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Neue Rechte Im Netz der Verschwörer

Sie sind Putins Klickkolonne, basteln ihre eigene Lügenpresse und ein doppeltes Feindbild: den liberalen Westen und den Islam. Neurechte Verschwörungstheoretiker haben Konjunktur und schaffen dank des Internet bizarre Scheinwelten. Mitten im Netz zieht ausgerechnet ein Altlinker die Strippen: Jürgen Elsässer, für den NSU-Morde immer noch "Döner-Morde" sind.

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 24.01.2016 | Archiv

Jürgen Elsässer, Herausgeber des Magazins Compact, spricht am 23.11.13 in Schkeuditz (Sachsen) auf der Compact-Konferenz | Bild: picture-alliance/dpa, Sebastian Willnow

Elsässer ist eine skurrile Figur: In der Sekte "Kommunistischer Bund" sozialisiert, mutierte er Anfang der 1990er zum "Antideutschen": Mit der Wiedervereinigung sah er ein "Viertes Reich" heraufziehen. Während der große Rest der extremen Linken Israel und die USA zu Prototypen des Imperialismus stilisierte, waren sie für Elsässer Schutzmächte gegen "deutschen Größenwahn". Zehn Jahre später die 180-Grad-Wende. Elsässer wechselt die Polit-Paranoia und zieht den Hitler-Bush-Vergleich: Der eine habe den II. Weltkrieg gebraucht, der andere den Irakkrieg, um von internen Problemen abzulenken, schrieb er im antideutschen Szeneblatt "konkret", das im Falle des Israel-Feindes Saddam eigentlich wie Bush den Casus Belli ausgerufen hatte.

Dunkle Mächte

Antideutsche - ideologische Paranoia selbst für Linksextremisten

Den Affront überlebte "konkret"-Redakteur Elsässer nicht. Dafür empfing das der Linkspartei nahestehende "Neue Deutschland" den Wendehals mit offenen Armen und ließ ihn erste verschwörerische Duftmarken setzen: Der NATO-Angriff auf Jugoslawien, die Anerkennung des Kosovo – alles ein Werk dunkler Mächte (sprich: des von US-Geheimdiensten ferngesteuerten Westens). In mildes Licht tauchte er dabei wahrhaft sinistre Gestalten wie Milosevic, später Assad oder die iranischen Mullahs. Das Massaker von Srebrenica: War da was? Ach ja: Nicht nur die Serben sind’s bei Elsässer gewesen, sondern auch die Muslime selbst. Aber auch die Zeit beim "Neuen Deutschland" währte nur kurz. Als die Chefs merkten, dass Elsässer nach rechtsaußen schielte, war 2009 Schluss mit Kolumne.

Eine Querfront für Putin

Was war geschehen? Elsässers Hass auf Amerika witterte hinter den europäischen Finanzkrisen einen transatlantischen Großangriff. Seine "Volksinitiative gegen das Finanzkapital" propagierte die "Nationalisierung" des Geldwesens, eine Forderung, die sowohl dem damaligen Linken-Chef Oskar Lafontaine und dessen Frau Sahra Wagenknecht die Stichworte gab, als auch den Beifall der NPD provozierte. Um Elsässers Initiative begann sich die Neue Rechte zu sammeln – und die Idee einer links-rechts-extremistischen Querfront war geboren. Elsässers politische Synapsen docken seitdem überall dort beruhigend an, wo westliche Werte Ängste auslösen. Kompatibel für beide Lager: Putins aggressive Außenpolitik, die eine liberale Gefahr aus Europa und eine islami(sti)sche Gefahr aus Asien gleichermaßen ins Visier nimmt.

Zentralorgan für Verschwörungstheorien

Jürgen Elsässer als Agitator der Leipziger "Legida"

Was liegt nach zwei Rauswürfen aus (linken) Zeitungen näher als selbst ein (rechtes) Magazin zu gründen? "Compact" heißt Elsässers monatliches Hochglanzprodukt, das sich nach eigenen Angaben einer Auflage von immerhin 80.000 Exemplaren erfreut. Die Kundschaft um AfD und Pegida – mit Elsässer eng vernetzt – macht es möglich. Die selbsternannte "Stimme des Volkswiderstands" ist in Wahrheit das Zentralorgan für Verschwörungstheorien – und momentane Speerspitze perfider Agitation gegen die Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Hinter die angeblich geheimen Machenschaften von "Parteiendiktatur" und "Lügenpresse" blicken die üblichen Verdächtigen: von Thilo Sarrazin über Albrecht Schachtschneider bis hin zum Geheimdienst-Experten Helmut Roewer, der einst als Chef des thüringischen Verfassungsschutzes bei der Beobachtung des NSU eine unrühmliche Rolle spielte.

