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Moskaus Einfluss in Deutschland Russlanddeutsche als Putins Fünfte Kolonne

Der russische Präsident Putin nutzt das russische Staatsfernsehen, um in Deutschland Druck zu machen. Opfer seiner Propaganda sind dabei Tausende Russischstämmige. Die demonstrierten etwa wegen der angeblichen Vergewaltigung eines Mädchens in Berlin. Die Tat hat laut Polizei aber gar nicht stattgefunden.

Von: Bastian Girg, Roana Brogsitter u.a.

Stand: 25.01.2016

Die angebliche Vergewaltigung in Berlin schlägt hohe Wellen in Deutschland. Das russische Staatsfernsehen hatte behauptet, ein 13-jähriges Mädchen sei von Flüchtlingen entführt und vergewaltigt worden. Allerdings ist das Kind unversehrt wieder heimgekommen.

Erklärt seinen Landsleuten die internationale Politik - Russlands Präsident Vladimir Putin

Auch die Polizei stellte schnell klar: "Fakt ist - nach den Ermittlungen unseres LKA gab es weder eine Entführung noch eine Vergewaltigung." Fur die russischen Massenmedien unter Putins Kontrolle ist jedoch klar: die deutsche Polizei will ein weiteres Mal die Verbrechen krimineller Ausländer in Deutschland kleinreden und verheimlichen.

Einschätzung von ARD-Korrespondent Hermann Krause

"Es soll denen, die das schauen, klargemacht werden, Deutschland wird mit dem Problem nicht fertig. Da wurde zum Beispiel eine Russin, die längere Zeit in Köln lebt, interviewt. Die hat dann gesagt: 'Ich traue mich nicht mehr auf die Straße, es ist zu gefährlich geworden, man wird häufig angequatscht und man kann jederzeit vergewaltigt werden. Man hilft uns nicht.' Also den Russen hier in Russland wird klar gemacht, was da in Deutschland passiert, ist das Schlimmste überhaupt. Es ist herrscht ja hier sowieso schon, ich würde sagen, eine große Distanz zu den Flüchtlingen. Es wird gesagt, die Deutschen sind nicht in der Lage, damit fertig zu werden. Die Polizei lässt euch im Stich, ihr müsst euch selbst wehren, das ist das Schlimme, das in den Medien hier kolportiert wird und anscheinend gibt es viele Russen, die in Deutschland leben, die dem glauben."

Hermann Krause, ARD-Hörfunkkorrespondent in Moskau

Die Falschmeldung von der angeblichen Vergewaltigung verbreitete sich wie ein Lauffeuer in den sozialen Netzwerken. Dem Internet-Aufruf, in Deutschland gegen Merkels Flüchtlings-Politik auf die Straße zu gehen, folgten Tausende emotionalisierte Russlanddeutsche.

Demonstrationen am Wochenende

Unterfranken

Die größte Demonstration fand in Schweinfurt statt. Rund 700 Menschen protestierten am Sonntag Nachmittag auf dem Marktplatz "gegen sexuelle Gewalt". Vorwiegend handelte es sich um Menschen mit Migrationshintergrund aus Russland. Dies bestätigte ein Sprecher des Polizeipräsidiums Unterfranken.

Auf einer Facebook-Seite unter dem Namen "Schweinfurt wehrt sich – Asylmissbrauch Nein Danke" werden Bilder von der Protestveranstaltung gezeigt. Am Friedrich-Rückert-Denkmal hängen eine russische, eine kasachische und eine türkische Flagge. Auf einem Bild auf Facebook steht unter der dem Bild einer jungen Frau "Wir lassen uns nicht anfassen". Auf der Facebookseite gibt es auch Aussagen wie "Asylstadt Schweinfurt – Nein Danke" , "Kindergärten statt Asylheime" oder Weihnachtsgrüße in gotischer Schrift mit den Farben der verbotenen deutschen Reichskriegsflagge.

Im unterfränkischen Aschaffenburg fand ebenfalls eine Demonstration statt. Rund 100 Menschen nahmen daran teil.

Mittelfranken

In den mittelfränkischen Städten Nürnberg, Erlangen, Ansbach und Neustadt an der Aisch protestierten für einige Stunden jeweils zwischen 40 und 400 Russlanddeutsche. Die Demonstranten kamen meist schweigend und ohne Transparente und Banner zusammen. Alle Kundgebungen verliefen friedlich, bestätigte ein Polizeisprecher.

Oberpfalz

Auch in Regensburg haben am Sonntagnachmittag zwischen 14 und 15.45 Uhr rund 300 Menschen gegen die deutsche Flüchtlingspolitik demonstriert. Die Kundgebung am Alten Rathaus verlief nach Angaben der Polizei friedlich. Danach zogen die Demonstranten weiter zum Bahnhof. Wie die Polizei mitteilt, war die Kundgebung angemeldet worden. Vorwiegend handelte es sich bei den Demonstrationsteilnehmern um Russlanddeutsche.

Niederbayern

Im niederbayerischen Dingolfing versammelten sich gleichzeitig rund 400 Menschen und forderten mehr Sicherheit. Ein Polizeisprecher bestätigte Informationen des BR. An der spontanen, nicht genehmigten Versammlung vor dem Dingolfinger Rathaus mit anschließendem Protestzug durch die Stadt beteiligten sich laut Polizei vorwiegend russischstämmige Bürger. Insgesamt leben nach Recherchen des Bayerischen Rundfunks in der niederbayerischen Stadt etwa 4.000 russischstämmige Menschen. Nach zwei möglichen, aber bislang nicht bestätigten sexuellen Übergriffen in Dingolfing auf Frauen forderten die Teilnehmer mehr Sicherheit, so Dingolfings Polizeichef und Einsatzleiter Max Mundt.

