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Regensburger Domspatzen Die Angst, die Aufarbeitung und die Aufklärung

Das ganze Ausmaß der Gewalt und des sexuellen Missbrauchs bei den Regensburger Domspatzen ist erst seit Kurzem klar. Und erst seit dieser Woche arbeiten das Bistum und die Domspatzen den Skandal zusammen mit Opfern auf.

Von: Thomas Muggenthaler

Stand: 04.02.2016

Regensburger Domspatzen | Bild: Bayerischer Rundfunk

2010 ist die Bombe geplatzt. Da wurde der Missbrauchsskandal öffentlich - und auch die Misshandlungen. Aber erst im vergangenen Jahr haben Bistum und Domspatzen den Regensburger Rechtsanwalt Ulrich Weber mit der Aufarbeitung dieser Fälle beauftragt.

Anfang des Jahres hat der Jurist einen Zwischenbericht vorgelegt. Und der ließ aufhorchen. Die Zahlen waren erschreckend hoch. Weber nannte 231 Fälle von körperlicher Gewalt und mindestens 62 Fälle von sexuellem Missbrauch in den Einrichtungen der Domspatzen. Inzwischen haben sich weitere Opfer bei ihm gemeldet. Die Zahlen betreffen vor allem die vier Jahrzehnte von den 50er- bis zu den 90er-Jahren.

Die Bandbreite der sexuellen Übergriffe reicht nach Aussagen der Opfer von Streicheln bis hin zur Vergewaltigung. Die Misshandlungsfälle, also was körperliche Gewalt betrifft, beziehen sich unter anderem auf Prügelattacken bis zum Blutigschlagen, Schlagen mit dem Stock, mit dem Siegelring, mit dem Schlüsselbund. Flüssigkeitsentzug bei Bettnässern, Zurschaustellung der Betroffenen, Zwang zur Essensaufnahme einerseits und Verweigerung von Nahrung anderseits.   

Das "System der Angst"

Betroffen waren die Vorschule in Etterzhausen und das Internat der Domspatzen in Regensburg. Weber spricht von einem "System der Angst", das hier herrschte. Geprügelt wurde vor allem in Etterzhausen unter dem damaligen Internatsdirektor. Die Zustände bei den Domspatzen beschäftigten auch immer wieder die Öffentlichkeit. In den 50er-Jahren wurde ein Geistlicher wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Die Presse berichtete, aber geändert hat sich nichts.

Das Kuratorium, das Weber benannt hat, ist paritätisch besetzt. Sechs Sprechern der Opfer sitzen sechs Vertreter von Bistum und Domspatzen gegenüber, inklusive Bischof Voderholzer. Auf der Opferseite mit dabei ist Udo Kaiser. Für den 67-Jährigen war die Vorschule in Etterzhausen schlicht die Hölle.

"Ich bin 1956 als Achtjähriger zu den Domspatzen gekommen - aus einem normalen Familienleben in das Mittelalter, in die Hölle in Etterzhausen. Die Hölle, weil ich erstens schon vier Wochen zu spät kam. Ich hatte einen Unfall. Die anderen wussten alle, wie es läuft. Ich bin da reingekommen, wurde für alles bestraft: für Flüstern, für Lachen, für Nichtgehen können in Zweierreihen. Ich wurde geschlagen, weil ich gegen die Regeln verstoßen habe, mich zu spät gewaschen habe, den Schrank zu schlecht eingeräumt hatte. Es gab nichts, was es nicht gab."

Udo Kaiser, Missbrauchsopfer bei den Domspatzen  

Kaiser berichtet über weitere Grausamkeiten des Internatsdirektors. Schon frühmorgens sei es losgegangen. "Silentium beim Waschen, Anziehen, in Zweierreihen in die Frühmesse, dort schon die erste Watschn beim Stufengebet." Wenn er das Messbuch falsch von links nach rechts getragen habe, habe ihn der Internatsdirektor am Hochaltar abgewatscht. Abends sei er dann vor den 80 anderen Kindern noch einmal mit dem Stock verdroschen worden.  

