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Warum ist die Droge dort so verbreitet? Crystal Meth-Hochburg Sachsen

Kein anderes Land hat so große Probleme mit Crystal Meth wie Sachsen. Die Droge ist flächendeckend verbreitet. Die Zahl der Süchtigen hat sich in wenigen Jahren verdoppelt. Auch immer mehr spezielle Betreuungsplätze für abhängige Mütter und deren Babys werden gebraucht. Aus der Tschechischen Republik, wo Crystal Meth in Laboren produziert wird, kommt die Droge nach Recherchen von Bastian Wierzioch nahezu ungehindert über die Grenze.

Von: Susanne Betz und Bastian Wierzioch

Stand: 11.01.2018

Um bis zu 50 schwangere Crystal Meth-Konsumentinnen und deren Kinder vor und nach der Geburt kümmert sich der Kinderarzt Norbert Lorenz im Städtischen Klinikum Dresden pro Jahr.  

Babys mit zu kleinen Köpfen 

Norbert Lorenz vom Städtischen Klinikum Dresden

Als mögliche Schäden, die die Droge bei den Babys im Mutterleib anrichtet, nennt der Oberarzt Untergewicht, zu kleine Köpfe, Herzfehler oder Fehlbildungen anderer Organe. Auch hätten diese Kinder später fast immer Schulprobleme. Die Droge wirkt sexuell stimulierend, bringt das Körpergefühl durcheinander, den Frauen fällt es schwerer zu verhüten. Außerdem prostituieren sich viele der Abhängigen, um Geld für neuen Stoff zu verdienen. Obwohl es immer mehr drogenabhängige Mütter und Schwangere in Sachsen gibt, fehle es an Geld und an Behandlungseinrichtungen, beklagt Lorenz:

"Wenn sie weiter nach Osten oder in kleinere Städte gehen, ist es für die Kinderkliniken ein riesengroßes Problem, weil die Ressourcen gar nicht da sind."

Oberarzt Norbert Lorenz

Zu wenig Polizei entlang der Grenze

Lebenshilfe Sebnitz

In keinem anderen Bundesland hat sich die synthetische Droge so flächendeckend ausgebreitet wie in Sachsen. 2016 suchten laut Gesundheitsministerium 5.000 Süchtige eine Beratungsstelle auf. Seit 2000 hat sich deren Zahl mehr als verdoppelt. Andreas Schimkat leitet in Sebnitz eine Suchtbehandlungs- und Beratungsstelle. Dort lernen die Patienten, wieder ein eigenständiges und strukturiertes Leben zu führen. Psychisch sei der Entzug kaum auszuhalten, berichten ehemalige Konsumenten.

Suchttherapeut Andreas Schimkat

Unter den Patienten, so Schimkat, seien gut verdienende Akademiker ebenso wie klassische Sozialfälle. Crystal Meth habe alle Gesellschaftsschichten erreicht. Warum aber ist das Problem gerade in Sachsen so heftig?

Der Therapeut Schimkat hat eine eindeutige Antwort: zu wenig Polizei, zu wenig Kontrollen entlang der langen Grenze zur Tschechischen Republik. Außerdem lohnt es sich für die Dealer, "ist ein lukratives Geschäft", sagt Schimkat. Therapieeinrichtungen wie in Sebnitz gibt es inzwischen über 40 in Sachsen.

Kommunen verschweigen das Problem.

Schlagzeuger Sebastian Caspar

Der Leipziger Schlagzeuger Sebastian Caspar war süchtig. Darüber hat der 41-Jährige einen düsteren Roman geschrieben. Vor elf Jahren schaffte er es clean zu werden – und clean zu bleiben, auch wenn Stress kam.
Neben der Nähe zu den tschechischen Laboren und Asia-Märkten, wo die Droge billig verkauft wird, sieht Caspar die zweite Ursache für den zunehmenden Konsum darin, dass Crystal Meth in die Zeit passe. Man kann damit viel mehr schuften und lange wach bleiben. Caspar kritisiert die sächsische Politik, dass sie das Drogenproblem zu defensiv angehe.

Kommunen fürchteten um ihr Image, Politiker steckten den Kopf in den Sand. Typisch sächsisch meint der Schlagzeuger:

"Das war ja in den 90ern mit national befreiten Zonen ähnlich. Das Problem gibt es nicht. Wir haben dann gesehen, was daraus würde, nämlich der NSU."

Sebastian Caspar 

Die B5 Reportage

Crystal Meth-Land Sachsen – Warum die Droge dort so verbreitet ist

Reportage am Sonntag, 14.01.2018, 14:35 und 21:35 Uhr, B5aktuell

Autor: Bastian Wierzioch
Redaktion: Susanne Betz


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