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Dutch Reach Holländischer Griff rettet Leben

Eine holländische Technik könnte auch in Deutschland das Leben von Radfahrern retten. Lernen müssten sie allerdings Autofahrer. Sie heißt "Dutch Reach" und bezeichnet eine Methode, mit der man beim Aussteigen die Autotür öffnen kann, ohne dabei vorbeifahrende Radfahrer zu gefährden.

Von: Roana Brogsitter

Stand: 20.06.2017

Wer kennt diese Situation nicht? Man fährt auf dem Fahrrad an parkenden Autos vorbei, urplötzlich öffnet sich eine Autotür und man schafft es gerade noch, den Lenker herumzureißen und auszuweichen oder mit 'qualmenden' Reifen abzubremsen. Wenn man das schafft, hatte man Glück.

Geringe Wahrscheinlichkeit, hohe Verletzungsgefahr

Gemessen an anderen Risiken im Straßenverkehr, ist die Wahrscheinlichkeit, von einer Autotür erwischt zu werden, relativ gering. Die Folgen sind es allerdings nicht. Die allermeisten tragen von einer solchen Begegnung Verletzungen davon, immer wieder gehen sie tödlich aus.

Die Liste der Beispiele ist lang. Pikant, aber zum Glück nicht fatal, war ein Vorfall im Oktober des vergangenen Jahres. Ausgerechnet der britische Verkehrsminister Chris Grayling brachte einen Radfahrer zu Fall, als er die Tür seines Dienstwagens öffnete. Der Radler hatte Glück, er war nicht schwer verletzt, sein Fahrrad kam weniger glimpflich davon, es prallte gegen einen Laternenmast.

Tödlicher Unfall in Berlin

Ein 55-jähriger Berliner hingegen bezahlte die Unachtsamkeit eines Autofahrers vergangene Woche mit dem Leben. Er erlag seinen schweren Kopfverletzungen. Er war mit der Fahrertür eines geparkten Porsche Cayenne kollidiert, die dessen Fahrer unvermittelt geöffnet hatte. Laut Polizei handelte es sich um ein Diplomatenfahrzeug.

Die allermeisten dieser Unfälle könnten vermieden werden, wenn Auto- und Beifahrer einen 'Zaubertrick' beherzigen würden, den man in Holland bereits in der Fahrschule lernt. Daher der Name "holländischer Griff".

Simpler Trick

Der Dutch Reach

Der Trick ist erdenklich simpel: Man öffnet die Autotüre beim Aussteigen nicht mit der Hand, die dieser am nächsten ist, sondern mit der anderen. Dadurch zwingt man den Oberkörper dazu, eine Drehung zu machen und der Blick geht automatisch nach hinten - in eben die Richtung, aus der ein potentieller Radfahrer kommen könnte. Dabei ist ganz egal, ob man Fahrer oder Beifahrer ist und vorne oder hinten sitzt.

In den Niederlanden sei der "Dutch Reach" seit mindestens zehn Jahren Ausbildungsstandard erzählt Ruud Rutten von der gleichnamigen Fahrschule in Venlo.

"Die Schüler lernen das in Holland in jeder guten Fahrschule und bei der Prüfung schaut der Prüfer, ob der Schüler es richtig macht. Er fällt zwar nicht durch, wenn er es nicht macht, aber der Prüfer sagt es ihm."

Ruud Rutten, Fahrlehrer

81.283 Radunfälle mit Personenschaden

Im vergangenen Jahr kam es in Deutschland zu 81.283 Unfällen mit Personenschaden, an denen Radfahrer beteiligt waren. 392 Radfahrer starben im selben Zeitraum infolge eines Verkehrsunfalls. An wie vielen davon Autotüren schuld waren, darüber kann man nur spekulieren, das Statistische Bundesamt führt darüber keine Zahlen. Diese spezielle Art von Unfällen scheint jedoch so häufig zu sein, dass es im Englischen bereits einen Begriff dafür gibt: "Dooring".

Auch in Wikipedia gibt es bereits einen Eintrag unter dem Schlagwort "Dooring": Angeblich machten im Jahr 2011 im amerikanischen Chicago "Doorings" 19,7 Prozent aller Fahrradunfälle aus, im kanadischen Toronto waren es im Jahr 2003 mit 11,9 Prozent etwas weniger.

  • BR-Autorin Roana Brogsitter | Bild: BR Roana Brogsitter

    Redakteurin und Autorin für "Das Tagesgespräch", "Neues vom Buchmarkt" und BR24


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Kommentare

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Braun Karl, Donnerstag, 22.Juni, 08:51 Uhr

16. Holländischer Griff

Den holländischen Griff Dutch Reach habe ich schon 1962 in der Fahrschule gelernt, das ist nicht neues. Bei einem Ausflug mit dem Auto mit meinem Firmpaten hat er mir schon damals beigebracht beim aussteigen auf Radfahrer und Fußgänger acht zugeben, das war 1956.

websaurier, Mittwoch, 21.Juni, 09:11 Uhr

15. Vergessen Sie es....


Bei der riesigen Zahl an Flachzangen, die hierzulande am Steuer sitzen, wird das nix bringen !