Schwaben

In Augsburg versammelten sich nach Medienberichten etwa 200 Protestierende auf dem Rathausplatz. Sie forderten eine Verteidigung "deutscher und christlicher Werte". In teils auf Russisch vorgetragenen Redebeiträgen wandten sie sich gegen gewalttätige Flüchtlinge. Die Demonstration war der Polizei zufolge nicht bei der Stadt angemeldet.

Baden-Württemberg

Auch in Baden-Württemberg gingen unzählige Menschen auf die Straße. Die Polizei zählte insgesamt fast 3000 Teilnehmer. In Villingen-Schwenningen demonstrierten rund 1.300 Russlanddeutsche unter dem Motto "Gegen Gewalt und für mehr Sicherheit in Deutschland". Die Menschen trugen Transparente mit Sprüchen wie: "Ich habe Angst um meine Enkel" oder "Respekt für deutsche Kultur".

In Rastatt trafen sich etwa 400 Menschen vor dem Rathaus. Auch in Lahr kamen laut Polizei vorwiegend Spätaussiedler auf dem Rathausplatz zusammen. Hitzige Diskussionen gab es dort mit dem Oberbürgermeister, der sich den Fragen der 350 Demonstranten rund um die Flüchtlingsthematik stellte. In Ellwangen kamen laut Polizei rund 150 Menschen auf den Marktplatz. "Von dort begann ein Marsch durch Ellwangen, der schließlich vor der Eingangspforte zur Landeserstaufnahmeeinrichtung endete", sagte ein Polizeisprecher. Dort kamen am Ende rund 500 Menschen zusammen, die laut Behörde einen "insgesamt unorganisierten Eindruck" machten.

In Schwäbisch Gmünd wurden rund 50, in Crailsheim etwa 30 Protestierer gezählt. In Ulm versammelten sich rund 300 Menschen auf dem Münsterplatz.

Berlin

Vor dem Kanzleramt in Berlin hatten bereits am Samstag rund 700 Menschen wegen der angeblichen Vergewaltigung der 13-Jährigen durch Flüchtlinge demonstriert. Der Berliner Ableger der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung, "Bärgida", hatte zu der Kundgebung aufgerufen. Viele Teilnehmer sprachen russisch.

Russische Propagandamaschine

Es ist nicht das einzige Mal, dass russische Medien Falschmeldungen über Probleme Deuschlands mit den Flüchtlingen verbreiten. "Russische Deutsche überfallen Flüchtlingsheim in Deutschland", berichtete das Moskauer Sensationsblatt "Sowerschenno Sekretno" (Streng geheim) vergangene Woche. Weil die deutschen Behörden hilflos seien gegen Flüchtlinge, hätten etwa 400 russischstämmige Männer zur Selbsthilfe gegriffen und mit Baseballschlägern ein Heim in Bruchsal bei Karlsruhe aufgemischt.

Wenn die Geschichte einen wahren Kern haben sollte, ist er um das Hundertfache übertrieben. Nach Polizeiangaben haben vier Männer am Samstag, 16. Januar, im Nachbarort Karlsdorf-Neuthard ein Fenster in einer Flüchtlingsunterkunft eingeworfen, Sachschaden 300 Euro.

Der Artikel ist typisch. Spätestens seit den Übergriffen von Köln in der Silvesternacht wird Deutschland in russischen Medien als Land kurz vor dem Zusammenbruch dargestellt. "Die Ereignisse von Köln haben die Gesellschaft gespalten", heißt es beim TV-Sender Rossija24. "Immer weniger Menschen glauben, dass die Migranten keine Gefahr darstellen." Bürgerwehren seien an der Tagesordnung.

Botschaft: Europa ist schwach

Die propagandistische Botschaft der vom Kreml gesteuerten Medien: Europa ist schwach, ein unsicherer Ort, überrannt von Fremden. Verglichen damit scheint Russland unter Präsident Wladimir Putin glänzend dazustehen - auch wenn der Rubel abstürzt, die Einkommen sinken und das Land Krieg führt in Syrien und verdeckt in der Ukraine.

Vor allem die großen Fernsehsender beeinflussen nicht nur das Publikum in Russland. Sie werden auch von vielen der etwa 2,3 Millionen Menschen in Deutschland gesehen, deren Wurzeln in der früheren Sowjetunion liegen. Einige Beiträge wirken, als sollten sie eine Pogromstimmung unter den Russlanddeutschen schüren.

"Nudelentferner"

Die Polizei sei angehalten, Straftaten von Ausländern zu verschweigen - davon gehen russische Medien genauso aus wie Anhänger der rechtsgerichteten Pegida in Deutschland. Auf der Webseite des Moskauer Privatsenders REN TV sind Artikel zu Köln unter süffisanten Schlagworten wie "Sex-Migranten" oder "Gast-Sexuelle" zu finden. In einen Beitrag über die Silvesternacht wurden vermutlich Bilder geschnitten, die Übergriffe bei Demonstrationen in Kairo 2011 zeigen.

Wer in Russland jemanden belügt oder hinters Licht führt, der hängt ihm - so die Redewendung - "Nudeln über die Ohren". Als "Nudelentferner" bemühen sich der Ex-Nachrichtenredakteur Alexej Kowaljow und seine Mitstreiter in Moskau, Fälschungen und Unwahrheiten der russischen Medien aufzudecken. Auch in Sachen Bruchsal und Berlin haben sie recherchiert. "Offenbar braucht die russische Propagandamaschine dringend Geschichten zur Ablenkung", heißt es auf ihrem Blog.


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