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Chancen für Kinder 2017 Schlechte Noten für Bayern

Zu undurchlässig, zu wenig Ganztagsschulen, niedriger Inklusionsanteil: In einer neuen Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung bekommt das bayerische Schulsystem schlechte Noten. Das Bayerische Kultusministerium spricht dagegen von einer Spitzenposition in der Kompetenzförderung.

Von: Nadine Bader

Stand: 01.03.2017

Schülerin in einer Klasse hebt den Zeigefinger | Bild: pa/dpa

Das bei Bildungsstudien häufig gut abschneidende Bayern auf dem letzten Platz - und zwar beim Thema Ganztagsschule. Die Ergebnisse des Chancenspiegels haben es in sich. Die Verfasser der Studie attestieren Bayern darin Modernisierungsrückstände. Nur 15 Prozent der Schülerinnen und Schüler besuchen im Freistaat eine Ganztagsschule. Mittlerweile sind es deutschlandweit knapp 40 Prozent.

"Wenn der Ausbau des Ganztagsschulwesens in der bisherigen Geschwindigkeit, die ja immer hin vorhanden ist, weitergeht, würde es noch 30 Jahre brauchen, bis alle Kinder und Jugendliche in Deutschland eine Ganztagsschule besuchen können."

Dr. Jörg Dräger, Bertelsmann Stiftung

Rechtsanspruch auf Ganztagsschule

Ohne Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz sei keine Beschleunigung beim Ausbau zu erwarten. Für Ulrich Kober, Programmdirektor des Bereichs Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung geht es beim Thema Ganztagsschule auch um die Frage der Chancengerechtigkeit.

"Die Hoffnung ist natürlich, dass wenn die Ganztagsschule etabliert ist, die Nachteile für die Kinder, die eben nicht bildungsstarke Eltern haben, kompensiert werden."

Ulrich Kober, Bertelsmann Stiftung

Bayern bei Inklusion hinten

Insgesamt sehen die Verfasser der Studie gut 15 Jahre nach dem Pisa-Schock auch positive Entwicklungen. Zum Beispiel was den Erwerb der Hochschulreife betrifft. Bundesweit machen mittlerweile mehr als 50 Prozent der Schulabgänger Abitur. Sorgen bereiten den Experten aber die Unterschiede zwischen den Bundesländern.

"Wenn man sich die Bundesländer anschaut und vergleicht, ist der Lift bei einigen auf der ersten Etage stehen geblieben, und andere sind bis in den zehnten Stock gekommen."

Prof. Dr. Wilfried Bos, Institut für Schulentwicklungsforschung an der TU Dortmund

Bayern liegt bei der Hochschulreife-Quote im Mittelfeld. Beim Inklusionsanteil, also beim Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen, auf den hinteren Rängen.

Bayern hat wenig Schulabbrecher

Beachtlich aus Sicht der Verfasser ist aber, dass das Risiko, die Schule ohne einen Abschluss zu verlassen, deutlich zurückgegangen ist. Der Wert hat sich in Bayern halbiert auf 4,5 Prozent.

"Und das ist auch besser als im Bundesdurchschnitt, der liegt bei 5,8 Prozent. Also es ist eine beachtliche Leistung, dass es die bayerischen Schulen schaffen, Kinder nicht verloren zu geben und dafür zu sorgen, dass sie wirkliche eine Schule verlassen mit einem Abschluss."

Ulrich Kober, Programmdirektor Integration und Bildung der Bertelsmann Stiftung

Aus Sicht des Bayerischen Kultusministeriums ist das ein Zeichen dafür, dass es im Freistaat nicht nur um die Förderung von Spitzenleistungen geht, sondern alle entsprechend ihrer Begabungen und Interessen bestmöglich gefördert werden. Bayern werde zudem das Angebot an Ganztagsschulen ausbauen, um Schülerinnen und Schüler unabhängig vom Elternhaus noch stärker zu fördern.


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Hadschi Halef Omar ben Hadschi etc. etc. etc., Mittwoch, 01.März, 20:41 Uhr

5. Inklusion / Schulabschlüsse

sollte man nicht die Zahlen miteinander vergleichen, die kundtun, wie groß der Anteil der Kinder ist, die ohne einen Abschluss die Schule verlassen und das dann bemängeln?

Wolle28, Mittwoch, 01.März, 19:35 Uhr

4. Kindeswohl oder Elternwohl?

Interessanterweise wird in der Diskussion um die Ganztagsschule immer die Kompensation von Nachteilen für bildungsferne Schüler angeführt. Diese lässt sich bis dato in keiner Studie belegen. Wer regelmäßig ab 14 Uhr vor einer Ganztagsklasse steht, weiß auch warum. Ein Großteil der Schüler ist nach sechs anstrengenden Vormittagsstunden - die übrigens zu Zeiten der Elterngeneration noch das Normalmaß waren - in Bezug auf Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit einfach am Ende. Den Kindern dann noch irgendwelchen Lernstoff reinzupressen oder ihn auch nur mit ihnen einzuüben, macht in der Regel wenig Sinn.
Das Kindeswohl erscheint insgesamt nur vorgeschoben. Der Wunsch nach einem Rechtsanspruch spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache. Es geht in erster Linie um ein erweitertes Betreuungsangebot und damit um das Elterninteresse. Dies mag aus gesellschaftlicher Sicht als durchaus legitim erscheinen. Man sollte dann aber so ehrlich sein, und das Kind beim Namen nennen.