Feindbilder für den Bürger

Symbolbild: Der Schriftzug "NSU" vor der Deckenkonstruktion des Prozesssaales | Bild: BR, picture-allliance/dpa, Montage: BR zur Übersicht Der NSU-Prozess Die Anklage. Die Opfer. Der rechte Terror.

Der Prozess wird Geschichte schreiben. Wir schreiben mit, was in "Saal 101" passiert. Der NSU-Prozess im Originalton Radio, im Video, im Tagebuch der BR-Gerichtsreporter: [mehr]

Apropos NSU: Beate Zschäpe sitzt – folgt man den Ausführungen in „Compact“ – möglicherweise zu Unrecht auf der Anklagebank. Denn es gebe ein starkes Interesse, die wahren Umstände der Morde, hinter denen gar nicht der NSU sondern wahlweise Geheimagenten oder türkische Killer stecken könnten, zu verschleiern. In Zeiten, in denen sich Extremismus vor allem als Kampf um vermeintlich rechte Werte äußert, haben Leute wie Elsässer leichtes Spiel: Aus Halbwahrheiten, Ungereimtheiten und unbewiesenen Behauptungen stricken sie ein Feindbild, das den Ängsten der Menschen eine passgenaue Projektionsfläche bietet. "


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Argumentator, Samstag, 30.Januar, 01:50 Uhr

28. Eine Frage der Argumentation

Verschwörungstheoretiker verunglimpfen? Und was machen die Lügenpresseschreier? - Richtig. Es gehen ihnen die Argumente aus.
Im Falle wie oben im Artikel gibt es aber eine Reihe von sachlichen, nachvollziehbaren Fakten, die manch einer zwar nicht hören und lesen mag, die aber nicht unter den Begriff Verschwörungstheorie fallen. Damit war die Manipulierbarkeit des Westens durch dunkle Mächte angesprochen. Darüber hinaus ist es bequemer für die eigene Argumentation den Begriff Verschwörungstheorie heranzuziehen, wenn Wahrheiten verdrängt oder geleugnet werden sollen.
NSU ist Fakt und keine Theorie.

  • Antwort von Andre, Sonntag, 31.Januar, 11:15 Uhr

    @Argumentator: M.M.nach, waren die polit. Auseinandersetzungen noch menschlicher,fairer als es noch nicht diesen Begriff "Verschwörungstheorie" gab..Das zum einen.
    Und wg. "Lügenpresseschreier": Viele leitende Journalisten in den bsps.weise in den ö.-r. Medien räumen ein, dass sie ihre Karriere ihrer Mitgliedschaft in Netzwerken wie Atlantikbrücke e.V. oder INSM e.V. zu verdanken haben. Berichten diese dann zweifelsfrei objektiv, eingedenk dessen, unter welchen Umständen diese best. Posten erlangt haben?! Das darf zumindest kritisch hinterfragt werden, ohne gleich als ....verdammt zu werden. Da gibt es Abhängigkeiten in der großen und kleinen Politik.
    Ich will mich auch nicht an diesem Elsässer abarbeiten, egal welche politischen und persönlichen Wandlungen er vollzogen hat, womit er jetzt sein Geld verdient usw.
    All das ist für mich zweitrangig: Er sollte nicht dafür verurteilt werden, weil er kritische Fragen stellt. Und manche Antworten darauf sind mitunter nicht befriedigend.

