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Milliardengrab E-Gesundheitskarte offenbar vor dem Aus

Die Entwicklung der elektronischen Gesundheitskarte hat Milliarden verschlungen. Offiziell ist sie auf der Zielgeraden. Aus der Spitze des Gesundheitswesens kommen immer lautere Zweifel, ob die Karte jemals das halten wird, was sie versprach.

Von: Nikolaus Nützel

Stand: 06.08.2017

Krankenversicherungskarte mit der Abbildung einer Skizze von Leonardo da Vinci  | Bild: picture-alliance/dpa/Alexander Heinl

Hochrangige Mitarbeiter von Ärzteverbänden und gesetzlichen Krankenkassen berichten, es gebe in der Bundesregierung Pläne, die E-Card nach der Bundestagswahl für gescheitert zu erklären. Auch der Vorstandschef der AOK Bayern, Helmut Platzer, sagte, es sei "unsicherer denn je, wann die Gesundheitskarte die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt".

Von Anfang an ein Flop?

Schon seit 2006 sollte es viele Anwendungen geben, von denen Patienten und das ganze Gesundheitssystem profitiert hätten. Ein elektronisches Rezept sollte die umständliche Handhabung von Millionen Papier-Verordnungen überflüssig machen. Eine Patientenakte sollte unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden. Eine elektronische Liste der Arzneien, die ein Patient bekommt, sollte gefährliche Wechselwirkungen vermeiden, die nach Schätzungen von Fachleuten jedes Jahr Tausende Todesfälle verursachen. Die Gesundheitskarte sollte Leben retten. Verwirklicht ist davon nichts. Aber: Die E-Card hat nach Berechnungen des Dachverbands der Innungskrankenkassen bis jetzt rund 1,7 Milliarden Euro an Kosten verursacht.

Mediziner wie die Zahnärztin Monika Kidess aus Olching, in deren Praxis die neue Technik getestet werden soll, ist inzwischen skeptisch.

"Man glaubt ja eigentlich schon nicht mehr daran, weil es ist so lange im Gespräch und rückt immer weiter in die Ferne, irgendwo glaubt man gar nicht mehr so richtig dran."

Monika Kidess, Zahnärztin mit Pilot-Praxis

Betreibergesellschaft sieht Karte auf der Zielgeraden

Die Betreibergesellschaft Gematik, die die Einführung der Gesundheitskarte umsetzen soll, hat zwar Anfang Juni erklärt, jetzt gehe es wirklich voran. In der Gematik sind Verbände von Ärzten, Kliniken, Apothekern und Krankenkassen zusammengeschlossen. Bei den einzelnen Kassen spürt man aber keineswegs Aufbruchsstimmung. Der Vorstandschef der AOK Bayern, Helmut Platzer, mag nicht von Fortschritten reden.

"Es ist definitiv unsicherer denn je, wann wir tatsächlich eine Gesundheitskarte haben werden, die genau diesen Voraussetzungen entspricht und diese Erwartungen erfüllt."

Helmut Platzer, AOK Bayern

Viele Kassenvertreter sehen die Hauptschuld für die Probleme bei den beteiligten Industriefirmen. Von der Industrie wiederum heißt es, die technischen Anforderungen seien über die Jahre hinweg sage und schreibe 150 Mal verändert worden, da seien Verzögerungen nicht verwunderlich.

Gesundheitsmanager sehen Karte vor dem Aus

Steht die elektronische Gesundheitskarte vor dem Exitus? Gesundheitsmanager glauben nicht mehr an eine Rettung.

Die Probleme könnten aber bald auf die denkbar peinlichste Weise ein Ende finden, sagen Spitzenmanager im Gesundheitswesen. Das ehrgeizige Projekt der elektronischen Gesundheitskarte werde nach der Bundestagswahl beerdigt, ist von denen zu hören, die es wissen müssen. Die Karte bleibe dann einfach das, was sie jetzt ist: ein Versicherungsausweis.

Der Vorstands-Chef der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns, Wolfgang Krombholz, will sich nicht dazu äußern, ob es wirklich so weit kommt. Skeptisch aber ist auch er inzwischen.

"Die Gesundheitskarte und auch die Technik, die wir dazu brauchen, ist eine Technik, die eigentlich schon überholt ist. Ich zitiere nur Fachleute."

Wolfgang Krombholz, KVB Bayern

Elektronische Gesundheitskarte wird zum Milliardengrab

Sicher ist eines: Die E-Card hat Kosten in Milliardenhöhe mit sich gebracht. Dazu könnte sich eine weitere Milliarde für die neuen sogenannten Konnektoren addieren, die eigentlich seit Anfang Juli ausgeliefert werden sollten. Kosten, von denen inzwischen niemand mehr sagen mag, wann genau sie wirklich etwas für eine bessere Versorgung der Patienten bringen könnten.


