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400.000 angenommene Asylanträge Das verschenkte Potenzial von Flüchtlingen

Im Jahr 2016 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) rund 400.000 Anträge von Asylbewerbern positiv beschieden. Viele von ihnen sprechen Sprachen, für die das Amt Dolmetscher sucht. Es könnte doch Flüchtlinge mit solchem Wissen einstellen, so der Vorschlag bayerischer Integrationsbeiräte. Wird also Potenzial von Neuankömmlingen verschenkt?

Von: Judith Dauwalter

Stand: 21.08.2017

Flüchtlinge auf einem Schlauchboot im Mittelmeer. | Bild: picture-alliance/dpa

Oromo, Amharisch, Tigrinya, Somali: Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge sucht aktuell Dolmetscher für afrikanische Sprachen und Dialekte. So steht es auf der Homepage der Behörde. Dolmetscher-Ausbildungen für diese Sprachen gibt es in Deutschland kaum bis gar nicht. Und so profitiert das Bundesamt hier von Menschen, die aus den entsprechenden Ländern stammen. Nicht selten mit eigener Fluchtgeschichte.

Ein Beispiel ist Khulud Sharif Ali. Die 27-Jährige ist als Kleinkind mit ihren Eltern aus Somalia geflohen und in Deutschland aufgewachsen. In Jahren 2015 und 2016 hat sie freiberuflich bei Asyl-Anhörungen für das Bundesamt gedolmetscht, in verschiedenen Außenstellen in Hessen, wo sie lebt.

"Meine eigenen Erfahrungen haben mir geholfen, mich in die Lage von Flüchtlingen reinzufühlen. Ich versuche neutral zu sein. Das ist manchmal schwierig, wenn man von Landsleuten so ein bisschen unter Druck gesetzt wird."

Khulud Sharif Ali

Flüchtlinge als Integrations-Helfer

Neutralität und Unparteilichkeit verlangt das Bundesamt in seinem Verhaltenskodex für Sprachmittler. Sicher kann es zu Interessenskonflikten kommen, heißt es auch vom Zusammenschluss bayerischer Integrationsbeiräte Agaby, doch dem könne man durch Überprüfung vorbeugen.

Durch den Sitz in Nürnberg ist man nah am Bundesamt und empfiehlt der Behörde schon seit Jahren, verstärkt Menschen mit Migrations- oder sogar Fluchtgeschichte einzustellen - im Asyl, aber auch im Integrationsbereich.

Bundesamt stellt verstärkt Flüchtlinge ein

"Die Geflüchteten haben ein großes Wissen über die Verhältnisse oder auch Gefahren im Land. Weshalb wir es insgesamt gut finden, wenn in allen Bereichen, die mit Migration und Integration zu tun haben, diese Menschen mit ihren Kompetenzen präsent sind."

Mitra Sharifi Neystanak, Agaby-Vorsitzende

Mitra Sharifi Neystanak ist Agaby-Vorsitzende. Laut ihrer Beobachtung der letzten zehn Jahre hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge tatsächlich verstärkt Menschen mit Migrations- oder gar Fluchtgeschichte eingestellt.

Bei den Ausschreibungen etwa für Referenten, Sachbearbeiter oder auch Entscheider spricht das Bundesamt immer wieder explizit „Bewerber aller Nationalitäten“ an. In Zahlen wird ihr Anteil nicht erfasst, heißt es auf Anfrage aus dem Amt. Jedoch befänden sich im Bundesamt eine Vielzahl von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Migrationshintergrund, die allesamt ihre Erfahrungen in den jeweiligen Bereichen gewinnbringend einbringen würden.

Schneller Einsatz von Flüchtlingen

Qualifikationen und Erfahrungen von Menschen mit Fluchtgeschichte sollten möglichst schnell eingebracht werden, besonders im Flüchtlingsbereich selbst. Das sagt auch Herbert Brücker vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

"Wir wissen, dass Geflüchtete im Durchschnitt schon 7,5 Jahre gearbeitet haben. Das Naheliegendste wäre gewesen, die Flüchtlinge direkt nach ihrer Ankunft in die Verwaltungen der Einrichtungen zu integrieren."

Herbert Brücker, Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

Ein Potential also, das – offenbar auch im Bundesamt – durchaus noch besser genutzt werden könnte.