Wir sind ja schon froh, wenn wir künstliche Intelligenz in die Fahrzeuge bringen können, um wenigstens etwas an intelligentem Verhalten zu etablieren...

Peter, Mittwoch, 21.Juni, 06:51 Uhr

14. Recherche

Es wäre wünschenswert wenn Frau Roana Brogsitter besser recherchiert hätte. Der Holländische Trick ist des Kaisers neue Kleider. Ich habe das vor 40 Jahren in
der Fahrschule gelernt, und Radfahrer haben gelernt in ausreichendem Sicherheitsabstand bei Autos vorbeizufahren. Überhaupt haben seinerzeit Auto- wie auch Radfahrer gelernt gegenseitig mehr Rücksicht zu üben. Heutzutage beanspruchen Radfahrer (zumindest ein Teil) die Verkehrsherrschaft für sich.

Verkehrsteilnehmer, Dienstag, 20.Juni, 17:11 Uhr

13. Toller neuer Begriff, ...

... findet bestimmt Zustimmung bei der "young community"!
Dass sich die Menschen nicht mehr an Regeln halten, sieht man in allen Bereichen. Egal ob Fußgänger bei Rot über die Fahrbahn laufen, ob Radfahrer den Gehweg als Rennbahn benutzen oder Autofahrer weder Geschwindigkeitsbegrenzungen noch Rechtsfahrgebote einhalten.
Langsam kommen mir aber Zweifel an unseren Fahrlehrern und vor allen Dingen den Prüfern. Bekommt man heutzutage seinen Führerschein geschenkt? Werden solche Selbstverständlichkeiten nicht mehr eingeübt? Blinken beim Fahrbahnwechsel, in den Spiegel schauen, Umschauen beim Türen öffnen usw.? Neulich habe ich einen SUV als Fahrschulauto gesehen. Vielleicht macht dieses Auto alles automatisch und wir brauchen unsere Sinne gar nicht mehr?
Auch interessant, dass kaum ein Fahrer noch einparken kann. Eine Stunde Prüfungsfahrt mit allen möglichen Situationen und ein Prüfer, der sich nicht scheut, die Leute auch wegen so etwas durchfallen zu lassen - wäre doch ein Vorschlag !?

  • Antwort von Selim, Dienstag, 20.Juni, 18:10 Uhr

    Nett ist es auch, wenn Menschen in Fahrschuhlautos kräftig hupen, weil sie Bekannte sehen.
    Von wem sollen die Leute denn noch lernen, wenn selbst die Fahrlehrer oft keine Disziplin haben?

  • Antwort von a, Dienstag, 20.Juni, 18:48 Uhr

    Das machen doch alle Altersklassen so rücksichtslos, die Frage, wie das heute in den Fahrschulen ist, hilft jetzt auch nichts.
    Die Menschen waren auch schon früher rücksichtslos im Verkehr, es ist halt umso gefährlicher je mehr Verkehr es gibt, das war "früher" anders.
    Ich finde es gut und wichtig, dass so etwas oft in den Medien thematisiert wird, das ist auch m. E. viel wichtiger als andere "Gefahren", es kommen täglich neun Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Da hab ich nun vergleichsweise eine geringe Gefahr, dass mich ein Terrorist trifft. Aber der Terror ist ständig tausendfach mehr in den Medien!

S.G.Tanders, Dienstag, 20.Juni, 16:14 Uhr

12. Einfach nur den Verstand...

...einschalten! Sorry, ich versteh nicht, warum man mit alten oder neuen "Tricks" die Leute zu Selbstverständlichkeiten dressieren muss. Ich schau doch sowieso jedes Mal, egal wo (!), bevor ich die Autotür aufmache, ob das auch kollisionsfrei möglich ist. Das geht doch so automatisch, wie Gas geben und bremsen! - Ich plädiere für ein neues Schulfach: "positives Sozialverhalten".

  • Antwort von Verkehrsteilnehmer, Dienstag, 20.Juni, 17:14 Uhr

    Volle Zustimmung!

  • Antwort von Selim, Dienstag, 20.Juni, 18:12 Uhr

    Vielleicht können Sie das. Mit Sicherheit ist das aber von ganz vielen Autofahrern zu viel verlangt.
    Deshalb fände ich es schon gut, wenn solche Automatismen eintrainiert werden müssten.

  • Antwort von S.G.Tanders, Dienstag, 20.Juni, 19:29 Uhr

    @Selim: Das ist von keinem Autofahrer zu viel verlangt, es geht schließlich darum, verantwortlich mit dem Leben der Mitmenschen umzugehen. Das erwartet ja auch wiederum jeder Autofahrer von seiner Umwelt. Von wem das "zu viel verlangt" ist, der sollte die Finger von der Waffe "Auto" lassen.

  • Antwort von Selim, Dienstag, 20.Juni, 21:53 Uhr

    Volle Zustimmung.
    Trotzdem ist es von vielen Menschen einfach zu viel verlangt.
    Deshalb sollten diese Automatismen eintrainiert werden.