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Einsätze in Brüssel Suche nach den Terrorhelfern geht weiter

Nach den Selbstmordanschlägen von Brüssel fahnden die Behörden weiter nach Komplizen und Hintermännern. Zuletzt wurden in Belgien, Frankreich und Deutschland fast ein Dutzend Verdächtige festgenommen. Am Abend gedachten Hilfskräfte der Anschlagsopfer.

Von: Holger Romann

Stand: 25.03.2016

Emergency services observe a minute of silence to the people killed and injured in the 22 March Brussels terrorist attacks, at Place de la Bourse, in Brussels, Belgium | Bild: picture-alliance/dpa

Spezialeinsatzkräfte der Polizei durchsuchten ein verdächtiges Haus in Belgien und verhaftete einen Verdächtigen. Der Mann stehe im Zusammenhang mit den Attentaten im Flughafen und in der Metro-Station von Brüssel, sagte der Bürgermeister der Gemeinde, Bernard Clerfayt. In der Nacht davor hatte es bereits Razzien unter anderem in Schaerbeek gegeben, bei denen laut Staatsanwaltschaft weitere sechs Verdächtige festgenommen wurden. Auch im Vorort Forest gab es eine Festnahme. Ein Polizist habe den unbekannten Mann, der auf Bildern der Überwachungskameras mit dem Selbstmord-Bomber Khalid el Bakraoui zu sehen sein soll, wiedererkannt.

Staatsanwaltschaft: Laachraoui ist der zweite Selbstmordattentäter

Najim Laachraoui

Der 24-jährige Najim Laachraoui ist einer der beiden Selbstmordattentäter vom Brüsseler Flughafen. Damit bestätigte die Staatsanwaltschaft übereinstimmende Berichte belgischer Medien der vergangenen Tage. Laachraoui war auf Bildern einer Überwachungskamera zu sehen. Er gilt als Komplize des am vergangenen Freitag in Brüssel im Zusammenhang mit der Pariser Terrorserie vom November 2015 festgenommenen Salah Abdeslam. Der andere Flughafen-Attentäter war bereits als Ibrahim El Bakraoui identifiziert worden. Nach einem dritten Mann wird noch gesucht.
Der Bericht der Staatsanwaltschaft zeigt Verbindungen zwischen Laachraoui und den Pariser Anschlägen: So seien DNA-Spuren des Attentäters an den Tatorten in Paris gefunden worden, dem Stadion Stade de France und dem Musikclub Bataclan. DNA-Spuren wurden außerdem an einem Sprengstoffgürtel entdeckt, in einem Mietshaus in Auvelais sowie in einer Wohnung in Schaerbeek, die von den Terroristen gemietet worden war. Der 24-Jährige soll im Februar 2013 nach Syrien gereist sein und sich der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) angeschlossen haben. Anfang September 2015 kam er mit der falschen Identität Soufiane Kayal zusammen mit Salah Abdeslam und Mohamed Belkaid in eine Kontrolle an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich. Seit August 2015 wurde er mit europäischem Haftbefehl gesucht.

Deutsches Opfer unter den Anschlagsopfern

In Forest war vergangene Woche der 35-jährige Algerier Mohamed Belkaid erschossen worden. Dort waren die Ermittler auch auf die Spur des inzwischen inhaftierten mutmaßlichen Paris-Attentäters Salah Abdeslam gestoßen. Inzwischen ist vom Auswärtigen Amt bestätigt worden, dass sich auch eine Deutsche aus Aachen unter den Opfern des Terroranschlags auf dem Flughafen in Brüssel befindet.

