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Anschlag auf BVB-Bus Festgenommener war wohl Einzeltäter

Gegen den gestern festgenommenen Tatverdächtigen ist jetzt Haftbefehl erlassen worden. Laut Bundesanwaltschaft hat er den Anschlag auf den BVB-Bus alleine geplant und durchgeführt. Er habe mit dem Attentat einen Kurssturz der BVB-Aktie herbeiführen wollen, um damit an der Börse Millionen zu verdienen.

Stand: 22.04.2017

Spezialkräfte der GSG 9 nahmen den Tatverdächtigen am frühen Morgen in einem Einfamilienhaus in Rottenburg am Neckar fest. Die Generalbundesanwaltschaft wirft dem Deutschrussen Sergej W. versuchten Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vor.

Großrazzia im Morgengrauen

An den Ermittlungen, die nun zur Festnahme führten, waren mehrere hundert Beamte des Bundeskriminalamtes sowie der nordrhein-westfälischen und der baden-württembergischen Polizei beteiligt. Durchsucht wurden Gebäude in vier baden-württembergischen Städten - außer in Rottenburg auch in Freudenstadt, dem Wohnort des Täters, sowie in Tübingen und Haiterbach bei Calw.

Täter wollte offenbar BVB-Aktienkurs manipulieren

Lange war über Täter aus dem islamistischen oder dem rechtsextremen Spektrum spekuliert worden - beide sind in Dortmund präsent. Jetzt zeichnet sich ab, dass der Anschlag wohl eine besonders perverse Variante von Fußball-Wettmanipulation mithilfe von Aktien war: Borussia Dortmund ist der einzige börsennotierte Bundesligist.

Laut Bundesanwaltschaft hat der Beschuldigte am 11. April - dem Tag des Anschlags auf den BVB-Bus - 15.000 Verkaufsoptionen im Wert von 78.000 Euro für die BVB-Aktie erworben. Die Papiere hätten eine Laufzeit bis zum 17. Juni gehabt. Finanziert wurde die Transaktion über einen Anfang April 2017 aufgenommenen Verbraucherkredit.

"Das haben wir auch noch nicht erlebt, dass ein Anschlag, zu dem wir ermitteln, sich dann so entwickelt und am Ende sich als so eine perfide Form von Manipulation von Börsenkursen herausstellt. Das ist schon etwas völlig Neues."

Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamts (BKA)

Täter nahm offenbar Tote in Kauf

Der Screenshot von der Website von Borussia Dortmund zeigt den Kursverlauf der BVB-Aktie vom Tag des Anschlags bis zum 20. April.

Der Täter spekulierte mit sogenannten Put-Optionen auf fallende Kurse - je höher der Kursverlust, desto höher sein Gewinn. Wären durch den Anschlag mehrere Spieler schwer verletzt oder sogar getötet worden, hätte dies wohl zu einem Absturz der Aktie geführt. Wie hoch der maximale Gewinn des mutmaßlichen Täters gewesen wäre, wird derzeit laut Bundesanwaltschaft noch geprüft. Tatsächlich rutschte die Aktie nach dem Anschlag kurz ab, schloss dann aber im Plus. Wichtiger für den Kursverlauf waren die sportlichen Leistungen: Nach dem Aus im Viertelfinale der Champions League fiel der Wert um rund 3,5 Prozent.

Den Kauf der Verkaufsoptionen tätigte der mutmaßliche Täter über die IP-Adresse des Hotels "L'Arrivée", wo die Mannschaft von Borussia Dortmund gastierte. Sergej W. hatte sich dort bereits am 9. April einquartiert - in einem Dachgeschosszimmer mit Blick auf den späteren Anschlagsort.

"Jedes Motiv für eine solche Tat ist abscheulich - sollte der Beschuldigte tatsächlich aus bloßer Geldgier versucht haben, mehrere Menschen zu töten, wäre das einfach grauenhaft."

Bundesjustizminister Heiko Maas

Professionelle Sprengsätze ...

Bei der Explosion war der BVB-Verteidiger Marc Bartra durch Metallsplitter verletzt worden. Ein Motorrad-Polizist, der den Bus begleitet hatte, leidet unter einem Knalltrauma. Es hätte aber noch wesentlich schlimmer ausgehen können.

Hier explodierte einer der Sprengsätze.

Die drei Sprengsätze waren über eine Länge von zwölf Metern in einer Hecke entlang der Fahrstrecke des Mannschaftsbusses angebracht. Die Wirkung der Sprengsätze war auf den Bus ausgerichtet. Die Zündung erfolgte nach derzeitigem Erkenntnisstand für jeden Sprengsatz separat über eine funkausgelöste elektrische Schaltung.

"Die Sprengsätze wurden zeitlich optimal gezündet", hieß es. Sie waren mit Metallstiften bestückt. In der Kopfstütze des zweiten Sitzes in der hinteren Reihe des Busses wurde einer der in den Sprengsätzen verbauten Metallstifte gefunden; ein anderer in einer Entfernung von 250 Meter. Welcher Sprengstoff benutzt wurde, wird noch untersucht und muss beispielsweise mittels Bodenproben ermittelt werden, sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft Köhler.

... und falsche Fährten

Unmittelbar nach dem Anschlag waren mehrere nach derzeitigem Erkenntnisstand allesamt gefälschte Bekennerschreiben mit angeblich rechts- und linksextremer sowie islamistischer Urheberschaft aufgetaucht. Die letztgenannten stammen wohl vom Täter, der damit von sich ablenken wollte, die anderen von Trittbrettfahrern.

Die Polizei hatte zunächst vor allem in Richtung eines islamistischen Anschlags ermittelt und zwei Iraker vorübergehend festgenommen. Zugleich hatte sie stets betont, dass in alle Richtungen ermittelt wird - was jetzt zum Fahndungserfolg führte.

Eigene Sicherheitsabteilung bei BVB

Borussia Dortmund will nach dem Anschlag die Sicherheitsmaßnahmen deutlich erhöhen, so der Geschäftsführer des Fußball-Bundesligisten Hans-Joachim Watzke. Borussia Dortmund werde im Unternehmen eine eigene Abteilung Sicherheit einrichten. Dafür sind ehemalige GSG9- und BKA-Mitarbeiter im Gespräch.

Rückblick: Der Anschlag in Bildern


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