Dr. Matthias Pöhlmann, Ansprechpartner für Sekten- und Weltanschauungsfragen, Evangelische Kirche

In den letzten Jahren kam es immer wieder zu Todesfällen in Verbindung mit sogenannten "Wunderheilern“. Dass Anhänger der Esoterik immer krank oder wirr sind, ist allerdings ein längst überholtes Vorurteil, sagt Pöhlmann. Vielmehr seien die Kunden häufig kreative Leute aus der höheren Bildungsschicht. "Sie müssen sich die Angebote ja überhaupt finanziell leisten können“, betont der Ausstiegsberater. Häufig stecke dahinter der Wunsch nach einem höheren Sinn oder einer Gemeinschaft.

Umsätze in Milliardenhöhe

Pro Jahr erwirtschaftet die Esoterikbranche einen Umsatz im zweistelligen Milliardenbereich, schätzen Experten. Durchschnittlich findet einmal pro Woche irgendwo in Deutschland eine Esoterikmesse statt. Das meiste Geld wird jedoch über das Internet gemacht.

Johannes Fischler beschreibt den Markt in seinem Buch “New Cage: Esoterik 2.0. Wie sie die Köpfe leert und die Kassen füllt”.

"Die Deutsche Brauwirtschaft macht aktuell acht Milliarden Euro Umsatz pro Jahr, die Esoterik liegt bei 20 bis 25 Milliarden. Die Trendforscher sprechen 2025 sogar von 30 Milliarden Euro."

Johannes Fischler, Buchautor

Engelskarten legen | Bild: picture-alliance/Christian Ohde / CHROMORANGE

Wie viele Menschen in der Branche ihr Geld verdienen ist schwer zu sagen, da es sich nicht um Ausbildungsberufe handelt. Große Player gibt es in Deutschland kaum, viele kleine Anbieter tummeln sich auf dem Markt. Über das Internet und über Mundpropaganda finden sie ihre Anhänger. Oft werden Konsumenten nach einiger Zeit selbst zu Anbietern: Sie besuchen privat organisierte, oft teure Seminare und nennen sich danach selbst “Engelsmedium”, “Auraseher” oder “Heiler”.

Der schwere Weg zurück

Sylvia A. hatte irgendwann genug. Obwohl ihr die Esoterikgruppe ein Gefühl der Geborgenheit bot, merkte sie, dass ihre Wünsche und die der anderen Anhänger der Gruppe eigentlich nie in Erfüllung gingen. Ein privates Gespräch mit einer Freundin gab ihr dann den entscheidenden Anstoß. Nach mehreren Konsultationen mit dem Ausstiegsberater Dr. Pöhlmann gelang es Sylvia A., sich aus der Gruppe zu lösen.

Der Ausstieg fiel ihr nicht immer leicht, schließlich hatte die Esoterik neun Jahre lang ihr Leben bestimmt. „Es gab auch traurige Momente, als ich nicht mehr in der Gemeinschaft der Menschen war“, sagt sie. Als Sylvia A. kurz darauf ihren Ex-Partner wiedersah, merkte sie allerdings, dass diese Bindung noch nicht ganz gelöst war. Sie gaben der Beziehung eine neue Chance und sind bis heute zusammen glücklich: "Wir haben die Erlaubnis glücklich zu sein, die haben wir uns selbst gegeben."


15

Kommentare

Inhalt kommentieren

Bitte geben Sie höchstens 1000 Zeichen ein.

Spamschutz * Bitte geben Sie das Ergebnis der folgenden Aufgabe als Zahl ein:

Erich , Mittwoch, 14.Juni, 14:51 Uhr

9. Mich wundert nix mehr!

Dieses Land ist krank.

Barbara, Mittwoch, 14.Juni, 14:29 Uhr

8. Heute am 14. Juni hat Donald Trump Geburtstag!

Wenn es angeblich so viele "Kartenleger" gibt, dann sollte doch mal jemand dessen "Karten" offenlegen!

  • Antwort von Astro-Fee, Mittwoch, 14.Juni, 15:17 Uhr

    Donald Trump wurde im Sternzeichen "Zwilling" geboren. Zwillinge gelten als kontaktfreudig und als kommunikativ. Ihr Element ist die Luft. Luftzeichen sind beweglicher als z.B. Erdzeichen. Sie probieren gerne etwas Neues aus.
    Die Tatsache, das Donald Trump so kurz vor der Sommersonnenwende geboren wurde, lässt darauf schließen, dass er ein kraftvoller, dynamischer Mensch ist, der sich gerne mit Extremen beschäftigt. Schließlich wird bald nach seinem Geburtstag der LÄNGSTE Tag und die kürzeste Nacht gefeiert werden. Wegen seines Geburtstags, den er vermutlich schon oft draußen im Freien feiern konnte (Gartenparty), wird Donald Trump dem Diesseits zugewandt sein, gerne feiern und alles bewundern, das stark und kraftvoll ist.

Barbara, Mittwoch, 14.Juni, 14:07 Uhr

7. Wo kein Glaube, da ist der Aber-Glaube! (altes Sprichwort)

Mystik hat mit Esoterik nichts zu tun! Wer wissen will, was Mystik ist, der braucht nur "die Seelenburg" von Teresa von Avila lesen!

Elfriede, Mittwoch, 14.Juni, 13:26 Uhr

6. Engelskarten statt Prostitution

Nachdem sogar Prostitution ein anerkanntes Gewerbe ist, wird man ja wohl noch Engelskarten zeichnen und verkaufen dürfen. Oder etwa nicht???

  • Antwort von Barbara, Mittwoch, 14.Juni, 14:14 Uhr

    Prostitution und Hurerei ist eine öffentliche Schande und Sünde! Es gab Zeiten, da gab es keine einzige Hure im Lande. Das war unter der Regierung von Kaiser Heinrich, der mit Kunigunde verheiratet war und der wegen seines vorbildlichen Lebens im Dom zu Bamberg begraben ist.

Hildegard, Mittwoch, 14.Juni, 13:06 Uhr

5. Esoterik wurde früher Mystik genannt.

Das, was heute allgemein als "Esoterik" bezeichnet wird, wird in der christlichen Tradition "Mystik" genannt. Hierbei handelt sich um die individuelle Gottsuche, um das individuelle Erwachen und um die individuelle Gotteserfahrung. Mystische Erlebnisse können nicht auf andere Menschen übertragen werden. Man kann nur von ihnen erzählen...
Ein berühmter Mystiker war z.B. Jakob Böhme.