Eine Kompetenz, über das Dolmetschen hinaus, hat man den Sprachmittlern mittlerweile sogar gegeben: Sie müssen nun den Anhörer informieren, wenn ein Antragsteller zum Beispiel behauptet, aus dem Irak zu kommen – während er ein marokkanisch geprägtes Arabisch spricht.

Für diese Neuerung brauchte es den Fall des terrorverdächtigen Bundeswehroffiziers Franco A., der als Syrer anerkannt wurde: Der Dolmetscherin bei seiner Anhörung war er verdächtig vorgekommen. Sie hatte sich aber nicht getraut, das zu melden.


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Dieter, Montag, 21.August, 17:57 Uhr

27. Das verschenkte Potenzial von Flüchtlingen

Es geht nicht mehr um Asyl, sondern um Einwanderung in unsere Sozialsysteme. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Dieter, Montag, 21.August, 17:47 Uhr

26. Asyl

Lese gerade P.Scholl-Latour, Leben in Frankreich, 1987. Er zitiert darin den damaligen Weihbischof von Marseille zu den Nachfahren der nach Frankreich emigrierten Algeriern, den Harki: “Es hat sich ein fataler Zyklus entwickelt…: Immigration, Arbeitslosigkeit, Straffälligkeit und am Ende Hinwendung zum islamischen Fundamentalismus.” Das ist jetzt 30 Jahre her. (...) In Zukunft wird bei uns nicht das Zusammenleben sondern das Überleben ausgehandelt.
M.f.G.
Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
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Stella, Montag, 21.August, 16:59 Uhr

25. Flüchtlinge: Verschenktes Potenzial?

@Frank Cebulla : "gemäß z.B. Genfer Flüchtlingskonvention".
So ist es. Die UNHCR sieht vor, dass Kriegsflüchtlinge in den umliegenden Ländern untergebracht werden, aufgrund der Kultur und wegen anschließender Repatriierung.
Unser Asylrecht wurde ursprünglich für den ehemaligen Ostblock, das unter dem Kommunismus stand, eingeführt.
Alles was wir heute sehen, hat nichts mit gültiger Gesetzgebung zu tun.

  • Antwort von Truderinger, Montag, 21.August, 17:36 Uhr

    Stella, zeigen Sie mir bitte die Passage im Grundgesetz, in der das steht! Unser Asylrecht wurde vor dem Eindruck des zweiten Weltkrieges und der dadurch ausgelösten Flucht und Vertreibung geschaffen!

  • Antwort von Geschichtsnachhilfe, Montag, 21.August, 18:19 Uhr

    Das Asylrecht wurde 1949 im Grundrecht verankert, der Warschauer Pakt, also nach gängiger Sprachart der Ostblock, wurde 1955 gegründet. Damit ist alles gesagt!

Wanda, Montag, 21.August, 16:51 Uhr

24. Einbahnstrasse

Traumtänzer: natürlich sprechen die Sprachen, für die das Amt Dolmetscher sucht. Aber es darf bezweifelt werden, dass sie auch unserer Sprache mächtig sind. Ansonsten ist das nämlich ein Schuss in den Ofen...

Stella, Montag, 21.August, 16:47 Uhr

23. Flüchtlinge: Verschenktes Potenzial?

Sie vergessen und erwähnen dies mit keinem Wort in Ihrem Beitrag: es sind bereits viele, viele Asylanten aus den 80er Jahren hier, die hoch qualifiziert sind, und die keine Chance hatten hier in Deutschland. Was ist mit diesen, deren Lebensläufe Sie schon kaputt gemacht haben nur weil diese nicht die richtige ethnische Herkunft hatten?
Sie bezeichnen diese auf dem Foto abgebildeten Menschen als Flüchtlinge. Wovor flüchten sie? Vielleicht vor der wirtschaftliche Misere? Dann sind es aber Migranten. Wofür brauchen wir so viele Afrikanische Sprachen? Laut unserem Asylgesetz kann NIEMAND aus Afrika hier sein, denn bevor er Deutschen Boden Betritt durchläuft er andere sichere Drittstaaten. Das ist die konkrete reale Gesetzgebung. Wenn man also einem Afrikaner Asyl gewährt in Deutschland, dann ist das widerrechtlich, es beruht nicht auf die gültige Gesetzgebung.

  • Antwort von Den seltenen Namen Stella, Montag, 21.August, 18:19 Uhr

    Den hier bisher in der letzten Zeit nicht vorgekommenen Nickname Stella habe ich vor einigen Tagen genutzt. Solch einen Kommentar hätte ich nicht geschrieben.