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Beginn einer hässlichen Scheidung? Brexit Showdown

Das Brexit-Gesetz hat die letzte parlamentarische Hürde genommen. Großbritannien nimmt damit Kurs auf einen harten Ausstieg aus der EU, so, wie es Premierministerin May angekündigt hatte. Beginnt mit den Austrittsverhandlungen ein Rosenkrieg?, fragt das Dossier Politik.

Von: Carola Brand und Nina Landhofer

Stand: 14.03.2017

Die Uhr tickt für den britischen Ausstieg Großbritanniens. Premierministerin Theresa May hat nun freie Hand für die Verhandlungen in Brüssel. Sie kündigt einen harten Brexit an.

Theresa May, Premierministerin

"Brexit means Brexit, and we are going to make a success of it."

Theresa May, britische Premierministerin

Das klingt entschlossen. Doch Beobachter zweifeln. Die britische Regierung habe keinen wirklichen Plan, wie der Brexit ausgehandelt und vonstatten gehen muss, sagt der Wirtschaftshistoriker Matthias Morys von der University of York.

"Ich glaube substantiell bei der Frage, welchen Deal sie (May) mit Europa haben möchte, da fehlt eine wirklich klare Vision."

Mattias Morys, Wirtschaftshistoriker

Nicht nur das, auch das Personal in den Londoner Ministerien fehle, so Morys im Dossier Politik. Über die Details mache man sich viel zu wenige Gedanken. Allerdings, ziehe er den Hut vor der klugen politischen Strategie Mays, so Matthias Morys, den Gegner einerseits in Schach zu halten und andererseits auf ihn zuzugehen.

"Englische Wirtschaft ist auf Ausländer angewiesen"

Immerhin 48 Prozent der Briten hatten für den Verbleib in der Union gestimmt. Doch die Mehrheit der Briten votierte für "leave". Viele waren vor allem deshalb für den Austritt, weil sie den Zuzug von EU-Bürgern auf die Insel eindämmen wollen.

Matthias Morys bezweifelt, dass diese Rechnung aufgeht.

"Die englische Wirtschaft ist massiv auf die Ausländer angewiesen. Das ist ja gerade das Paradoxe des Brexit, dass die Einwanderung wirtschaftliche extrem gut ist und war. Es hat sich gegen diese wirtschaftlich sinnvolle Einwanderung nur politischer Widerstand, Ressentiments entwickelt, aber wirtschaftlich wird es England ohne die Ausländer gar nicht machen können."

Matthias Morys, Wirtschaftshistoriker

Brexit-Verhandler der EU: "Keine Rosinenpickerei"

Die EU schickt eine dreiköpfige "Task-Force" in die Austrittsverhandlungen. Als unbestrittener "Mr. Brexit" oder besser gesagt "Monsieur Brexit" gilt dabei der Franzose Michel Barnier, und der macht Druck.

"Die Zeit ist knapp. Es ist klar, dass der Zeitraum für die eigentlichen Verhandlungen kürzer ist als 2 Jahre."

Michel Barnier, leitet das EU-Team für die Brexit-Verhandlungen

Der Kurs geht Richtung Brexit.

Barnier ist einer, den vor allem die Londoner Banken noch lebhaft in Erinnerung haben dürften: Als EU-Kommissar hatte er versucht, den Kredithäusern härtere Auflagen zu verpassen. Bei den Brexit-Verhandlungen ist seine Richtschnur, "die Einheit der 27 verbleibenden EU-Staaten zu erhalten" und kein "Rosinenpicken" der Briten zuzulassen.

Zum Verhandlungsteam der EU gehören außerdem der belgische Diplomat Didier Seeuws, der als akribischer und zäher Verhandler gilt, und sein Landsmann Guy Verhofstadt, Brexit-Beauftragter des EU-Parlaments.

"Blicken wir der Realität ins Auge: Unsere Union befindet sich in der Krise."

Guy Verhofstadt, ehemaliger belgischer Premierminister

Auch Schottland will die Scheidung - und das Öl

Nicola Sturgeon, schottische Ministerpräsidentin

Wenn es nach der nationalistischen Regierungschefin von Schottland, Nicola Sturgeon, geht, droht den Briten ein zweiter Rosenkrieg. Sturgeon hat ein neues Referendum über die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien angekündigt. Darin steckt nicht nur politischer Zündstoff, sondern auch wirtschaftlicher. Denn vor der Küste Schottlands liegt das gesamte britische Öl.

2014 ist ein Referendum über die schottische Unabhängigkeit gescheitert, diesmal aber stehen die Chancen besser, glaubt Matthias Morys, der als Wirtschaftshistoriker an der University of York lehrt: "Es wird auf alle Fälle sehr knapp werden." Ein zentraler Punkt sei, dass die Europäische Union der schottischen Unabhängigkeit jetzt positiver gegenüberstehen wird.

"Vor drei Jahren hat man ja gesagt, na ja, da warten wir mal, eigentlich können wir Schottland dann nicht in die Europäische Union aufnehmen als unabhängiges Land. Jetzt ist es umgedreht: Die Europäische Kommission hat ja vor einigen Monaten gesagt, die Schotten hätten sich jetzt verdient, gehört zu werden in ihrem Anliegen Unabhängigkeit. Und letztlich ist Schottland natürlich zur Verhandlungskarte für Brüssel geworden."

Matthias Morys, Wirtschaftshistoriker

Dossier Politik, 15.3.2017, 21:05 Uhr, Bayern2

Matthias Morys, Wirtschaftshistoriker, University of York | Bild: Matthias Morys

Matthias Morys

Thema: Brexit Showdown – Beginn einer hässlichen Scheidung?

Studiogast: Matthias Morys

Wirtschaftshistoriker, University Of York

"Das ist ja gerade das Paradoxe des Brexit, dass die Einwanderung wirtschaftlich extrem gut ist und war." Matthias Morys

Moderation
: Ina Krauß
Redaktion: Nina Landhofer, Andrea Herrmann

Beitrag in der Sendung:
Der Countdown läuft- Großbritannien und die EU vor den Brexit-Verhandlungen - Eindrücke von Kai Küstner, Jens-Peter Marquardt, Stephanie Pieper, Ralph Sina und Thomas Spickhofen

  • Carola Brand | Bild: BR Carola Brand

    Verantwortliche Redakteurin für den "Funkstreifzug" auf B5aktuell

  • Ina Krauß | Bild: BR/Julia Müller Ina Krauß

    Autorin, Moderatorin und Redakteurin in der Politikredaktion.

  • Andrea Herrmann | Bild: BR/Theresa Högner Andrea Herrmann

    Redakteurin und Moderatorin der Redaktion Politik und Hintergrund


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