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Schattenseite der Digitalisierung Cybercrime – der neue Kriegsschauplatz

So sehr uns die Informationstechnologie das Leben leichter macht, so verwundbar sind wir inzwischen auch: Egal ob Krankenhaus oder Elektrizitätswerke - ohne Datenvernetzung geht nichts. Ein gezielter Angriff auf unsere Strukturen könnte fatale Folgen haben. Sicherheitsexperten arbeiten deshalb an Konzepten für den Ernstfall.

Von: Birgit Schmeitzner

Stand: 17.02.2017

Verschluesselungssoftware | Bild: picture-alliance/dpa

Im Cyberraum greift jeder jeden an - weil es geht. Und weil bisher keiner echte Konsequenzen befürchten muss. Denn einen Angriff gerichtsfest zu beweisen, sagt Marcel Dickow von der Stiftung Wissenschaft und Politik, sei im Grunde genommen unmöglich:

"Wir vermuten, dass  viele Angriffe aus Russland oder aus China zum Beispiel kommen. Wir sehen auch Angriffe, die aus den USA kommen könnten, aber letzten Endes gibt es dafür keine Beweise. Und das  ist gerade die Attraktivität des Cyberraumes – dass der Angreifer  nicht nur technisch einen Schritt voraus ist, sondern dass der Angreifer so gut seine Spuren verwischen kann, dass man am Ende nicht  sagen kann, wer es war."

Marcel Dickow, Stiftung Wissenschaft und Politik

Dickow zufolge ist es sogar ein Leichtes, den Verdacht gezielt auf einen anderen zu lenken. Stichwort false flag operations.

Jeden Tag feindliche Angriffe

Gerade erst hat NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg Zahlen für Angriffe auf die Militärallianz genannt: im Schnitt 500 große Angriffe im Monat, deren Ursprung man in feindlichen Staaten vermutet. Tendenz deutlich steigend. Laut Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sind die Netzwerke des Bundes bis zu 6.500 Angriffen am Tag ausgesetzt.

Das ist die Kehrseite einer vernetzten, digitalisierten Welt. Datenströme machen das Leben leichter, aber ein gezielter IT-Angriff, etwa auf wichtige Infrastrukturen, kann laut Verteidigungsministerium sogar größeren Schaden anrichten als ein konventioneller Luftschlag oder ein Terroranschlag.

Ohne Internet, sagt von der Leyen, läuft nichts.

"Weder die Kommunikation, noch Containerhandel, noch Elektrizitätswerke, Krankenhäuser, um nur einige Themen zu nennen. Das zeigt auch, dass wir abhängig sind von gut funktionierender Vernetzung und Informationstechnologie und da auch potentiell verwundbar."

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen

Neuer Bereich geschaffen

Das gilt der Ministerin zufolge ebenso für die Bundeswehr – eine Erkenntnis, die eine Umstrukturierung ausgelöst hat. Der Bereich Cyber- und Informationsraum wird zur eigenen Teilstreitkraft mit einem Inspekteur an der Spitze. Der CSU-Verteidigungspolitiker Florian Hahn spricht von einer gewaltigen strukturellen Veränderung, die auch wissenschaftlich begleitet werde.

"Es wird hier in München an der Bundeswehruniversität ein entsprechendes Zentrum entstehen mit elf Professuren. Die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich wird in Neubiberg an der Bundeswehruniversität platziert. Wir holen mit großen Schritten das nach, was wir in den vergangenen Jahren verpasst haben."

Florian Hahn, CSU-Verteidigungspolitiker

Der Sicherheitsexperte Marcel Dickow bezeichnet das als wichtigen und richtigen Schritt. Er gibt aber eines zu bedenken:

"Das löst natürlich nicht die Rekrutierungsprobleme: es gibt einfach zu wenig Experten in Deutschland, und von den wenigen können sich ohnehin nicht viele vorstellen, für die Bundeswehr zu arbeiten."

Marcel Dickow, Stiftung Wissenschaft und Politik

Unklare Kompetenzen

Dickow fehlen zudem Informationen über die politische Strategie des Verteidigungsministeriums: Gerade bei der Frage, wie offensiv die Bundeswehr im Cyberraum vorgehen darf, seien Vertreter des Ministeriums bei der entsprechenden Anhörung im Fachausschuss des Bundestages ausgewichen.

Der Leiter der Abteilung Cyber und Informationstechnik im Verteidigungsministerium, Klaus-Hardy Mühleck, forderte unlängst selbst klare politische Ansagen, welche Befugnisse die Bundeswehr bei Cyber-Angriffen aus dem Ausland haben soll. Mühleck ist der Ansicht, dass man in einem solchen Fall die entsprechenden ausländischen Server abschalten dürfen muss.

Die Vereinten Nationen beschäftigen sich übrigens auch mit dem Cyberraum, im Rahmen von grundsätzlichen Gesprächen. Die Ansage lautet Marcel Dickow zufolge: das Völkerrecht, wie wir es kennen, soll nicht nur offline sondern auch online gelten. Was das konkret heißen soll, ist aber unklar. Und so gehen erst einmal die Angriffe weiter. Und zwar wohl so lange, bis zumindest die großen Player erkennen, dass der Cyberkrieg ihnen selbst zu gefährlich wird.


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