 

Nach der Gewalt der sexuelle Missbrauch

Ehemalige Domspatzen sprechen heute von einer "schwarzen Pädagogik", die der Internatsdirektor in Etterzhausen etabliert hatte. Die Strafmaßnahmen, die sich er und seine Adlaten einfallen ließen, spotten jeder Beschreibung. Nach der Vorschule in Etterzhausen folgt das Internat der Domspatzen in Regensburg. Kaiser hatte gehofft, dass jetzt alles besser wird. Vergeblich. Er nennt das sexuellen Missbrauch, was ihm hier passiert ist.

"Wenn Sie nachts aus dem Bett geholt werden, und der Präfekt führt Sie in sein Zimmer, und da Schlafanzughose runter, und dann den Kopf zwischen den Oberschenkeln ... Und wie sich der schön mit dem erregten Glied an meinem Hinterkopf reibt, wenn Sie das erlebt haben als Kind, dann fällt Ihnen nichts mehr dazu ein."

Missbrauchsopfer Udo Kaiser

Kaiser berichtet davon, wie er sich in der Zeit als Achtjähriger immer schuldig gefühlt hat. Wenn der Vater sich beim Besuchssonntag lachend mit dem Direktor unterhält - ja, dann könne das ja alles nur richtig sein. Deshalb habe er nie ein Wort über den sexuellen Missbrauch verloren.

Ende des Schweigens

"Irgendwann mit 30, bei einem so genannten Domspatzentreffen der Ehemaligen, ist mir diese Szene gekommen mit dem Schrems. Plötzlich war die da. Ich hatte keine Stimme mehr, die Stimme war weg, mein Kreislauf brach zusammen. Die mussten mich rausbringen. Von dem Tag an habe ich 30 Jahre lang über die Gewalt bei den Domspatzen erzählt - aber niemand hat mir geglaubt."

Missbrauchsopfer Udo Kaiser

Lange geschwiegen hat auch Alexander Propst. 2010 bricht er das Schweigen. In einem Fernsehinterview berichtet Propst von sexuellem Missbrauch im Internat der Domspatzen in Regensburg. Der Präfekt habe sich Schüler aus verschiedenen Klassen und Jahrgängen ausgesucht. Probsts Ansicht nach eine bewusste Methode, weil der Präfekt gewusst habe, dass sich die Jahrgänge untereinander nicht sprechen.

"Wir durften dann bei ihm in seinem Zimmer verschiedene pornografische Achtmillimeterfilmchen angucken, durften Bier trinken, seine Zigaretten rauchen. Das war die Vorbereitung darauf, dass man etwas Besonderes sei. Und dann war natürlich auch die Folge, dass er sexuell übergriffig wurde."

Missbrauchsopfer Alexander Probst

Vater informiert Ratzinger

Das Martyrium endete, als Propst sich überwand, zu Hause von den Übergriffen zu berichten. Sein Vater stellte auch Domkapellmeister Georg Ratzinger, den Bruder des späteren Papstes, zur Rede. "Er hat ihn zur Sau gemacht." Probst konnte seine Hölle verlassen. Der Vater nahm ihn sofort von der Schule.

Schleppende Aufarbeitung

Im Kuratorium hat jetzt die Aufarbeitung dieser Fälle begonnen, und die sei dringend nötig, wie Berthold Wahl, Oberstudiendirektor im Gymnasium der Domspatzen, betont. Er weiß, es geht auch um die Existenz der Domspatzen. Seit sechs Jahren stehen die Vorwürfe im Raum. Passiert sei wenig, lasten die Opfer dem Bistum unter der Leitung des damaligen Bischofs Gerhard Ludwig Müller, heute Kardinal im Vatikan, an.

Ihre Hoffnung ruht auf dem neuen Bischof Rudolf Voderholzer, der sich bei einem Gottesdienst öffentlich für das Geschehene entschuldigt hat. Dass die Aufarbeitung zu spät kommt, das sieht auch Berthold Wahl so.


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