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Neuer CSU-Bezirksvorsitzender in Niederbayern Andreas Scheuer - der Machthungrige

Der Generalsekretär ist jetzt auch Bezirkschef der CSU Niederbayern: Andreas Scheuer holte 94,2 Prozent der Stimmen. Den Machtkampf gegen mögliche Gegenkandidaten gewann er vorher schon.

Von: Sebastian Kraft

Stand: 19.02.2016

Andreas Scheuer steht da wie ein kleiner Schulbub. Er holt sein Handy aus der Tasche und dreht sich von der großen Gruppe weg. Man kann spüren, was in ihm vorgeht. Es sind die berühmten Momente, wo man am liebsten im Boden versinken möchte. Abtauchen, gar nicht da sein. Doch dazu ist es zu spät. Längst hat jeder mitbekommen, wie Horst Seehofer den damaligen Staatssekretär im Verkehrsministerium öffentlich niedermachte. Die Szene ist etwas mehr als drei Jahre her. Zwischen damals und heute liegen allerdings Welten.

 Als "Praktikant" verspottet

Damals, das war auf einem Steg an der Donau in Deggendorf am 10. Dezember 2012. Seehofer wollte seinen Kursschwenk beim Donauausbau mit einem medialen Show-Besuch vollziehen. Auf dem Schiff erzählte ihm aber jemand, dass die von Seehofer favorisierte sanfte Variante unter Umständen nach EU-Richtlinien gar nicht förderungsfähig ist. Seehofer schnappte sich daraufhin den für die Schifffahrtswege zuständigen Staatssekretär und kanzelte ihn vor aller Augen ab: "Andreas, du rufst jetzt sofort an und klärst das. Wenn das stimmt, haben wir all die Jahre umsonst diskutiert." Am selben Abend kam es dann für Scheuer noch schlimmer: Auf der inzwischen legendären Weihnachtsfeier in der Cafe Reitschule verspottete ihn Seehofer als "Praktikant."

Nach diesem Tag verschwand Andreas Scheuer einige Zeit in der medialen Versenkung. Als die CSU 2013 einen neuen Generalsekretär suchte, fielen zahlreiche Namen: Thomas Silberhorn, Markus Blume oder Daniela Ludwig. Freuen durfte sich am Ende einer, den keiner so wirklich auf der Rechnung hatte: Andreas Scheuer. Seitdem geht es für den mittlerweile 41-jährigen Passauer bergauf.

Umstrittener Doktor

Scheuer hat schon in jungen Jahren die politischen Mechanismen inhaliert wie einst Markus Söder: 2002 zog er über die Liste in den Bundestag ein, 2005 sicherte er sich das Direktmandat, indem er in Passau hinter dem Rücken des damaligen CSU-Abgeordneten eine Mehrheit organisierte. Seinen umstrittenen Doktortitel holte er sich mit weniger Aufwand als üblich in Tschechien – im Wissen, dass auf dem Wahlzettel der Doktortitel in der CSU genauso wichtig ist wie für die Grünen der Biobauer. Und sein großer Wille zur Macht bringt ihm trotz vieler Widerstände jetzt auch den Bezirksvorsitz in Niederbayern.

Es war ein mitunter skurriles Schauspiel. Der Posten wurde frei, weil Manfred Weber jetzt Parteivize ist und nach den Statuten nicht mehr einem Bezirk vorstehen kann. Neben Scheuer warfen erst Bildungsstaatssekretär Bernd Sibler und der Straubinger Oberbürgermeister Markus Pannermayr ihren Hut in den Ring, später folgte noch der Deggendorfer Landrat Christian Bernreiter. Normalerweise sind die CSU-Bezirke so selbstbewusst, dass sie sich von Seehofer eine so wichtige Personalie nicht diktieren lassen. In diesem Fall sprach der noch amtierende Bezirksvorsitzende Manfred Weber mit seinem Wunschkandidaten Bernreiter sogar bei Seehofer vor.

Kein Richtungsstreit

Scheuer hatte das mitbekommen und sprach einen Tag vorher mit Seehofer – in dem Wissen, dass ein Parteichef eigentlich seinen Generalsekretär gar nicht beschädigen kann, schon gar nicht in dieser angespannten politischen Situation. "Es war kein Richtungsstreit, sondern ein sportlicher Wettkampf", schildert einer, der das alles aus nächster Nähe mitbekommen hat. "Dann gibt es am Ende eben einen Sieger und einige Verlierer." Scheuer gewann diese Spiel über mehrere Wochen auch deshalb, weil er das richtige Gespür hatte, wann welches Gespräch zu führen ist – und wann man im Zweifel ein Treffen platzen lassen muss.

Seine Hausmacht wird jetzt größer – Bezirksvorsitzende sind in der CSU einflussreich. Das wird für Scheuer wichtig, vor allem in der Zeit nach 2018. Bisher ist er ein Generalsekretär von Seehofers Gnaden, als Bezirksvorsitzender eines großen Verbandes kommt Seehofers Nachfolger bzw. Nachfolgerin nicht an ihm vorbei. Diese Doppelrolle ist übrigens nichts Ungewöhnliches: Schon Erwin Huber und Karl-Theodor zu Guttenberg waren als Generalsekretäre auch Bezirksvorsitzende.

Scheuers Auftritte als Generalsekretär werden in Berlin häufig belächelt – mitunter füllt er aber seine Rolle als Lautsprecher und Provokateur ganz im Sinne der CSU aus. Er poltert, er droht, er beschimpft – und ist damit wesentlich präsenter als der CDU-Generalsekretär. Auch intern hat er in zwei Jahren durchgezogen, was ihm kaum einer zugetraut hätte: Der Umzug der CSU-Landesleitung aus dem trostlosen alten Innenstadtbau in ein modernes und funktionales Gebäude im Norden Münchens. Scheuers Vorgänger Alexander Dobrindt und Markus Söder haben von so einem Schritt nur geredet.

Kein Sympathieträger

Ein Sympathieträger ist der neue starke Mann in Niederbayern nicht. In der Partei fällt er nicht durch Kollegialität auf, für viele Journalisten sind seine Ausführungen viel zu oberflächlich. Unvergessen, als er während der Kreuther Klausur im Januar 2015 zum Hintergrundgespräch einlud und die Berliner Journalisten so langweilte, dass diese im Laufe des Abends Scheuers Vorgänger Alexander Dobrindt herbeibaten, um die wirklich relevante Infos zu bekommen. Scheuer schluckt diese Defizite professionell weg und versteht es, im richtigen Moment präsent zu sein und im Hintergrund Mehrheiten zu organisieren. Dazu ein ungebändigter Wille zur Macht – und der hat in der Politik meistens nicht geschadet, wenn man nach oben will.


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