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Drogen in sektenartiger Gemeinschaft Tödliche Experimente im Untergrund

Illegale Drogen wie Ecstasy oder LSD sind wirkungsvolle Medikamente bei psychischen Problemen - daran glauben die Schüler des im Januar verstorbenen Psychotherapeuten Samuel Widmer. Er hat eine sektenartige Gemeinschaft gebildet, die mit Drogen und Sex Heilung in die Welt bringen will: die Kirschblütengemeinschaft. Ihre Anhänger sind auch Psychotherapeuten, die manchen Patienten diese Substanzen als Heilsweg aus ihren Problemen anpreisen.

Stand: 20.04.2017

In Deutschland finden derartige Drogensitzungen statt - verborgen im Untergrund. Nur größere Zwischenfälle dringen an die Öffentlichkeit: 2009 starben bei einem Therapeuten in Berlin zwei Menschen nach dem Konsum von Ecstasy. 2014 mussten 27 Teilnehmer eines Seminars im niedersächsischen Handeloh nach dem Konsum der Droge 2C-E mit teils lebensbedrohlichen Vergiftungserscheinungen in die umliegenden Krankenhäuser eingeliefert werden. Die Sitzungsleiter standen in beiden Fällen dem Schweizer Drogenguru Samuel Widmer nahe.

Auch in Bayern aktiv

Auch in Bayern sind Anhänger des Gurus aktiv. Die "Psychedelische Gesellschaft Deutschland e.V." macht sich, für den Einsatz von MDMA also Ectasy, stark - ganz offen,  auf ihrer Webseite. An der Spitze des Vereins steht der Psychotherapeut Christoph Kahse. Dieser leitet ebenfalls Psycholysesitzungen, verborgen im Untergrund.

"Unter Psycholyse verstehe ich den bewussten und ritualisierten Gebrauch von Psychedelika wie zum Beispiel MDMA oder LSD."

Christoph Kahse (Quelle: AVANTI/WWMM)

Die Teilnehmer erhalten von ihm Anleitungen, wie die Drogen für die Psycholyse eingesetzt werden sollen. Christoph Kahse wirbt mit seiner Psychedelischen Gesellschaft Deutschland im Internet sehr offen für den Einsatz von Drogen. Doch ein Interview lehnt Kahse ab. Dafür schreibt er uns, “weder ich noch die Psychedelische Gesellschaft Deutschland stehen  für den Einsatz illegaler Substanzen in der Psychotherapie.”

Aus Pfaffenhofen an der Ilm erreicht uns Bildmaterial, das Fragen aufwirft: Christoph Kase leitet eine Sitzung im Untergrund und erklärt den Ablauf. Demnach thematisiert er den Konsum von LSD und MDMA (Ecstasy). Auf unsere erneute Anfrage räumt Kahse schließlich ein, die: “…Thematisierung des kontrollierten Gebrauchs und dessen Folgen dieser (….) Substanzen ist (…) Teil unserer Aufklärungsarbeit.”

Wegen der Recherchen von Kontrovers, dem Politikmagazin des BR-Fernsehens, wird die Psychotherapeutenkammer Bayern jetzt aktiv und prüft, ob sie weitere Schritte gegen ihn einleiten will.

Illegale Drogen in der Psycholyse

Welche Gefahren die verbotene Therapiemethode mit sich bringt und wie schnell sich ahnungslose Psychotherapieklienten in einer sektenartigen Gemeinschaft wiederfinden können, hat Regina Köhler aus Berlin erlebt: Sie litt unter starken, unerklärlichen Schmerzen. Eine psychosomatische Klinik, in der sie in Behandlung ist, vermittelt sie 2008 an einen Therapeuten aus Berlin. Nach wenigen Monaten bietet ihr dieser an, die Therapie mit "Substanzen" zu erweitern. Diese Therapie bezeichnet er als Psycholyse: Bei Samuel Widmer, dem Chef der Kirschblütengemeinschaft, hat der Berliner Psychotherapeut gelernt.

"Nach ein paar Monaten hat er eben gesagt, dass er noch etwas ganz besonderes hat. Dass er die Therapie unterstützt mit fördernden Substanzen, mit bewusstseinserweiternden und therapiefördernden Substanzen. Und ob ich das nicht auch machen will."

Regina Köhler

Todesfall nach Drogenkonsum

Dass diese Substanzen illegale Drogen sind, erfährt Regina Köhler zunächst nicht. Sie ist skeptisch und besucht zwar die Gruppensitzungen, die ein ganzes Wochenende andauern - im Gegensatz zu den anderen Teilnehmen konsumiert sie die dort angebotenen Substanzen jedoch nicht. Im September 2009 kommt es zu einem schweren Zwischenfall. Nach dem Konsum von MDMA, dem Hauptwirkstoff von Ecstasy, sterben zwei Teilnehmer einer Sitzung, weitere müssen in umliegende Krankenhäuser eingeliefert werden.

Regina Köhler muss erleben, dass der Therapeut erst nach knapp zwei Stunden den Notarzt ruft: Die Beschwerden der Teilnehmer sieht er offenbar als Teil des Therapieprozesses. Erst als die Polizei vor dem Haus des Therapeuten auftaucht, realisiert sie, dass ihr Therapeut eine illegale Therapieform angeboten hat.

Gefahr der Abhängigkeit

Aussteiger berichten übereinstimmend, dass die Gruppentherapie, die unter dem Einsatz von Drogen und teilweise auch nackt stattfindet, abhängig macht. Die Psycholyse sei eine Therapie, die kein Ende kenne.

Die Gefahr der Abhängigkeit bestätigt auch der Schweizer Sachbuchautor Hugo Stamm, der sich seit Jahren mit Anhängern der Kirschblütengemeinschaft beschäftigt:

"Diese Abhängigkeit ist auch sehr stark, also dass man sich schwach und nackt fühlt, wenn man nicht regelmäßig diese Therapien nutzen kann und seine Probleme lösen. Und von daher ist das eine gefährliche Mischung, die zu starker Abhängigkeit führen kann."

Hugo Stamm, Schweizer Sektenexperte

Viele der Klienten besuchen 20 Jahre oder länger die Sitzungen und konsumieren dort Ecstasy, LSD und weitere illegale Drogen. Auch Regina Köhler hat im Nachhinein erkannt, dass sie von der Gruppe abhängig war - obwohl sie niemals Drogen konsumiert hat.


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