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Präsidentschaftswahlen in Chile Frust im Vorzeigestaat

Chile gilt als Vorzeigeland in Südamerika. Knapp 20 Jahre nach Ende der Diktatur scheint die junge Demokratie stabil zu sein. Die Wirtschaft wächst, Unternehmer haben mehr Sicherheit als früher auch der Lebensstandard ist spürbar gestiegen. Aber eben nicht überall im Land. Daher macht sich auf vielen Ebenen auch Frust breit. Keine guten Voraussetzungen für die kommende Präsidentschaftswahl.

Von: Anne Herrberg und Henryk Jarczyk

Stand: 17.11.2017

Seit dem Ende der Militärdiktatur Pinochets im Jahr 1990 haben sich in Chile zwei politische Koalitionen an der Regierung regelmäßig abgewechselt - die Rechts-Konservativen auf der einen Seite und ein breites Mitte Links Bündnis auf der anderen, das unter dem Namen "Nueva Mayoría" (Neue Mehrheit) die aktuelle Regierung unter Präsidentin Michelle Bachelet stellt.

Michelle Bachelet wird wahrscheinlich von Ex-Präsident Piñera abgelöst

Chiles Presidentin Michelle Bachelet in der Seilbahn auf dem Hausberg von Santiago de Chile

Die 66-jährige Sozialistin darf nicht mehr kandidieren. Doch auch ihr Bündnis, das tiefgreifende Reformen angekündigt hatte, konnte in seiner zweiten Regierungszeit offenbar nicht überzeugen - es erwies sich als träge und ist intern zerstritten. Umfragen zufolge wird es daher höchstwahrscheinlich von konservativen Kräften mit Ex-Präsident Sebastián Piñera an der Spitze abgelöst. Viele Chilenen erhoffen sich damit eine Rückkehr des Landes zu mehr Wirtschaftswachstum. Dabei gilt Chile eigentlich als das Vorzeigeland in Südamerika. Knapp 20 Jahre nach Ende der Diktatur scheint die junge Demokratie stabil zu sein. Die Wirtschaft wächst, Unternehmer haben mehr Sicherheit als früher. Auch der Lebensstandard ist spürbar gestiegen. Aber eben nicht überall im Land. 

Korruption und soziale Ungleichheit

Chile – so die Kritik – verzeichne nach wie vor gravierende soziale Ungleichheit, ein soziales Netz existiert praktisch nicht. Schon 2011 gingen zahlreiche Studenten auf die Straße, um für kostenlose Bildung und mehr soziale Gerechtigkeit zu protestieren. Doch angekündigte Reformen blieben Stückwerk. Zahlreiche Korruptionsskandale haben gleichzeitig das allgemeine Vertrauen in die Politiker systematisch ausgehöhlt.

Ethnischer Konflikt mit den Mapuche

Mapuche Gemeinschaften von Rio Bueno fordern die Freilassung der politischen Gefangenen und protestieren gegen das "Anti-Terrorismus"-Gesetz

Im Süden Chiles tobt zudem ein Konflikt mit der ethnischen Minderheit der Mapuche um Land und Selbstbestimmung. Gerade auch deshalb macht sich nun kurz vor der Präsidentschaftswahl auf vielen Ebenen Frust breit. Heute ist Chile ein Land, durch das sich tiefe Gräben ziehen. Ein Land in dem sich gleichzeitig aber auch alternative politische Kräfte entwickeln, die einen neuen sozialen Pakt fordern.

Die B5 Reportage

Frust im Vorzeigestaat – Präsidentschaftswahlen in Chile

Reportage am Sonntag, 19.11.2017, 14:35 und 21:35 Uhr, B5aktuell

Autorin: Anne Herrberg
Redaktion: Henryk Jarczyk


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