  • Antwort von civis ignobilis, Mittwoch, 01.März, 20:23 Uhr

    Oft - besonders in Großstädten und bei Geringverdienern - kann es durchaus nötig sein (wie schon Leonia im Beitrag 3 angemerkt hat), dass beide Eltern oder gerade Alleinerziehende arbeiten müssen, um finanziell über die Runden zu kommen - hier macht eine Ganztagesbetreuung durchaus Sinn. Wenn sich allerdings die Bertelsmann-Stiftung so massiv dafür einsetzt, gehe ich stark davon aus, dass es hier nicht allein um die Interessen der Eltern (oder gar der Schüler) geht, sondern v.a. um die Interessen der Wirtschaft. Ich kenne übrigens Lehrkräfte, die Nachmittagsunterricht geben: Sie zweifeln sehr stark an der Effizienz des Nachmittagsunterrichts, da die Schüler dann ziemlich am Ende ihrer Kräfte sind. Ich persönlich habe es als Schüler immer genossen, wenn ich mich nachmittags nach den Hausaufgaben meinen Interessen widmen oder mich mit Freunden treffen konnte.

Leonia, Mittwoch, 01.März, 19:35 Uhr

3. Knappes Angebot mit Nebeneffekt

Das geringe Angebot an Ganztagsschulen hat einen Nebeneffekt: Familien, bei denen entweder beide Elternteile arbeiten gehen müssten, um finanziell über die Runden zu kommen, oder in denen es nur ein Elternteil gibt, müssen entweder einen Hort oder ein anderes Angebot finden, in dem die Kinder nachmittags untergebracht werden. Oder sie landen in prekärer Wirtschaftssituation. Bei Alleinerziehenden ist dies besonders häufig der Fall.
Aber in einem Bundesland, in dem die Regierungspartei immer noch das alten Ehe- und Familienmodell als allein seligmachend betrachtet, kann man wohl nicht erwarten, dass man für Menschen, die sich dieses Modell nicht leisten können, etwas mehr tut. Und dazu gehören auch Ganztagsschulen.
Die außerdem ganz nebenbei noch ein hervorragendes Mittel wären, dem Nachwuchs evtl. bildungsferner Familien mehr Bildung angedeihen zu lassen.

Wolfgang Schönfelder, Mittwoch, 01.März, 19:35 Uhr

2. Wozu Inklusion?

Hallo,
kann jemand den Sinnvon Inklusion erklären, ich sehe nur Nachteile!
Vereinfacht ohne bremsende inkusionsschüler braucht ein Lehrer vielelicht 25h Mathematik für die Prozentrechnung bis 90% der Schüler es mehr oder weniger gut erfasst haben und anwenden können.
Mit Inklusion können es aber dann leicht 30h werden, wo ist dann der Gewinn für die sozial- und lerngesunden Kinder?

( Rollifahrer z.B. in hier nicth gemeint )

  • Antwort von civis ignobilis, Mittwoch, 01.März, 20:56 Uhr

    Das sehe ich genauso: Schüler sollten das Ziel ("Quali", Mittlere Reife, Abitur) der Schule, die sie besuchen, auch erreichen können. Jemand, der körperlich behindert ist, kann durchaus das Abitur erreichen. Anders sieht es wohl bei einer geistigen Beeinträchtigung aus: Hier kann der Besuch einer Förderschule, in der in kleinen Gruppen, mit speziell ausgebildeten Lehrkräften und in einer den Schülern angepassten Lerngeschwindigkeit gearbeitet wird, wesentlich sinnvoller sein.

civis ignobilis, Mittwoch, 01.März, 19:27 Uhr

1. Ganztagsschule

Bei uns auf dem Land wird oft keine Ganztagessschule angeboten; Grund: mangelnde Nachfrage durch durch Eltern und Schüler.
Ich habe auch einmal persönlich mit einem Schulleiter eines Gymnasiums einer bayerischen Großstadt gesprochen, der in seiner Schule eine Ganztagesschule anbietet: Er beklagte einen drastischen Rückgang der Anmeldungen für den Ganztagesbetrieb.
Seltsamerweise haben wir in BY trotz der schlechten Noten, die unser Schulsystem durch die Bertelsmann-Stiftung erhält, die zweitniedrigste Jugendarbeitslosenquote in Deutschland.
Aber vielleicht legt die Bertelsmann-Stiftung, die "alle Lebensbereiche nach den 'Grundsätzen des Unternehmertums und der Leistungsgerechtigkeit' und dem Leitbild 'so wenig Staat wie möglich' umgestalten" (Wikipedia) möchte, andere Kriterien an, um ein Schulsysten als "gut" zu beurteilen ...