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Jürgen Elsässer in Gröbenzell Die "Achsenmächte" des Nationalismus

Der neurechte Agitator Jürgen Elsässer als Einpeitscher der AfD in Gröbenzell. "Wir wollen die Macht", verkündet er und träumt vom Entstehen nationalistischer "Achsenmächte" in Europa. Was die Populisten anstreben, ist nicht konservativ. Sie wollen eine völlig neue Gesellschaft.

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 19.11.2016 | Archiv

Jürgen Elsässer spricht auf AfD-Veranstaltung in Gröbenzell | Bild: Jürgen P. Lang

Vielleicht eine Viertelstunde nach Beginn der AfD-Veranstaltung kracht von draußen ein Gegenstand an ein Fenster des proppenvollen Gröbenzeller Bürgersaals. Drinnen sitzt man in der Populisten-Blase: "Pack!", sagt einer, und meint die mehreren hundert Gegendemonstranten. "Verbrecher!", kommentiert ein anderer später, als es um die deutschen Regierungspolitiker geht. Der neurechte Scharfmacher Jürgen Elsässer, Chefredakteur des Compact-Magazins, hat leichtes Spiel: Dass er mit Behauptungen, statt Begründungen arbeitet, nimmt ihm unter den gut hundert Besuchern niemand übel – im Gegenteil. Selbst wenn er Fakten sprechen lässt und von fünf Prozent Muslimen in Deutschland redet, echot es "Zehn Prozent!" aus dem Saal. 100.000 Flüchtlinge in Bayern? "400.000!", "korrigiert" jemand nach oben. Wer bietet mehr?

Nationalistisches Wir-Gefühl

Das Publikum: Die klassische AfD-Klientel des Münchner Speckgürtels. Gutbürgerlich, zwischen 40 und 70 Jahre alt, schon alles erreicht, aber trotzdem irgendwie abgehängt. Elsässer bringt ihnen das neue nationalistische Wir-Gefühl im Chaos der Modernisierung. "Wir", das sind für ihn Putin, Orbán – und Trump, der "Führer eines souveränen Volkes". Nach dessen Wahlsieg, prophezeit Elsässer, drohe Angela Merkel das gleiche Schicksal wie Erich Honecker: Die "Marionette der Sowjetunion" habe Gorbatschow fallen gelassen, nun lasse Trump die "Marionette der USA" fallen. "Wir", das sind für Elsässer Hofer, Wilders, Le Pen. Wenn sie in ihren Ländern an die Macht kämen, "dann haben wir Achsenmächte". Das Vokabular aus dunkler deutscher Vergangenheit kommt nicht von ungefähr. Denn "wir", das sind für Elsässer auch die von Rechtsextremisten durchsetzte Pegida-Bewegung und die sogenannten Identitären, die ihren Rassismus als "Ethnopluralismus" verkleiden.

Umwertung der Werte

Natürlich wird mächtig gegen das vermeintliche Establishment, gegen Rot-Grün und Multikulti gebasht. Natürlich zieht Elsässer die üblichen Trigger für Beifallsstürme: "Ihr Syrer kommt nach Deutschland und trinkt Cappuccino in unseren Kaffeehäusern!" Doch die ganzen "Grenzen dicht"-Parolen sind wohlfeil und austauschbar. Subkutan wird eine andere Botschaft injiziert: "Ich bin nicht dafür", sagt Elsässer, "dass der Westen überall Maßstäbe setzt. Wir müssen unsere eigenen Maßstäbe setzen."

Was das bedeutet, wird schnell deutlich. Elsässer will aufräumen mit den "westlichen" Werten. Die christliche Nächstenliebe, behauptet er, bedeute nicht, "die ganze Welt zu umarmen". Schließlich könne man nur lieben, wen man persönlich kennt. In der Konsequenz läuft das auf das Ende der Menschenrechte für alle hinaus. Neu interpretiert werden auch Freiheit und Demokratie – bei Elsässer umgedeutet zu nationaler Souveränität. "Wir brauchen irgendwann eine Verfassung," fordert er zum Schluss. Wenn es nach ihm ginge, dürfte sie mit dem Grundgesetz nur noch wenig gemein haben.


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