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Viel gelobt - kaum unterstützt Bayerns Ehrenamtler versinken in Arbeit und Bürokratie

Unser Gemeinwesen braucht sie dringend - die Ehrenamtlichen: im Sportverein, in der Flüchtingshilfe, im Kulturbereich, schlicht im Alltag. Doch der Staat lässt sie vielfach im Stich und macht ihnen das Leben schwer.

Von: Claudia Grimmer

Stand: 30.03.2016

Ehrenamtliche sind nicht nur im Katastrophenfall die Rettung. Zum Beispiel im  Sportverein Baiersdorf. Hier kümmern sich ehrenamtliche Fitnesscoaches um die Kondition der Mitglieder. Doch vor zwei Jahren ging dem Verein fast die Puste aus. Liquiditätsengpass heißt das.

Der neue Vorstand begann sein Amt mit einer Insolvenzprüfung. Seitdem wird der Verein wie ein strammes Unternehmen geführt. Der ehrenamtliche Vorstand schaut jetzt ganz genau hin - fast ein Vollzeitjob:

"Am Anfang dachte ich, vor 10 Jahren, als ich angefangen habe, wurde mir der Job mit 10 Stunden vekauft, heute sind es genau 100. 120 Stunden im Monat, die ich für den Verein aufbringe."

Jürgen Bövers Baiersdorfer Sportverein e.V.

Immer wieder ruft das Finanzamt

Diesen Einsatz bringen auch die Ehrenamtlichen beim TSG 08 Roth in Mittelfranken. Die Kassenprüfung steht an. Für die drei freiwilligen Helfer heißt das in den nächsten drei Monaten mehr als 450 Stunden Arbeit. Jede Quittung muss kopiert werden, da sie sonst ausbleichen könnte. Vorschrift. Seit 1 ¾ Jahren hat der Verein eine Betriebsprüfung bei sich laufen, das Finanzamt im Haus.

Andreas Buckreus ist seit einem Jahr ehrenamtlicher Vorstand und hat sich mit seinen Stellvertretern jede Menge steuerliches Fachwissen aneignen müssen.

"Man muss immer unterscheiden: was ist Werbung und was ist keine Werbung. Was ist eine echte Spende? Wenn beispielsweise Kinder auf einem Trikot die Aufschrift eines Unternehmens haben, dann ist es nicht als Werbeeffekt anzusehen, weil es Kinder sind. Wenn aber die 1. Herrenmannschaft oder Herren mitspielen und laufen, dann ist es eine Werbung und dann ist es umsatzsteuerpflichtig. Und dann ist da auch eine Umsatzsteuer auszuweisen."

Andreas Buckreus TSG 08 Roth

Haften mit dem Privatvermögen

Vereine müssen heutzutage wie Unternehmen arbeiten. Doch im Gegensatz zum Vorstand im Konzern, muss der Ehrenamtliche den Kopf hinhalten - auch mit seinem Privatvermögen.

"Ich glaube die wenigsten wissen die persönliche Haftung auch einzuschätzen, die es dort gibt, mit welchen Risiken man dort auch konfrontiert ist und welches Risiko man sich selbst aussetzt. Es reicht ja nicht nur, dass man die komplette Verantwortung übernimmt, man geht auch noch das Risiko ein, wenn was schiefgeht, dass man in der Haftung ist."

Roland Lahme, Baiersdorfer Sportverein e.V.

Eines von vielen Reizthemen für den Verein: Das neue Mindestlohngesetz. Wer zum Beispiel als Sportbetreuer die Ehrenamtspauschale nutzt, darf nicht mehr als durchschnittlich 60 Euro monatlich geltend machen. Erhält der Ehrenamtliche mehr, fällt er unter das Mindestlohngesetz. Ein Problem für den Verein: 

"Wir haben hier Ehrenamtliche, die ich bezahlen möchte. Diese Bezahlung soll als Anerkennung für ihre Tätigkeit dienen und nicht als Lohn betrachtet werden. Der Staat betrachtet das als Lohn. Das heißt, ich zahl auf den Lohn Sozialabgaben und Steuern und zusätzlich muss ich jetzt sicherstellen, wenn er über den Freibetrag von 60 Euro kommt im Monat, dass er seine 8,50 bekommt. Das kann ich mir nicht leisten."

Jürgen Bövers, Baiersdorfer Sportverein e.V.

Es fehlen vor allem Anlaufstellen beim Finanzamt, die speziell Vereine beraten. Und: Auch bei den Steuerberatern kennt sich kaum jemand mit den Vorschriften für Ehrenamtliche richtig aus.

"Anfangs musste ich meinem Steuerberater erklären, wie gewisse Sachen zu regeln sind, wie die zu verstehen sind, wie die zu regeln sind."

Jürgen Bövers, Baiersdorfer Sportverein e.V

"Ich denke, einiges davon könnte man vereinfachen. Und es muss nicht so kompliziert sein ... und es wird dazu führen, dass sich immer weniger in so verantwortungsvolle Positionen melden."

Roland Lahme Baiersdorfer Sportverein e.V.

Nicht so wahnsinnig attraktiv, so ein Ehrenamt

Ein Trend den eine Studie des Wissenschaftszentrum Berlin belegt: für 85 Prozent der Vereine wird es immer schwieriger, ehrenamtliche Leitungspositionen zu besetzen. Das zuständige Bundesfinanzministerium sieht keine Möglichkeiten den Vereinen das Leben steuerlich leichter zu machen und verweist auf Europa.

"Weitere 'bürokratische Erleichterungen' führen zu erheblichen Wettbewerbsverzerrungen und sind schon deswegen - auch aus EU-rechtlicher Sicht - unzulässig."

Auskunft Bundesfinanzministerium

Also bleiben doch weiterhin nur die Sonntagsreden der Politiker.


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Viktor, Donnerstag, 31.März, 14:06 Uhr

3.

Mir macht es keinen Spaß mehr! Man badet als Ehrenamtler eigentlich nur noch die Fehler des Staates aus - ich bin jetzt bald raus!

Problemlöser, Donnerstag, 31.März, 07:51 Uhr

2. Wenn das Ehrenamt dem Staat wichtig ist...

...dann sorgt für Steuerbefreiungen.

Steuern heisst lenken und dirigieren. Das wäre das deutlichste Zeichen für die Würdigung dieser unverzichtbaren Dienste.

Ja, sogar der Finanzminister könnte mit einem "Nichtanwendungserlaß" Fakten schaffen.

Sie haben es sich zum Wohle der Allgemeinheit verdient!

  • Antwort von Fiscus Maximus, Donnerstag, 31.März, 13:44 Uhr

    Ja, aber der will doch die Schuldenfreiheit Bayerns in 25 Jahren. Da geht nix mit Steuerbefreiung. Ja wo sammer dann.

Michael Burret, Donnerstag, 31.März, 05:30 Uhr

1. Kann ich nur bestätigen

Bin selbst seit über 15 Jahren im Ehrenamt tätig und kann das nur bestätigen. Es ist unglaublich was man da für ein Bürokratiekram über sich ergehen lassen muss. Da wird einem die Freude am Helfen schon mal vermiest.
Eigentlich sollen alle Ehrenämtler mal zusammen sagen "Nein, jetzt is genug", einfach mal in Warnstreik gehen.