Andre, Donnerstag, 28.Januar, 14:57 Uhr

27. Für mich das Unwort des 21.Jahdt.'s: "Verschwörungstheorie"!

Ein blinder Rundumschlag von Hrn. Lang, leider: Es ist leider völlig daneben,, mit dem o.g. Unwort plausible, oder weniger plausible Argumente einfach so im Keim zu ersticken. Konkret, nachvollziehbar Bedenken politisch Andersgläubiger ausräumen, anstatt sie pauschal als "Verschwörungstheoretiker" zu verunglimpfen, und zu beleidigen, das wäre die Aufgabe eines seriösen Journalisten...anstatt immer nur das sehen, was ich selbst sehen will, Herr Lang...
Ich finde es jedenfalls nicht o.k., wenn sich meine politische Mitbestimmung darin erschöpft, wenn ich alle 4 oder 6 Jahre einem Politiker, oder einer Partei einen quasi Freibrief ausstellen darf, dass er bitte, hoffentlich für mich die Entscheidungen treffen möge, die für mich "gut" wären..alles wahrscheinlich.o.k. in der heilen "Demokratiewelt" von Hrn.Lang?!? Das ist für mich schlicht und ergreifend "Parteidiktatur". K.A.Schachtschneider als seriösen Verfassunsjurist in dem Kontext noch zu diskreditieren, ist natürlich der Oberhammer

  • Antwort von Robinson, Freitag, 29.Januar, 10:40 Uhr

    Gut, dass Sie nicht der einzige "Demokrat" oder was auch immer Sie darunter verstehen mögen, im Lande sind. Was für Sie gut sein soll, muss für den Rest der Republik noch lange nicht gut sein. Politische Wendehälse gab und gibt es immer wieder. Der Artikel beschreibt die Laufbahn sehr gut. Zusätzlichen Stoff finden Sie im Netz.
    Es gibt eben Leute, die ihre Glaubwürdigkeit verspielt haben.

Selbstdarsteller, Donnerstag, 28.Januar, 07:30 Uhr

26. Muss man sich mit den krankhaften Gehirnausgüssen beschäftigen?

Nein. Trotzdem gut, dass der BR es richtig stellt und Hintergrundinformationen gibt.
Das Problem dabei ist die Leichtgläubigkeit der Social Media affinen Gesellschaft. Jetzt erst wieder belegt mit dem angeblich toten Syrer oder der vermeintlichen Vergewaltigung in Berlin. Da glotzen viele den ganzen Tag auf das Smartphone und finden offenbar nicht mehr seriöse Nachrichten?
Es kommt mir so vor als würden immer mehr Leute mit zunehmendem Konsum von IT, die Kontrolle und Einordnungen der Nachrichten darüber verlieren.
Computernutzung verblödet?
Oder wollte Putin mal prüfen, welches Revolutionspotential in Deutschland steckt? Wahrscheinlicher ist von den eigenen inneren Problemen abzulenken. Russland könnte sich glücklich schätzen, eine Polizei wie unsere zu haben.

Ichich, Mittwoch, 27.Januar, 19:19 Uhr

25. Das Schwiegen der Journalisten

"... "konkret", das im Falle des Israel-Feindes Saddam eigentlich wie Bush den Casus Belli ausgerufen hatte ..."

Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt.
Merkwürdig, daß ich 2002/03 in keinem deutschen Medium erfahren habe, daß Gremliza (u.a.) stramm auf PRO-Irakkrieg-Kurs waren. Das wußte kein deutscher Journalist ?

Christa P. Meist, Mittwoch, 27.Januar, 06:59 Uhr

24. Neue Rechte / Elsässer

Die Äußerungen des Herrn Elsässer und seine Entwicklung legen, dem stimme ich zu, den Gedanken nahe, dass seine Ganglienknoten auf nicht nachvollziehbare, unergründliche Weise miteinander verbunden sind, vielleicht auch gar nicht.
Ich würde jedoch den Begriff "Querfront" nicht ins Spiel bringen, betreffend die schier unerschöpflichen Möglichkeiten moderner Massenkommunikation. Es war noch nie so leicht wie heute, massenhaft Jünger für abstruse Ideen zu finden. Vor 2000 Jahren mussten die in der Hitze weit laufen, im 19. Jahrhundert einigermaßen lesen können. Heute reicht die Fähigkeit mit dem Zeigefinger ein kleines Gerät zu bedienen." Jünger werden" ist ganz leicht geworden! Dazu bedarf es keiner geheimnisvollen Mächte, die hinter den Kulissen Strippen ziehen. Diese Vermutung ist selbst ein Beispiel für einen verschwörungstheoretischen Ansatz!