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Ludwig, Montag, 07.August, 08:23 Uhr

23. überall Digitalisierung, nur im Gesundheitswesen nicht

In allen Lebensbereichen sind wir der Meinung, dass Digitalisierung und Vernetzung uns Vorteile bringen. Nur im Gesundheitswesen soll es uns nichts bringen? Dort ist es Geldverschwendung.
Interessant ist die Auswahl der Gesprächspartner von Herrn Nützel:
die AOK, die selber eine Patientenakte macht. Warum sollte es denn auch eine Akte geben, die für alle da ist und nicht von der AOK kontrolliert wird?
Und dann noch die T-Systems. In der Region Bayern und Sachsen kläglich versagt - nichts geliefert. Während in Nordwest die Erprobung stattgefunden hat, war im Südosten Totenstille. T-Systems hat es nicht hinbekommen. Und nun sind plötzlich alle anderen Schuld. Warum hat es dann in Nordwest funktioniert und wurde geliefert?
Warum streuben sich die Ärzte so vor der Vernetzung? Warum erklären die Funktionäre die von Ihnen seit Jahren geforderte Vernetzung jetzt vor dem Start für tot? Ist es das Geld, die kommende Transparenz oder die Angst vor der Veränderung?

Thomas, Sonntag, 06.August, 18:41 Uhr

22. Gesundheitskarte vor dem Aus

Für was braucht man das Ding, damit man sich weiter tot verwalten kann? Es wäre ganz einfach wenn so etwas mit dem Personalausweis geregelt werden könnte. Im elektronischen Ausweis könnte man eine solche Funktion integrieren. Das wäre billiger und effektiver.

Nadine, Sonntag, 06.August, 17:27 Uhr

21. Gott sei Dank!

Endlich mal eine gute Nachricht, denn ich mag den Nackdedei auf der Karte gar nicht!

Barbara, Sonntag, 06.August, 16:25 Uhr

20. Die elektronische Gesundheitskarte nützt dann nichts,

wenn die Leute gar nicht so viel Einkommen oder Rente haben, um diese bezahlen zu können!

  • Antwort von Agitator, Sonntag, 06.August, 17:33 Uhr

    Sie schreiben völligen Unsinn!

    Sozialhilfeempfänger bekommen vom Staat Heilfürsorge.

    Sie agitieren hier aus politischen Gründen. Schäbig ist es dabei, völlig unwahre Behauptungen aufzustellen. Aber für diese Denunziation sind sie reichlich bekannt. Sonst war es doch immer das GEZ Geschelte über die ÖR-Medien und gerade sie strapazieren die Ressourcen z.B. der Online-Redaktion bis an die Grenzen.

    Auch für mich als Leser ist das schon eine Zumutung. Aber es gilt Meinungsfreiheit. Auch wenn sie noch so abstrus sind.

    Schönen Sonntag noch.

  • Antwort von Nervensäge, Sonntag, 06.August, 18:08 Uhr

    Agitator
    100% Zustimmung !

  • Antwort von Leo Bronstein, Sonntag, 06.August, 18:52 Uhr

    @ Agitator
    >Sie schrei ... trus sind.<

    .
    Laut aerzteblatt(de) vom Dienstag, 4. Oktober 2016 ("Weniger Menschen ohne Krankenversleben in Deutschland") leben mindestens ca. 80.000 Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland.
    Übrigens wurde diese Thematik, Menschen ohne Krankenversicherung in Deutschland, auch bei der letzten Sendung >Quer< vor der Sommerpause vom Bayerischen Rundfunk erörtert.

    Die einzige Personengruppe, die vollständig mit Krankenversicherungsschutz versorgt ist sind Flüchtlinge, da bundesweit das >Bremer Modell< übernommen wurde.

    Ihren Usernamen machen Sie alle Ehre.
    ,

  • Antwort von Agitator, Sonntag, 06.August, 19:36 Uhr

    @Bronstein

    Bevor sie sich künstlich aufregen, lesen sie doch mal erst, was die Userin Barbara behauptet. Dann können wir weiter debattieren.

Atze, Sonntag, 06.August, 15:40 Uhr

19. Überverwaltung

Alles soll in D. reguliert, verwaltet und bürokratisch penibel mundgerecht verabreicht werden.
Während in Afrika, Asien sicher kein Mensch eine solche E.- Karte hat, denkt der deutsche Michel und setzt wieder etwas in den Sand.
Statt sich auf die inhaltliche Verbesserung der Pflege, Krankenhausbetreuung zu konzentrieren, ggf. die Beiträge zu senken, sinnt man nach weiterer Verwaltung der Patienten und Bürger.