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Crystal Meth-Babys in Bayern Die unsichtbaren Kinder

Crystal Meth hat sich in einigen bayerischen Regionen zu einer regelrechten Frauendroge entwickelt, mit fatalen Folgen: denn Schwangere schaden mit Crystal nicht nur sich, sondern auch den ungeborenen Kindern.

Von: Claudia Gürkov, Alex Brutscher

Stand: 21.03.2016

Bayern ist das Bundesland mit der vermutlich längsten Crystal Meth-Erfahrung. Mitte der 90er-Jahre fiel die Droge im Grenzgebiet zu Tschechien erstmals auf. Seit etwa acht Jahren ist Methamphetamin, so der wissenschaftliche Name, ein größeres Thema im Freistaat – nicht mehr nur ganz im Osten.

"Mein Baby sehe ich jede Woche. Nach der Geburt musste ich ihn abgeben, weil ich in der Schwangerschaft konsumiert habe."

Lucy

Lucy heißt eigentlich anders, die Regensburgerin will nicht erkannt werden. Seit ihrem 14. Lebensjahr hat sie Amphetamine genommen, mit 18 wechselte sie zu Crystal Meth. Weil die Droge die Menstruation unterdrückt, merkte sie erst gar nicht, dass sie schwanger war und nahm weiter Crystal. Als sie es wusste, konnte sie es nicht lassen.

"Ich hab’s mir schön geredet, ich hab mir eingeredet, dass es eh nicht bis zu meinem Kleinen durchdringt. Das hört sich sauegoistisch an, ich hab' schon an meinen Kleinen gedacht, aber in dem Moment ausgeblendet."

Lucy

Suchtberatungen melden, dass immer mehr Frauen Crystal Meth nehmen. Bei den erstauffälligen Konsumenten, die die Polizei fasst, stellen sie inzwischen etwa ein Drittel – so viel wie bei keiner anderen illegalen Droge. Andere bayernweite Zahlen gibt es nicht.

Babys auf Entzug

Je mehr, je häufiger und je später in der Schwangerschaft eine Frau Crystal Meth nimmt, desto größer sind die Schäden beim Kind. Sie bleiben mental und motorisch zurück. Wie viele Crystal Meth-Babys es in Bayern oder Deutschland gibt, weiß niemand, sie werden nicht erfasst. In der Passauer Kinderklinik Dritter Orden tippt Chefarzt Matthias Keller auf etwa 15 Babys im Jahr. Im Leipziger Sankt Georg Krankenhaus geht die Chefin der Neonatologie, Eva Robel-Tillig, von zehn Prozent aller Geburten aus - und einer riesigen Dunkelziffer. Denn Crystal-Kinder fallen oft durch das Raster.

"Sie versuchen jede größere Menschenansammlung zu meiden, reagieren nicht adäquat, schreien ganz schrill, bis hin zu Autoaggressivität. Die Kinder reißen sich die Haare aus, schlagen mit dem Kopf auf den Boden, bauen mit ihren Bezugspersonen keine adäquate Bindung auf. Das wissen wir inzwischen aus Nachuntersuchungen."

Eva Robel-Tillig, Chefin der Neonatologie im Leipziger Sankt Georg Krankenhaus

Weil der Drogenspiegel sinkt, sind die Neugeborenen auf Entzug und das heißt bei Crystal: antriebsarm. Die Babys schlafen viel und trinken wenig. Seit einigen Jahren untersuchen Robel-Tillig und ihr Team die Kinder systematisch: oft ist das Gewicht nicht ausreichend, der Kopf zu klein. Auffällig werden sie erst später. Entweder fällt die Fremdelphase aus oder die Kinder sind überängstlich. Was Crystal Meth und andere Drogen genau im Körper der ungeborenen Kinder anrichten, beginnt die Wissenschaft erst langsam zu verstehen.

Vier Wahrheiten über Crystal Meth

1. Lange Geschichte in Deutschland

Dank Methamphetamin hofften die Nazis auf perfekte Soldaten – Schlaf, Hunger und Durst wurden durch die sogenannte "Stukka-Pille" verdrängt, das Schmerzempfinden herabgesetzt. Auch heute geht es um Leistung, um Perfektion – sei es im Büro, in der Disco oder im Bett.

2. User erkennt man nicht sofort

"Crystal-Monster" wie sie auf US-Websites zu sehen sind, decken sich nicht mit der deutschen Realität. Der Drogenkonsum zeigt sich vor allem an den Zähnen, die aber lassen sich Betroffene oft richten. Wer lange und in hohen Dosen Crystal Meth nimmt, dem droht eine Myokardie, eine lebensgefährliche Herzschwäche. Am meisten aber machen Crystal-Usern paranoide Wahnvorstellungen und psychotische Episoden zu schaffen. Die Angst dabei, wie auch depressive Verstimmungen nach dem Drogenhoch, können zum Suizid führen.