Belgische Minister unter Druck

Polizei-Einsatz in Belgien | Bild: Bayerischer Rundfunk zum Video Kampf gegen den Terror Festnahmen in Belgien, Frankreich und Deutschland

Immer klarer wird, dass die Anschlags-Serie von Brüssel das Werk einer international agierenden Terror-Gruppe war. Quer-Verbindungen führen auch nach Deutschland. Es gab Festnahmen in Düsseldorf und Gießen sowie in Belgien und Frankreich. [mehr]

Derweil gerät die belgische Regierung wegen mehrerer Pannen und Versäumnisse im Anti-Terror-Kampf immer stärker unter Druck. Die Opposition wirft den Ministern für Inneres und Justiz, Jambon und Geens, vor, das vorbestrafte Brüderpaar el Bakraoui nicht scharf genug überwacht zu haben. Anlass ist die Erklärung des türkischen Präsidenten Erdogan, man habe den einen der beiden als potentiellen Gefährder nach Belgien gemeldet. In Brüssel habe man die Warnung jedoch ignoriert. Auch gibt es Gerüchte, wonach die Polizei der Stadt Mechelen den Aufenthaltsort des Paris-Attentäters Abdeslam frühzeitig gekannt habe:

Sollten diese Informationen stimmen, empört sich Oppositionsführerin Laurette Onkelinx, von den Sozialisten, spreche dies für einen "Krieg" im Polizei-Apparat, dem man auf den Grund gehen müsse. Auch stelle sich die Frage, wie diese Regierung das Land vor weiteren Schlägen schützen wolle.

Untersuchungsausschuss geplant

Rettungskräfte vor einer Metro Station in Brüssel | Bild: Reuters (RNSP)/ zum Artikel Kritik an belgischen Ermittlern wächst Was lief alles schief in Brüssel?

Die belgische Regierung und die Ermittlungsbehörden geraten wegen der Anschläge von Brüssel zunehmend unter Druck. Ihnen werden mehrere schwere Versäumnisse und Pannen im Kampf gegen den Terror vorgeworfen - und es kommen immer neue hinzu. Ein Überblick. [mehr]

Justizminister Koen Geens hat inzwischen Nachlässigkeiten im Umgang mit den Hinweisen aus der Türkei eingeräumt. Diese seien innerhalb Belgiens zu langsam weitergegeben worden, bekannte Geens in einem Interview. Erschwerend hinzu kommt, dass sowohl Ibrahim el Bakraoui, der Kamikaze-Attentäter vom Flughafen, als auch sein Bruder Khalid wegen Verstößen gegen Bewährungsauflagen eigentlich hätten in Haft sitzen müssen. Hier, so Geens, hätten die Behörden wohl Fehler gemacht

Hier fanden die Explosionen in Brüssel statt

Ungereimtheiten und Fehlleistungen, die auf Beschluss der Mehrheit im Parlament nun ein Untersuchungsausschuss aufklären soll. Ein Vorgang mit Seltenheitswert, setzt sich normalerweise doch die Opposition und nicht die Regierung für ein solches Gremium ein. Trotzdem müssen sich Justizminister Geens und Innenminister Jambon auf unangenehme Fragen gefasst machen. Ihr Rücktrittsgesuch immerhin hatte Premier Charles Michel gestern zurückgewiesen. Ein Zeichen, dass das Mitte-Rechts-Bündnis enger zusammenrückt.

US-Außenminister Kerry in Brüssel

Leichte Entspannung gibt es, was die Sicherheitslage betrifft. So hat der nationale Krisenstab die Terrorwarnstufe für ganz Belgien, drei Tage nach den Anschlägen, von 4 auf 3 gesenkt. Eine terroristische Bedrohung gilt demnach nur noch als "möglich und wahrscheinlich", nicht mehr als "ernst und unmittelbar". Der Verkehr in Brüssel rollt weitgehend normal, auch U-Bahnen, Trams und Busse fahren wieder. An neuralgischen sind Militär und Polizei allerdings weiter massiv präsent. Vor allem im EU-Viertel, wo US-Außenminister Kerry am Vormittag von Kommissionspräsident Juncker empfangen wurde. Es war Balsam auf die noch frischen Wunden der vom Terror heimgesuchten EU-Metropole. Wie damals nach den Attentaten von Paris machte Kerry auch in Brüssel deutlich, dass die Vereinigten Staaten in Zeiten der Not an der Seite Europas stünden. Im Namen Präsident Obamas und des amerikanischen Volkes sprach er Premier Charles Michel und den Belgiern sein tief empfundenes Beileid aus.

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