3. Der Besitz ist strafbar

"Es gibt oft das Missverständnis, dass der Besitz von Crystal Meth zum Eigenverbrauch straffrei ist. Das stimmt nicht. Es ist ganz klar strafbar. Auch wenn Sie eine kleine Menge Crystal dabei haben, ist das eine Straftat. Je nach Menge und Vorstrafen kann ein Richter eine Geldstrafe aber auch mehrere Jahre Haft verhängen." Sigrid Kienle, Leiterin Task Force Crystal am Bayerischen Landeskriminalamt

4. Keine Handhabe während der Schwangerschaft

Konsumiert eine Schwangere Crystal Meth oder andere Drogen und schadet damit dem ungeborenen Kind, sind mehr oder minder allen Akteuren die Hände gebunden. Das ungeborene Kind ist nach deutschem Gesetz keine Rechtsperson. Das bestätigt Christiane Lankes vom Regensburger Jugendamt: "Wir haben keine Zwangsmittel. Wenn das Kind geboren ist, sieht des anders aus. Aber in der Schwangerschaft hoffen wir auf die Vernunft der Mutter, auf die Liebe zu ihrem Kind, das sie großziehen möchte und versuchen dann so zu motivieren."

Man weiß, dass man fast nichts weiß

Weil es bisher kaum belastbare Zahlen gibt, fordert Chefarzt Matthias Keller ein bundes- oder zumindest bayernweites Register. So könnten die Kinder eingepflegt werden, um sie strukturiert nachzuuntersuchen. Keller sieht im Moment deutliche Defizite. Schließlich sei es ja interessant zu wissen, wie hoch die Häufigkeit wirklich ist und wie sich diese Kinder entwickeln. Der Datenmangel sei nicht hinnehmbar. Aus mehreren Gründen: Crystal hat sich einen festen Platz auf dem Drogenmarkt erobert. Die Crystal-Abhängigen, die in der Suchthilfe aufschlagen, haben im Schnitt eineinhalb Kinder. Und: Die ersten Crystal Meth-Babys dürften in Bayern schon junge Erwachsene sein.


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Carito, Mittwoch, 23.März, 18:15 Uhr

7. Doppelmoral

Da wird über eine Droge gepoltert aber im gleichen Gegenzug nimmt man pro Jahr 10000 Missgebildete Babys durch den Alkohol in kauf. Ist immer putzig zu lesen wie der Alkohol von den Drogengegnern verteidigt und verharmlost wird.

B., Dienstag, 22.März, 18:02 Uhr

6. Guter Beitrag

Gute Reportage zu einem auch in Fachkreisen noch viel zu unbekannten Problem.
Mal wieder eine Gürkov-Reportage in bekannt kompetenter Qualität

Realist50, Montag, 21.März, 21:02 Uhr

5. rechtstreue Abgeordnete

...interessant wird es, wenn die Grünen im Gesundheitsausschuss zu der Problematik Stellung nehmen müssen. Man/frau kann sich ja beim Kollegen Volker Beck mal erkundigen, wie Crystal denn so wirkt. Als Experte könnte dann dieser Herr Stellung nehmen, der ja mit Duldung, Wissen und Wollen der Grünen für eine, nach eigenen Worten, liberale (was immer er damit auch meint) Drogenpolitik eingetreten ist und auch volle Rückendeckung durch andere Grünen Politiker erhielt. Wenn man/frau dann solche Berichte über die Folgeschäden von Crystalkonsum liest, dann kann man/frau sich nicht mal mehr an den Kopf fassen, denn der ist einem zu schade. Solche Leute sind Vertreter des Volkes, nun ja, des "normalen" arbeitenden und steuerzahlenden Volkes gewiss nicht, vielleicht von denen, die einen gewissen Obskurantismus für sich in Anspruch nehmen. Wir leben in Plem Plem Land.

frankenmikel, Montag, 21.März, 16:59 Uhr

4. Dealer anständig bestrafen.

Es gibt nicht wenige Länder auf diesem Planeten, da hat man das letzte mal gedealt, wenn man denn dabei erwischt wird. Solcherlei Gedankengut ist allerdings in einem Rechtsstaat wie dem unsrigen sicherlich political not correct. Allerdings kann man durchaus die Meinung haben, dass Verkäufer von Drogen, die sehenden Auges den Verfall ihrer Mitmenschen bis hin zu deren Tod u verantworten haben, wohl keine Belohnung in Form des bundesrepublikanischen Strafvollzuges mehr verdient haben. Wenn man allerdings Leute wie Beck als durchaus nicht unbedeutende Meinungsträger an den Schalthebeln der Macht sitzen hat, dann mag man nicht recht daran glauben, dass ernsthaft versucht wird, diesem Problem Herr zu werden. Eher wäre wahrscheinlich Helmut Schmidt zum Nichtraucher geworden.

Barbara, Montag, 21.März, 16:17 Uhr

3. Drogensüchtige Leute, die im Drogenrausch

Kinder in die Welt setzen, sind Verbrecher! Die drogengeschädigten Kinder werden ihre drogensüchtigen Eltern ein Leben lang anklagen!

  • Antwort von Wolf, Montag, 21.März, 16:33 Uhr

    Ja,am besten wir nageln sie ans Kreuz oder steinigen sie....gehts noch bl.....???

  • Antwort von Barbara, Dienstag, 22.März, 12:22 Uhr

    WER nagelt WEN ans Kreuz? Die Drogensüchtigen nageln die Unschuldigen ans Kreuz und steinigen die Unschuldigen! Die Schuldigen sind die Verbrecher, nicht umgekehrt! Wer Drogen konsumiert und dabei andere schädigt, der kreuzigt die Unschuldigen! Geht`s bei Ihnen denn noch?

  • Antwort von Wolf, Dienstag, 22.März, 16:34 Uhr

    Ein Süchtiger ist krank! Geht das auch in ihren k...... Kopf?